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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jafirg. 27 
.Vr. 35 
kurze Zeit in der Halle auf, rauchte ihre stark- 
parfümierten Zigaretten und trank Kaffee. 
Das war für Jözsi der beglückendste Augenblick. Er 
spielte nur für sie, ließ kein Auge von ihrer Er 
scheinung. In seiner noch jungen, ungekünstelten 
Naivität war es so offensichtlich, daß der Direktor ihm 
einmal deswegen zur Rede stellte, schließlich aber selbst 
lachen mußte über die blutrote Verlegenheit des 
Jungen. 
Die Fürstin, an dieser unverblümten, naiven Art 
irgendwie Gefallen findend, winkte ihn eines Abends zu 
sich heran und bestellte ein russisches Lied. Jözsi war 
derartig verwirrt, daß er kaum zu spielen vermochte. 
Der Kellner brachte ihm dann zwanzig Franken, sie 
brannten wie Feuer in seiner Hand. Als die Fürstin 
die Halle verließ und in den Lift stieg, nickte sie Jözsi 
lächelnd zu. Jözsi wurde blaß und hätte beinahe laut 
aufgeschrien vor Freude. Seine Kameraden begannen 
ihn in boshafter Art deswegen zu necken, aber er 
schien es gar nicht zu hören. 
Diese kleinen Abenteuer hatten für Jözsi die ver 
blüffendsten Folgen. Bisher von den Frauen mit keinem 
Blick bedacht, wurde er nun plötzlich der Gegenstand 
unverhohlener Aufmerksamkeit, die soweit ging, daß 
man ihm, in Geldscheine eingewickelt, kleine Papierchen 
schickte, in denen Rendezvous angegeben waren. Diese 
stolzen, hochmütigen Frauen, die sonst niemand zu 
sehen schienen, lächelten ihm plötzlich scheu vertrau 
lich zu, oder sahen ostentativ über ihn hinweg, weil er 
sie durch Nichtachtung erzürnt hatte. Jeder andere 
hätte sich diese Wandlung der Dinge zunutze gemacht, 
Jözsi aber lebte nur für die Fürstin, die ihn jetzt Abend 
für Abend auf diese oder jene Art ein wenig aus 
zeichnete, ohne sich jedoch das geringste zu vergeben. 
Jözsi war der Mittelpupkt des allgemeinen Interesses 
und des Klatsches. Einige alte Lebemänner schlossen 
in der Bar des Hotels untereinander ziemlich be 
deutende Wetten ab, ob Jözsi die Fürstin in ihrem 
Appartement besuchte. Überhaupt sahen ihn die 
Männer irgendwie feindlich an und beklagten sich beim 
Direktor über die schlechte Musik. Und die Stuben 
mädchen waren immer zufällig vor Jözsis Tür, wenn 
er sein kleines, bescheidenes Zimmerchen unter der 
Mansarde aufsuchte. 
Jözsi war auf dem besten Wege, eine Berühmtheit zu 
werden, wenn er nicht so kindisch verliebt gewesen 
wäre. Er ging wie im Traum umher, achtete alle 
anderen als gering, außer der Geliebten. Wenn das 
Personal, Köche, Kellner oder Laufburschen ganz un 
verhohlene, freche Anspielungen 
machten, wandte sich Jözsi, ohne 
ein Wort zu entgegnen, ab und 
ließ die Spottlustigen stehen. So 
kam es schließlich, daß ihn alle 
insgeheim haßten und danach 
trachteten, ihn zu demütigen. Der 
Augenblick kam, wo sie sich alle 
rächten, mit der kalten und grau 
samen Gemeinheit der Menschen, 
wenn sie' einen unter sich ent 
decken, der nicht ganz von ihrer 
Art ist. 
An einem Abend, Jözsi spielte 
wie gewöhnlich, trat der in der 
Halle bedienende Kellner auf ihn 
zu und überreichte ihm ein 
zwanzig Frankenbiliett mit dem 
Aufträge, eben jenes russische 
Lied zu spielen, das sich die 
Fürstin zuerst bei ihm bestellt 
hatte. Jözsi, der ohne weiteres 
annahm, dieser Auftrag komme 
von der geliebten Frau, nahm 
das Geld errötend entgegen und 
wollte es einstecken, aber der 
Kellner lächelte ihn so vielsagend an, daß Jözsi von 
einer, ihm fast die Besinnung raubenden Hoffnung 
gepackt wurde, und das Billett verstohlen auseinander 
faltete. Es befand sich ein mit russischen Schriftzeichen 
beschriebenes Zettelchen darin. Aber wie sollte Jözsi 
das lesen? Er konnte doch nicht russisch. Hilflos sah 
er zur Fürstin hinüber, aber sie war in ein Journal ver 
tieft und blickte nicht auf. 
