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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

AIr 36 
Jahrg. 27 
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Wir drängten uns zum Ausgang; aber alles war von 
dem bunten Menschengewühl überflutet. In der Bar 
wurde so laut geredet, daß man keine Hand rühren 
konnte; endlich fanden wir in den überfüllten Restau 
rationssälen in einer Laube einen Tisch, an dem eine 
rosenrote Pierrette sehr nahe neben einem blauen 
Wertherfrack saß; wie tief das süße Pierrettchen dekol 
letiert war, entzog sich meiner Beurteilung, da ich takt 
voll genug war, nicht unter den Tisch zu blicken. 
Der violette Domino sah mich an, ihre Augen 
hielten mich fest. „Wie heißt du — wie soll ich dich 
nennen?“ fragte ich langsam. 
„Lysa“, antwortete es aus der Maske, ohne daß sich 
ihre Augen geregt hätten. 
„Und du kennst mich?“ 
Sie nickte. „Ich sah dich zwei Tage lang in Lugano.“ 
Ich dachte nach: das war dieses Frühjahr gewesen. 
„Und ich?“ 
„Du hast mich nicht bemerkt — konntest mich auch 
nicht bemerken, du warst viel zu sehr mit dem rot 
blonden Ding beschäftigt, das du als deine Frau aus 
gabst.“ — 
„Kannst recht haben; Herrgott, muß ich einen starken 
Eindruck auf dich gemacht haben!“ 
Ihre Schultern zuckten, dann sagte sie hart: „Noch 
ein Wort in diesem Tone und ich gehe.“ 
Der Kellner stellte den silbernen Sektkübel vor uns 
hin und füllte die Gläser. 
Ich hob den hauchbeschlagenen Kelch: „Zur Ver 
söhnung — wäre schade um das Fest!“ 
Vorsichtig schlug sie die Maske empör und trank; 
ich sah zwei rote, blühende Lippen, zwischen denen 
schneeweißer Zahnschmelz schimmerte. 
„Erzähle mir was von dir —“ bat ich. 
„Was kümmert’s dich?“ fragte sie stolz, „heute ist 
alles ausgelöscht, was war — heute gilt nur die 
Gegenwart.“ 
„Und Lugano —“ setzte ich behutsam fort. „Was 
war dort — willst du es nicht sagen?“ 
„Ich habe das rotblonde Mädel beneidet —“ ant 
wortete sie leise, als spräche sie gar nicht zu mir. 
„Du warst allein dort?“ 
„Nein —“ sagte sie herb. „Aber ich habe sie be 
neidet — um das gesättigte Glück, das jeden Morgen 
auf ihren Zügen lag, um das stille Aufleuchten in ihren 
Augen, wenn sie dich anblickte — beneidet um ihren 
Mut, ihrer strahlenden Liebe zu leben; ich war so 
hungrig — bin immer hungrig gewesen — und wenn 
die Tafel des Lebens für mich gedeckt war, so fehlte 
mir der Mut, zuzugreifen.“ 
Ich faßte nach ihrer schlanken, kühlen Hand und 
streichelte sie. 
„Wo ist sie heute?“ fragte sie. 
„Ich habe sie seit Monaten nicht gesehen —“ log 
ich, „es war nur der Rausch eines Frühlings.“ 
„Rausch?“ lachte sie bitter, „ich kennen den Rausch 
nicht — ich saß immer im Käfig, von strengen Wächtern 
bewacht; erst von der Mutter — dann habe ich mich 
verkauft — und jetzt bewacht mich mein Mann. Ja 
wohl — verkauft. Um eine herrliche Villa, Pferde, Auto 
mobile — um seidene Kleider und Briflanten. Ich 
konnte in den engen Verhältnissen nicht leben — ich 
wäre verkümmert; ich wählte das Geld — ich dachte 
mir, eines Tages würde auch der funkelnde Kelch vor 
mir stehen. Aber die Zeit glitt vorbei — alle meine 
Wünsche gingen in Erfüllung — und doch trug das 
Leben xias beste Gericht stets an mir vorbei, ich 
mußte hungrig Zusehen, wie andere davon schmausten.“ 
Sie atmete tief und leerte in einem Zuge das volle 
Glas. — 
„Und bist du nie einem Manne begegnet, der dich 
liebte — den du lieben konntest?" 
