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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 35 
32 
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... die in einer klug berechneten, lässig erscheinenden Haltung auf dem Diwan lag ... 
ganze Stunde war schon vergangen, seit der Gatte sie 
verlassen. Sie trat ein. Auf dem Bett lag der Graf, auf 
dem Nachttisch daneben stand eine leere, große 
Kristallkaraffe und ein Rest roten Weines in dem Glas. 
Eine eisige Ruhe war über Margerita gekommen. Sie 
nahm die Kerze und blickte dem trunkenen Schläfer in 
das Gesicht. 
Alt, verwüstet von Leidenschaften, war jetzt dieses 
im Schlaf unbeherrschte Gesicht. Ekel faßte sie und ein 
Schüttelfrost huschte über ihren Körper. Sie trat wieder 
an den Tisch. Eine Brieftasche war dort achtlos hin 
geworfen, Sie war auch jetzt noch zu stolz, ihren In 
halt zu prüfen, aber ein aufgeschlagener, großer Bogen 
lag auf der Platte. Sie warf einen Blick hinein und 
las nur die Überschrift: 
„Abrechnung über von der Mitgift gezahlte Gelder.“ 
Wieder ging ein Ruck durch ihren Körper und 
während der Schläfer sich aufstöhnend auf die andere 
Seite wälzte, ging sie geräuschlos auf ihren nackten 
Füßen in ihr Zimmer zurück. 
Sie sah sich um. Ein ganz anderer Blick war in 
ihrem Auge. Kalt und kritisch betrachtete sie das 
Zimmer. Vorher hatte sie kaum einen Blick dafür ge 
habt. Jetzt war ihr, als ob ein Geruch von Moder und 
Verfall aus diesen Möbeln, aus diesem Himmelbett 
strömte. Gewiß war alles von gediegener Pracht, zumal 
die Räume selbst mit den Gemälden und dem alten 
Stuck. Jetzt sah ihr Auge billige Erneuerungen und 
ausgebesserte Schäden. 
Sie stand mitten im Zimmer und lachte auf, aber es 
war ein häßliches, bitteres, haßerfülltes Lachen. 
Gleichgültig war sie dem Manne dort nebenan. Ein 
abgelebter Wüstling war er, der nicht sie, sondern ihr 
Geld geheiratet hatte. Haß erfüllte sie gegen ihn! Dann 
dachte sie an den Vater. Im ersten Augenblick wollte 
sie zu ihm, sich Rat zu holen, doch dann stockte wieder 
ihr Fuß. 
„Ihr Vater hatte gewußt!“ 
Hatte er sich nicht genau nach dem Marchese er 
kundigt, obgleich er kaum ahnen konnte, daß jener sie 
liebte und um sie werben würde? Natürlich wußte er 
über den Grafen Bescheid! 
Warum? Warum? 
Ihrer jetzt eisigen Kälte kam die Erklärung. Ehr 
geizig waren Vater und Brüder! Seit wenigen Tagen 
hatten beide Brüder glänzende Stellungen durch die 
Gnade des Kardinals. Sie war verkauft! Elend verkauft! 
Das Geld ihrer Mitgift mußte des Grafen Schulden 
zahlen und zum Lohn erhielten die Brüder die Ämter! 
Und jener dort wollte sie nicht einmal! Nicht einmal 
in der Hochzeitsnacht! Wieder lachte sie auf. 
Warum hatte der Vater nicht nur sein Geld gegeben, 
sondern auch sie? 
Und sie fühlte, wie es immer 
härter und haßerfüllter aufstieg 
in ihrem Herzen. Sie haßte den 
Vater, der seine Tochter ge 
opfert. Sie haßte die Brüder, die 
mit dem Glück der Schwester 
ihren Ehrgeiz befriedigten. Sie 
sah das glatte, salbungsvoll 
freundliche Gesicht des Kar 
dinals und haßte auch ihn. Er 
hate gewußt, was er tat und mit 
gespielt in dem schamlosen Spiel. 
Und dann tauchte der Vetter 
Matteo vor ihr auf und — sie 
haßte auch ihn. Hatte er nicht 
ihr Glück gepriesen? Wer weiß, 
welche fette Pfründe ihm die 
Eminenz versprochen, damit er 
das geistliche Gewand nahm und 
sich ihr entzog. 
Ihr ganzes Empfinden war 
voller sprühendem Haß! 
Und dann dachte sie an den Marchesp di Santa Croce 
und weinte laut auf. Einen Verbrecher hatte ihn der 
Vater genannt! Elende Verleumdung war es und weiter 
nichts! 
Verleumdung, um sie dumm zu machen, um ihre 
Liebe zu töten! Und jetzt erschien er ihr als der einzige 
Mensch auf der Welt, der sie geliebt. Ihr war, als fühlt 
sie wieder den Glutblick seiner heißen Augen und die 
Leidenschaft, die in ihm glühte, gleich, wie in ihr. Wenn 
er hier wäre! Wenn sie ihn herrufen könnte mit ihren 
Wünschen! Zu ihren Füßen würde er liegen und jedes 
Glied ihres Leibes mit heißen brennenden Liebesküssen 
bedecken! 
Sie sah auf. Draußen wurden die Stimmen des Tages 
laut und die Sonne hatte sich schon über den sieben 
Hügeln der heiligen Stadt erhoben. Vom nahen Sankt 
Petersdom rief die Glocke zur Frühmesse. 
Margerita erschrak. Die Nacht war vergangen. 
Anders, als sie gedacht, aber sie war vorüber, und der 
junge Tag wollte einen Entschluß sehen. 
Margerita saß wieder auf dem Diwan. Jetzt war sie 
vollkommen beherrscht und dachte nach. Lange, lange 
und dann stand sie auf. 
Wieder blickte sie in den Spiegel. Ihr Gesicht war 
ganz ruhig und mit einiger Mühe gelang es ihr sogar 
auch das Lächeln wieder um die Mundwinkel zu 
zwingen. In dieser Nacht war Margerita Granvillardo 
eine andere geworden, wenn sie auch entschlossen war, 
es der Welt nicht zu zeigen. 
Verworfen hatte sie den Plan, das Haus ihres Gatten 
zu verlassen. Eins hatte sie ja erreicht — sie war die 
Gattin des Neffen seiner Eminenz des Kardinals. Nun 
wohl! Jetzt wollte sie sich den Lohn selbst nehmen, mit 
dem ihr Opfer bezahlt war. 
Sie fühlte eine Macht in sich, die sie selbst nicht ge 
kannt, und lange saß sie an diesem Morgen vor ihrem 
Ankleidespiegel und studierte die Züge des eigenen 
Antlitzes. 
Sie war nicht die einzige, die diese Nacht schlaflos 
verbracht. Graf Drogo war mit seinen Söhnen ge 
gangen. Ein alter Freund aus vergangenen Kriegstagen 
war ihr Begleiter gewesen. Auf der Hochzeit hatten 
sie ihn getroffen und Conte Benvoglio, der Admiral der
        
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