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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

AIr. 35 * 
JaBrg. 27 
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des Stammes nicht und zudem feuern sie sich lachend 
untereinander an. 
Endlich ist der letzte Polog erreicht und hier kommt 
die Entscheidung. Ein wirkliches Fangen der Braut ist 
unmöglich, dazu sind es der hemmenden Frauen zu viel. 
Hat nun die zukünftige Braut ihren Anbeter gern, dann 
wartet sie im letzten Polog auf ihn, läßt sich fangen und 
im Triumph herausführen und dann kann die Hochzeits 
feier beginnen. Ist’s aber eine Korjäkenkokotte, und 
auch die sind nicht selten, dann huscht sie aus dem 
letzten Polog ins Freie und der Arme hat drei Jahre 
umsonst gedient und muß sich jetzt zu dem Spießruten 
laufen noch tüchtig auslachen lassen! 
Freilich auch die Liebe soll durch Prügel und Blamage 
gewöhnlich recht ordentlich abgekühlt sein und er wird 
sich’s überlegen, bis er’s zum zweiten Mal versucht! 
„ Epcht romantisch schildert auch Professor Hahn aus 
1 iflis eine Hochzeit der Kabarden, eines noch recht 
wenig von der Kultur beleckten Tscherkessenstammes 
im nördlichen Kaukasus. 
Nachdem ein junger Kabarde in Liebe zu einer Ka- 
bardin entbrannt, sendet er zwei ältere Freunde oder 
Verwandte zu den Eltern der Braut, die den „Kalym“, 
das Brautgeschenk, das er zu leisten hat, festsetzen und 
dann vor den Mulla, den Priester, treten. Dieser fragt 
sie dreimal feierlich, ob es ihr Wille sei, daß die beiden 
jungen Leute nach den Gesetzen Muhammeds, des 
Propheten, Mann und Frau würden. Haben sie diese 
Frage bejaht, dann ist zunächst das Verlöbnis besiegelt. 
Einige Monate später holt man die Braut ab. Ein Wagen 
fährt vom Dorf, in dem der künftige Gatte ansässig, zu 
dem „Aul“, in dem die Braut wohnt und in diesem 
Wagen sitzt die Brautjungfer, die auserwählt ist, die 
junge Frau zu holen. 
Die Braut selbst sitzt daheim wohlgeschmückt und 
von oben bis unten fast in den Brautschleier gewickelt 
und erwartet, daß der von den Ihren erwählte Braut 
führer und die Brautjungfer sie in den Wagen bug 
sieren, weil ihre, in riesenhaften, schemelartigen Holz 
schuhen steckenden Füße ihr jedes Aufstehen und 
Gehen unmöglich machen. 
Dann setzt sich der Zug in Bewegung und alle 
jungen Männer des Auls geben ihm hoch zu Roß das 
Geleit, so wie ihn die jungen Männer des Auls, in dem 
der Bräutigam wohnt, schon hergeleiteten. 
Bereits vor dem Dorf ist erste Station und großes 
Frühstück. Auch ein kleines Turnier, denn die jungen 
Männer suchen einander die Mützen zu entreißen und 
mit ihnen zu entwischen. 
Kaum erreicht der Brautwagen das Gehöft des zu 
künftigen Schwiegervaters, als eine furchtbare Schießerei 
beginnt. 
Die Braut wird zunächst im Hof auf eine hohe, mit 
Teppichen bedeckte Bank gestellt, die ganze Dorf 
jugend aber bewaffnet sich mit langen Stangen. Jetzt 
kommt ein regelrechter Kampf. Die berittenen Gäste 
wollen mit aller Gewalt in das Haus zu Pferde ein- 
dringen, die Dorfjugend mit ihren Stangen sucht das - 
zu verhindern. Dabei wird geschrien, gewaltig viel 
Pulver verknallt und Hof und Garten bös verwüstet. 
Endlich gelingt es in der Tat einem der Reiter, allerdings 
nach Zersplitterung einer Tür, hoch zu Roß in den Haus 
flur zu reiten jetzt ist das Turnier aus und stolz 
eröffnet der Sieger mit den jungen Mädchen den Tanz 
um die Braut. 
Dann werden dieser Stelzen an die Füße gebunden 
und auf diesen muß sie die Schwelle des Hauses über 
schreiten, indem nun das mehrere Tage dauernde Hoch 
zeitsgelage beginnt. Jetzt aber kommt das seltsamste. 
Der Bräutigam darf bei seiner eigenen Hochzeit unter 
keinen Umständen dabei spin! Sobald der Wagen aus- 
ziehti die Braut zu holen, muß sich der künftige Ehe 
mann sorgsam verstecken, um symbolisch anzudeuten, 
daß er an seiner Familie ein Unrecht begangen habe, 
dadurch, daß er eine Fremde einführen wolle. Er wählt 
sich einen Freund, dessen „Kan“, dessen „Pflegekind“ 
er für diese Zeit wird und der ihn in der weiten Nach 
barschaft des Tages über herumführt und nachts sorg 
sam versteckt, damit ja kein Angehöriger des Dorfes 
ihn erblickt. Freilich wird diese Rundfahrt gut aus 
genützt, denn es ist Sitte, daß jeder einen solchen 
„Kan“ mit einem Schaf, einem Kalb oder gar einem 
Stier beschenkt und so sammelt der versteckt ge 
haltene junge Gatte allerhand nützliche Gaben. 
Erst nachdem alle Gäste nach Tagen verschwunden, 
kommt abermals ein Fest. Ganz schlecht ergeht es 
trotzdem dem Bräutigam nicht, denn wenn die Gäste 
zur Ruhe gegangen, darf er verstohlen zu seiner jungen 
Frau schleichen und jetzt kommt ein neckisches Spiel: 
In den ersten drei Nächten ist es des Gatten Pflicht, 
seine junge Frau zu entkleiden. Diese aber trägt unter 
den Oberkleidern auf bloßem Leibe ein eng anliegendes, 
seidenes Korset. Nun ist es die Aufgabe des Gatten, 
die oft sehr sorgsam versteckten Enden der Schnüre 
dieses Korsetts zunächst zu finden und dann deren Ver- 
knotung zu lösen, ohne diese etwa ungeduldig zu zer 
schneiden. Ist endlich das Werk gelungen, behält der 
junge Gatte das Mieder, um es am nächsten Tage seinem 
Patenfreunde zu geben, der es wiederum seiner 
Schwester oder Braut weitergibt. Wehe dem Unglück 
lichen, der sich nicht die Muße nahm, die Knoten zu 
lösen, er würde unendlichem Spott verfallen. 
Am vierten Abend aber legt sich der junge Gatte in 
das Bett und tut, als wolle er von seiner Frau nichts 
mehr wissen und jetzt ist es an ihr, ihm die gleichen 
Liebesdienste zu erweisen. Freilich ein Korsett trägt 
er nicht. Einige Wochen später wird abermals ge 
feiert: Die Versöhnung in der Familie. 
Er wird zu seinem Hause geführt und der Vater tritt 
ihm entgegen und versichert ihm, daß die Familie durch 
aus nicht böse sei und das neue Schwiegertöchterchen 
bereits lieb gewonnen habe. 
Freudig tritt er ein und ergreift mit den anderen 
Familienmitgliedern ganz, wie man es in Europa 
tun würde die schöne Gelegenheit, sich tüchtiß 
die Nase zu begießen!
        
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