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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 36 
Während sie sich aus ihrer halbliegenden Stellung im Schaukelstuhle aufrichtete, fiel ihr Blick auf 
ein neben ihr auf einem kleinen Tischchen liegendes Zeitungsblatt. Unwillkürlich begann sie zu 
lesen. Da stand es ganz deutlich in dem italienischen Lokalblättchen; Übermorgen früh verläßt 
der deutsche Dampfer „Conrad“ aus Bremen den Hafen von Genua, um über Algier— 
Gibraltar—England die Reise in seine Heimat anzutreten, und mit einem Male stand 
der Entschluß in Lianes Herzen fest: mit diesem heimatlichen Dampfer „Conrad“ 
mußte sie mitfahren, koste es, was es wolle. Da hatte man ein Stück Deutschland 
unter den Füßen, konnte die nie vergessenen Laute der Heimat einmal wieder hören. 
Der nächste Morgen war nicht früh genug, da stand Liane schon im Agentur 
büro der deutschen Schiffahrtslinie in Genua und belegte für sich und ihre Zofe 
Edmee eine Kabine erster Klasse auf dem Dampfer „Conrad“ zur Fahrt über 
Algier—Gibraltar—England nach Bremerhaven. 
Als „Conrad“ die Anker lichtete, um von Genua südwärts den Kurs auf 
die nordafrikanische Küste zuzuhalten, befand sich in der Liste der neu 
hinzugekommenen Passagiere der Name der Madame Liane de Meaux 
aus Paris nebst Zofe, und keiner hätte unter diesem Namen das 
einstige kleine Kapellmeisterstöchterlein aus Gerstenberg an der 
Aller vermutet, das aus Sehnsucht nach den Klängen der deutschen 
Heimatsprache diese Fahrt über das blaue Mittelmeer ange 
treten hatte. 
Übrigens war Neptun galant genug gegen die junge Frau, 
um ihr eine ruhige und angenehme Seefahrt zu ge 
währen. 
Beim ersten Diner an Bord, das man schon auf 
hoher See einnahm, bemerkte Liane zu ihrer 
Freude, daß ihr in der Person des Kunstmalers 
Willy Reichelt aus Bremen ein sehr liebens 
würdiger, ausnehmend gut aussehender 
Tischherr beschieden worden war. 
Reichelt, der fließend französisch 
sprach, war so höflich, seiner schönen 
Tischnachbarin zu verschweigen, 
daß er diese glänzende Kenntnis 
ihrer Muttersprache einem 
mehr als dreijährigen Auf 
enthalt verdankte, den er 
während des Krieges in 
Frankreich zu nehmen 
Jabrg. 27 
gezwungen war, — 
So verfloß nun 
die anderthalb 
tägige Ueber- 
fahrt von 
Genua bis 
Algier 
äußerst 
anregend, 
und Liane 
fand von jeder 
der gemein 
samen zahlreichen 
Mahlzeiten bis zur 
anderen, daß der 
Kunstmaler Willy 
Reichelt aus Bremen ein 
äußerst angenehmer und 
netter Reisegenosse sei, und 
da sie sich obendrein ja so sehr 
nach allem, was deutsch war, ge 
sehnt hatte, so fiel es ihr gar nicht 
schwer, sich in den charmanten Tisch 
nachbarn bis über beide Ohren zu ver- 
lieben. Er selber brachte der bildhübschen 
Fahrtgenossin die schuldige Huldigung eines 
Mannes entgegen, der eine schöne und gut an 
gezogene Frau weniger schönen und weniger gut 
angezogenen ganz selbstverständlich vorzuzuiehen 
pflegt. — Über diesen Grad pflichtschuldiger und so- 
' Zusagen selbstverständlicher Huldigung ging Willy 
Reichelts Verehrung für die schöne Pariserin nicht hinaus. 
Liane war viel zu klug und viel zu viel Vollweib, um diese 
Tatsache nicht zu bemerken; sie führte sie zuerst auf poli 
tische Motive zurück, erfuhr aber dann im Laufe des Gespräches 
von Reichelt, daß er viel zu aufgeklärt und viel zu sehr Welt 
bürger sei, um einem einzelnen Angehörigen einer fremden Nation 
die vielleicht vorhandene Abneigung gegen ein ganzes Volk merken 
zu lassen. — Liane glaubte diesen Worten des deutschen Künstlers ohne 
weiteres; konnte aber nicht umhin, sich desto mehr über die kühle Art 
und Weise zu argem, mit der dieser Mann, der ihr so gut gefiel, sie zu be 
handeln beliebte. — Reichelt hatte seiner Tischnachbarin gleich am ersten 
Tage ihrer gemeinsamen Fahrt erzählt, daß er von einer großen deutschen 
Filmgesellschaft ausgeschickt worden sei, um in Nordafrika ein Beduinenmädchen 
ausfindig zu machen, das sich für die Hauptrolle in dem von der Gesellschaft ge- 
~ Orients“ eiöne. Er erzählte er tei 
„„ofinrliö zu machen, die dem raeai enxspiamc, um mm im uicsc ngur 
'V junge Onentalm ausfm g hr g Jetzte Hoffnung nach dieser Richtung hin; als sich 
vorschwebte. Algier se ^ wie ihr naC hher selber schien, anbot, ihm bei seinen Streif- 
Runter. du Affet .darauf dem Blütenkelch des Orients“ in Algier behilflich sein zu wollen, da 
^^der 3 jung* 1 Deutsche viel zu höflich gewesen, um dies freundliehe Angebot de, hubsehen 
war
        
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