Was sollte er nun tun? Wenn er wissen wollte, was 
auf dem Zettel stand, mußte er ihn jemand zu lesen 
geben, der ihn übersetzen konnte. Der arme Junge 
litt Höllenqualen. Nicht ein Augenblick kam ihm der 
Verdacht, das Opfer eines häßlichen Scherzes zu sein. 
Seine Liebe war so groß, daß ihm nichts unmöglich 
schien. Mit diesen Gedanken, seinen Blick unverwandt 
auf die Fürstin gerichtet, spielte er das verlangte Lied. 
Kurz darauf verließ die Fürstin die Halle und nickte 
ihm, wie gewöhnlich, freundlich zu. Jözsi war ganz 
blaß. Er spielte schlecht und unaufmerksam, denn 
immer mußte er an das Billett in seiner Tasche denken. 
Als endlich die Lichter verlöschten, seinem Kollegen 
ihre Instrumente zusammenpackten stand er noch wie 
geistesabwesend an seinem Platz. Er bemerkte nicht 
die schadenfrohen, ironischen Blicke, die ihn streiften. 
Er kämpfte mit sich, ob er nicht zum Nachtportier 
gehen sollte, der sicher russisch verstand. „Aber wenn 
etwas darauf steht, was ich nur lesen soll, wenn . . . “ 
er wagte den Gedanken nicht zuende zu denken. Es 
war ihm unmöglich, sein Zimmer aufzusuchen. Ruhe 
los eilte er durch eine kleine Seitenpforte in den Hotel 
garten und sah zum Appartement der heimlich Ge 
liebten empor. 
Es brannte noch Licht im Zimmer der Fürstin. 
„Wenn sie mich nun erwartet“, schrie es in ihm, ließ 
ihn wirre Worte stammeln. „Wenn, wenn . . .“ höhnte 
er sich bitter selbst. Er stand lange Zeit so, alle mög 
lichen Pläne erwägend. Der kleine Zettel brannte in 
seiner Hand wie Feuer. Der weiche, wärme Wind strich 
ihm durchs Haar und kühlte -den Schweiß an seinen 
Schläfen. 
Weiß und stumm, ungewiß vom Mond beleuchtet, 
ragte die mächtige Fassade des Hotels empor. Auch 
im letzten Fenster erlosch jetzt das Licht, Jözsi starrte 
in die blinden, dunklen Scheiben, hinter denen die Ge 
liebte sein mußte. Seine erregte Phantasie spiegelte 
ihm die leidenschaftlichsten Bilder vor, sein Körper 
schütetlte sich wie im Fieber. In seinen großen, dunklen 
Augen brannte alle Sehnsucht der Welt, seine Knaben 
lippen bewegten sich und wiederholten unaufhörlich 
den Namen: „Iwanowa Katharina 
Jupoff . . . “ Er bemerkte nicht, 
•v daß man ihm mit unterdrücktem 
Gelächter zusah. 
Als ihn plötzlich jemand anrief, 
zuckte er zusammen wie unter 
einem Peitschenhieb und floh 
scheu in den Park. Wie aufge 
sogen wurde seine fliehende Ge 
stalt vom Schatten der Palmen. 
Die weißen Wege leuchteten 
stumm und verschlungen — — 
Am Morgen fand ihn der 
Gärtner mit gebrochenem Rück 
grat am Abhang, den der Garten 
zu der abschüssigen Straße 
bildete. In seiner Hand hielt er 
noch immer den Zettel. Es war 
unmöglich, ihn aus seinen ver 
krampften und schon erkalteten 
Fingern zu nehmen. Man ließ ihn 
darin und begrub ihn damit. 
Der Direktor beorderte tele 
graphisch durch seinen Agenten 
einen anderen Geiger. 
Jöszi starrte in die blinden, dunklen Scheiben...
        
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