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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 35 
JaBrg. 27 
29 
Komteßcßens Brautnacßt 
Josef Wiener * Braunsßerg 
Das Recht des öffentlichen Vor 
trags dem Verfasser Vorbehalten. 
Nun nennen sie mich eine junge Trau 
Und machen Scherze, mokante. 
Und ist doch affes wie gestern genau, 
Äfs man noch Komteßchen mid> nannte. 
Was ist auch geschehen? Ich wüßte es gern, 
Was ging denn hesondres von statten 9 
Sie gaben mir einen alten Herrn 
In Track und mit Orden zum Gattern 
Er hat mich mit Gold und Juwelen behängt. 
Um meine Huld zu erringen. 
Und hat mir die herrlichsten Blumen geschenkt. 
Als zum Altäre wir gingen. 
Und als wir gesessen heim Hochzeits-Diner 
In aristokratischem Kreise, 
Da hah' ich, daß ich’s nur eingesteh'. 
Genippt kaum an Trank und an Speise. 
Ich war in tiefster Seele verzagt. 
Bevor man zum Kirchgang geläutet. 
Da hatte Mama mir manches gesagt 
Und mehr mir noch angedeutet. 
Verworren nur sah ich den festlichen Glanz 
Und Menschen und Gegenstände, 
Und unten am Tische saß Vetter Hans 
Mit Augen wie Teuerhrände. 
Er trank mir zu mit dem perlenden Sekt. 
Ich wurde rot und verlegen; 
Mein Herr Gemahl ist mehr korrekt. 
Der Hans ist mehr keck und verwegen. 
Zwar ist der Hans nur ein armes Blut, 
Doch jung und vofl heißem Verfangen, 
Und wenn er facht, was er häufig tut. 
Hat Grübchen er in den Wangen. — 
Ein fetzter Tusch, dann hot mein Gemahf 
Den Arm mir nach Etikette 
Und führte mich aus dem Hochzeitssaaf 
Hinweg zu dem hräutfichen Bette. 
Äfs ich noch einmaf mich umgewandt 
Zu einem Ahschiedszeichen, 
Hat Hans einen Bfidk mir nachgesandt. 
Der war zum Steinerweichen. 
Da stand ich nun in dem Brautgemach, 
Von aff dem Prunk betroffen. 
Im Herzen Zagen und dennoch, ach! 
Zugleich auch sehnendes Hoffen. 
Der roten Ampef verschleiertes Licht, 
Der schwüle Duft roter Rosen / 
Es war wie ein Märchen, es war ein Gedicht 
Von Liehe, von Küssen und Kosen. — 
Mein Herr Gemahf war sehr gafant. 
Er föste mir Gürte f und Schfeier, 
Dann sagte er, streiche fnd meine Hand, 
Daß ich ihm sehr fieh und sehr teuer. 
Und daß er keineswegs hrutaf 
Und keineswegs ungedufdig. 
Er sei erfahren und wisse nun maf. 
Was meinen Gefühfen er schufdig. 
Dann hat er mich auf die Stirn geküßt 
Mit Küssen, väterfich braven. 
Weiß nicht, was weiter geschehen ist. 
Denn ich — hin eingeschfafen. 
Das eine aber weiß ich bestimmt. 
Ist Wirklichkeit, ist kein Märchen: 
Er hat mir nicht ein Härchen gekrümmt. 
Nicht eins meiner gofdigen Härchen. 
Und als ich am heutigen Morgen erwacht. 
Da war er, der Gute, verschwunden. 
Er hat sich, auf meine Ruhe bedacht, 
Zum Trühstück erst eingefunden. 
Doch vorher fag ich noch fange Zeit 
Affein in den Spitzenkissen 
Und habe — er tat mir vom Herzen feid - 
An Vetter Hans denken müssen. 
Im Trühfing — wenn der Wafd sich hefauht. 
Dann kommt er auf mehrere Tage, 
Damit— hei des Gatten geweihtem HauptI— 
Er froh fich den Hirsch mit mir jage. 
Der Himmef ist hfau undder Wafd ist dann grün. 
Des Winters Leid ist vergessen: 
Dann hin ich, wenn wieder die Bfumen hfühn. 
Die gfückfichste affer Komtessen I
        
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