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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jchrg. 27 
Nt. 36 
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DER VIOLETTE DOMINO 
■ Ernst v. Csala ■ 
.... eyn Kurzweil, so man in Fasnachtszeyt 
treibet; seind sämbtlich Frauen und Fräuleins 
maskieret, daß Eyne umb die Andere nichts wisse. 
Drumb herrschet auch allhiero die größte Freyheit 
und Fröhlichkeit, item kann Eyn jegliches mit 
Dem, so sie in Liebe zugetan, nach Herzens Lüsten 
tanzen üfid scharmuzieren, als sey er ihr ehelich 
öemal für dise Nacht. So aber der Morgen grauet, 
sey alles vergessen und soll Jeglicher seyn wie 
Vordem. 
Carolus Hillgerius, Ergötzliche Aventiuren. 1703. 
M ontag kam der erste Brief; die Adresse mit 
der Maschine geschrieben, im Kuvert eine 
Karte, auf der in offenbar verstellter Schrift 
stand: „Ich komme Samstag auf die Künst- 
lerhausredoute“. Diese Nachricht erschütterte mich 
nicht wesentlich, aber immerhin konstatierte ich, daß 
die Woche gut beginne. 
Dienstag kam der zweite Brief; dasselbe Kuvert, auf 
der Karte stand: „Wirst du Samstag auf die Künstler- 
hausredoute kommen?“ Angesichts der Unmöglichkeit 
der Beantwortung schien mir diese Frage ein wenig 
zwecklos. 
Mittwoch kam der dritte: dieselbe Sache, die Karte 
verkündigte: „Ich erwarte dich Samstag bestimmt!“ Hm 
— dachte ich, das kommt vor; wenigstens ist der Ab 
sender über seine tags vorher geäußerte Frage bereits 
im Klaren. 
Donnerstag kam wieder einer: er enthielt nur die 
Worte: „Ich auch“. Ich fand, daß meiner bescheidenen 
Persönlichkeit bereits zuviel Aufmerksamkeit erwiesen 
würde, maß aber der ganzen Angelegenheit keine über 
triebene Wichtigkeit bei. 
Freitag kam keiner, was ich als Nachlässigkeit emp 
fand; ich hatte mich bereits an die reizvollen Über 
raschungen gewöhnt. 
Und Samstag ging ich natürlich hin — gespannt, wie 
sich das Abenteuer der vier Briefe entwickeln würde; 
zwar kannte ich solche Scherze zu genau, hatte selber 
schon mit derartigen Briefen Unfug genug angerichtet 
— einmal, als ich irgendwo zu diesem Zwecke ein be 
stimmtes Briefpapier — hm — an mich brachte — na 
— schweigen wir. Aber schließlich — man geht immer 
Abenteuern entgegen, und jedes Abenteuer kann das 
große Erlebnis sein. 
Das Fest unterschied sich kaum von den Festen der 
Vorjahre; lichterfüllte, strahlende Säle, viel Blumen, 
Blattgewächse, Palmen und sonstiges Gemüse — ein 
Strudel von Menschen, die sich entschlossen hatten, 
eine Nacht lang die flauen Zeiten zu vergessen — 
tadellose, und manche ruhestandsbedürftige Fräcke, 
raffinierte Toiletten und bunte Dominos von (manch 
mal) erfreulicher Offenherzigkeit — irgendwo in einer 
Ecke ein schmetterndes Orchester — und über allem 
eine Wolke von Parfüm und Zigarettenrauch, zerrissen 
von Gelächter, Gekreisch und Geschäker. 
Ich lehnte mich an eine Säule und ließ zunächst 
zwecks einer Art Inventaraufnahme den brausenden 
Menschenstrom an mir vorbeitreiben. Bekannte gab 
JT — ich tauschte grüßende Blicke und 
fluchtige Händedrücke. — Schließlich schleiften mich 
zwei schneeweiße Colombinen unter den üblichen 
Neckereien im Saale umher, vor deren Sektgelüsten 
mich nur eine eilige Flucht rettete. 
Ein kleines Märzveilchen sprach ich an, dem man 
sofort ansah, daß es sich zum erstenmal auf eine Re 
doute gewagt hatte; doch das Mädel lief mir mitten im 
Saale davon, weil ich nicht aufhörte, sie zu duzen, und 
sie von dieser traulichen Sitte offenbar nichts wußte. 
Sofort rollte eine dicke Türkin, massiv wie ein Tank, 
auf mich zu: „Laß das grüne Zeugs —“ dröhnte ihre 
mächtige Baßstimme, „halte dich lieber an reifere, er 
fahrenere Frauen.“ Aber ich dankte; Erfahrung hätte 
ich selber genug, und was die Reife anbeträfe — damit 
entwand ich mich ihren Armen, die an Vollgummireifen 
erinnerten. „Flegel!“ schimpfte sie hinter mir drein. 
Und plötzlich standen vier violette Dominos vor 
mir — gleich große Gestalten, undurchdringlich in die 
seidenen Mäntel gehüllt, die bis zu den Knöcheln 
reichten. Dichte Masken vor den Gesichtern — 
funkelnde Augen. Einen Moment stutzte ich, dann 
zählte ich laut: „Eins — zwei — drei — vier“ — 
„Bravo —“ lachte eine, „ich dachte, du könntest nicht 
bis drei zählen,“ 
Ich grinste vergnügt. „Also, ihr habt mir diese netten 
Briefchen geschickt?“ 
„Gewonnen!“ sagte die eine triumphierend zu ihren 
Genossinnen, „ich habe nämlich gewettet, du würdest 
Grütze genug haben, den Zusammenhang zu erraten.“ 
Ich verneigte mich gravitätisch für dieses ironische 
Kompliment. 
„Aber geschrieben hat sie nur eine einzige —“ nahm 
wieder eine der Violetten das Wort, „kannst du er 
raten, welche es war?“ 
„Welche?“ — Die Schönste natürlich!" 
Sie lachten. „Und welche ist das?“ 
„Ja, Kinder, das ist nicht so einfach zu konstatieren. 
Da müßtet ihr erst die Masken ablegen, die Dominos 
und noch manches andere —“ 
„Gibt’s nicht!“ schrien sie. 
„Dann muß ich auszählen.“ Und ich begann: „Ich 
und du —“ 
„Wir wissen schon, wer der Esel ist — da — die 
kriegst du freiwillig —“ und damit schubsten sie mir 
die eine zu, daß sie in meine Arme flog. 
„Umtausch gestattet?“ fragte ich noch. 
„Nur unversehrte Exemplare —“ kam es zurück, und 
die drei zogen weiter. 
Das übriggebliebene, violette Ding hing sich an 
meinen Arm. „Nicht mehr ganz neu, die Geschichte“, 
sagte ich lächelnd, „aber gut gemacht; meine Aner 
kennung!“ — 
Sie schwieg; der tosende Strom zog uns in seinen 
Strudel. „Wie habe ich eigentlich diese so außer 
ordentlich schmeichelhafte Aufmerksamkeit verdient?" 
Keine Antwort. 
„Deine eigene Idee — oder hat dir eine liebevolle 
Freundin den Tip gegeben?“ 
„Kannst du nur dummes Zeug schwätzen?“ fauchte 
sie mich an. 
„Bitte sehr; wünschen Gnädigste eine philosophische 
Abhandlung, Politik, Literatur, Malerei, Plastik?“ 
„Laß den Unsinn; kann man nicht vernünftig reden 
mit dir?“ 
„O, ja — fange nur an!“ 
„Komm’ weg — die vielen Menschen machen mich 
nervös —“
        
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