„Ich bin nicht häßlich —“ sagte sie, „ich wurde be 
gehrt — und es waren auch welche darunter, die mir 
gefielen: doch ich hatte nicht den Mut — du weißt nicht, 
wie eifersüchtig mein Mann ist; ich scheute den Skandal 
— ich wollte nicht riskieren, in meine Armut zurück 
kehren zu müssen. Und er würde mich hinauswerfen, 
dazu kenne ich ihn gut genug.“ 
Jemand schlug mich auf die Schulter; ich drehte mich 
um und sah einen der anderen violetten Dominos 
zwischen zwei eleganten Herrengestalten. 
„Na — zufrieden?“ lachte sie, „oder willst du 
tauschen?“ Dann beugte sie sich zu Lysa herunter, 
tuschelte mit ihr und zog mit ihren Kavalieren ab. 
Lysa schob die Maske ein wenig empor und setzte 
den Kelch an die Lippen; und in mir stieg ein heißes, 
unbändiges Verlangen auf, diesen stolzen Mund zu 
küssen — ich neigte mich über die weiße, schmale 
Hand und küßte die weiche Haut, die sich vom Daumen 
zur Wurzel des Zeigefingers spannte. „So würde ich 
deine Lippen küssen —“ 
„Laß das —“ sagte sie, doch in ihrer Stimme lag mehr 
Gewährung als Abwehr. „Dazu bin ich nicht herge 
kommen; ich wollte einmal frei sein von allem lästigen 
Zwang — wollte vor einem fremden Menschen mein 
Schicksal ausbreiten. Ist es nicht grotesk, daß man die 
Maske tragen muß, um frei zu sein?“ 
„Ich bin einsam wie du — auch ich trage im Alltag 
die unsichtbare Maske; und ich weiß, daß man sie 
manchmal ablegen muß, um nicht darunter zu er 
sticken.“ Wieder senkten sich meine Lippen auf die 
weiße Hand. 
„Ich will aufrichtig zu dir sein — wie man zu dem 
Vaganten aufrichtig ist, den man auf der Straße be 
gegnet, neben dem man eine Strecke weit geht und von 
dem man sich mit dem Bewußtsein trennt, daß man 
sich nie wieder begegnen wird.“ 
Die Hand war heiß geworden unter meinen Küssen, 
das Blut rauschte mir siedend durch die Adern, „Komm 
zu mir —■“ sagte ich leise zwischen die Finger hinein — 
„Bist du toll?“ zischte sie. 
Aber das Begehren brannte immer höher empor, ich 
preßte die Hand an mich, die sich mir entziehen wollte. 
„Ich kann dir den Rausch geben — das Vergessen — 
den funkelnden Kelch — komm —“ 
Sie sank zusammen — schüttelte den Kopf. 
„Du bist frei — niemand weiß von dir — sieh, nun 
ist der Tisch für dich gedeckt — willst du nicht zu 
greifen?“ 
Nach einer langen Pause hob sich die violette Maske, 
aus den Augenschlitzen blitzte ein heißer Strahl. 
„Schwöre mir —“ sagte sie kaum vernehmbar. 
„Ja —?“ Meine Pulse flogen. 
„Schwöre mir, daß du nie versuchen wirst, zu er 
fahren, wer ich bin —“ 
„Ich schwöre —“ Unsere Finger umkrampften sich, 
als wollten sie sich zermalmen. Ich hätte in diesem 
Momente unbedenklich jeden Eid geleistet. 
Und dann gab sie mir ihren Garderobezettel. 
Im Auto schmiegte sie sich eng an mich wie ein ge- 
ängstigtes Kind — ihr Atem ging stürmisch. Wir 
waren beide wie gefroren in einer maßlosen Erregung. 
Ich hatte meinen Arm um ihre Schultern gelegt, 
streichelte sie, sprach sinnlose, flammende Worte zu 
ihr: sie durfte nicht zur Besinnung kommen. Warum 
fährt der Kerl nur so entsetzlich langsam?!
        
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