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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr 35 
22 
Die kleine Geisha 
halten und eine Art außerordentlich schlank machen 
der Blutreinigungskur durchmachen. 
Im Gegensatz dazu pflegen viele afrikanische 
S tä m m e die jungen Mädchen vor der Ehe geradezu zu 
mästen, weih bei ihnen die Liebe nach dem „lebenden 
Gewicht“, möglichst in Zentnern ausgedrückt, bewertet 
wird und es das Sinnbild der Schönheit ist, wenn die 
junge Frau auf „Elefantenfüßen“ daherwatschelt! 
Auch über das Vorleben vor der Ehe haben die 
Völker verschiedene Meinung. Ein Bewohner der 
Palauinseln würde niemals ein jungfräuliches 
Mädchen heiraten. Das größte Unglück einer Ehe ist 
dort Kinderlosigkeit und wie könnte man wagen, ein 
Mädchen zu heiraten, das nicht schon vor der Ehe den 
Beweis erbracht hat, daß sie befähigt ist, Mutter zu 
werden? 
Daß auch in J a p a n in diesem Punkt recht konziliante 
Anschauungen herrschen, ist bekannt, im Gegensatz da 
zu muß aber auf den Samoainseln, auf denen sonst 
der jungen Dorfschönen viel Selbständigkeit und Frei 
heit zugestanden wird, diese vor der Hochzeit erst vor 
dem Häuptling den Beweis ihrer Reinheit erbringen! 
Sehr nett schildert der amerikanische Reisende 
Kennan auch eine Kamtschatka lenhochzeit, 
die er in Petropawlowsk auf Kamtschatka mitmachte. 
Hier waren die beiden braven Kamtschadalen zum 
wenigsten der Form nach rechtgläubige, griechisch- 
katholische Christen. Der Bräutigam, ein rundköpfiger 
Jüngling, trug einen dunklen, mit Scharlach aus 
geschlagenen Kosackenrock, der wie ein Frauenkleid um 
die Taille eingegürtet war. Diese saß bei dem Riesen 
kerl aber fast unter den Achseln und dafür waren die 
Hosen so kurz, daß zwischen diesen und den Schuhen 
ein Stück unbekleidetes Bein hervorsah. Die Braut 
trug ein Kleid aus geblümtem Möbelkattun. Nachdem 
der Pope am Altar die eigentliche Hochzeitszeremonie 
vollzogen, wurden nach dem Brauche der russischen 
Kirche zwei Brautkronen aus vergoldetem Metall ge 
bracht und dem Paar auf die Häupter gesetzt. 
Der Rundkopf des Mannes war so klein, daß ihm die 
Krone über die Stirn glitt und erst auf den abstehenden 
Ohren zu ruhen kam, dafür aber die Augen bedeckte. 
Die gewaltige Frisur der Braut ließ aber die Brautkrone 
überhaupt nicht haften und ein Zuschauer mußte sie 
festhalten. Der Priester legte die Hände des jungen 
Paares ineinander, ergriff selbst des Bräutigams andere 
Hand und begann im Laufschritt dreimal um den Altar 
zu eilen. 
Der Priester voran, dann der durch die Krone am 
Sehen gehinderte Kosack, hinter diesem die Braut, die 
krampfhaft versuchte, ihre Frisur im Gleichgewicht zu 
halten und zum Schluß der Zuschauer, der wieder 
seinerseits die Krone über der Frisur balancierte und da 
bei der Braut unaufhörlich auf den Rock trat. Kennan 
schildert, wie das Lächerliche dieser Rennerei den 
ganzen sonst weihevollen Eindruck einer Hochzeit nach 
russischem Zeremoniell in das Burleske verkehrt habe. 
Aber auch eine Hochzeit unter den Korjäken, den 
Bewohnern des nördlichsten Kamtschatka, bis zum Ge 
biet der Tschuktschen, ist interessant. Die Korjäken 
haben sehr große Zelte aus Renntierfellen, zu denen 
ein meist unterirdisch angelegter Zugang leitet. Weil 
aber diese Zelte trotz der doppelten und dreifachen 
Renntierfelle der Wandungen bei der großen Kälte der 
Winter nicht genügenden Schutz geben würden, werden 
die Hauptzelte nur gewissermaßen als Wirtschaftsraum 
benutzt und in ihnen sind, je nach der Größe der 
Familie und dem Rang des Besitzers, eine Anzahl kleiner 
Zeltchen, sogenannter „Pologs“ eingebaut. Niedrige 
Käfterchen, in denen man nicht aufrecht stehen kann, 
die aber durch Tranlampen erwärmt und erleuchtet 
sind, so daß die Temperatur in denselben gewöhnlich 
so hoch wird, daß die braven Korjäken, ähnlich wie ja 
auch die Eskimos, in ihren Hütten fast unbekleidet um 
herliegen. 
Diese großen Zelte und die Pologs spielen nun auch 
bei der Korjäkenhochzeit eine Hauptrolle. 
Einfach ist es für den in Liebe entbrannten Korjäken- 
jüngling nicht, denn zunächst muß er, wie sein bib 
lischer Vorgänger, drei Jahre dem Schwiegervater um 
sonst dienen, dann wird er gewissermaßen zum „Ehe 
examen“ zugelassen. 
Der ganze Stamm versammelt sich, Renntierbraten 
wird nicht gespart, und aus dem köstlichen Fliegenpilz, 
dem begehrtesten Genußmittel, ein sehr berauschender, 
leider auch giftiger Trank zubereitet. 
In der größten Jurte, die mindestens fünfzehn oder 
sechzehn solcher „Pologs“ in ihrem Innern hat, findet 
die Feierlichkeit statt, und zunächst sind alle Frauen des 
Stammes mit vergnügten Gesichtern zur Stelle, denn 
sie haben eine recht amüsante Aufgabe. 
Nachdem Hunger und Durst gestillt, kommt der 
Häuptling des Stammes mit einem mächtigen Bündel, 
oft recht knorriger Ruten und teilt diese an die an 
wesenden Frauen aus, während die Männer sich als 
Zuschauer rings herum lagern. Nun werden Braut und 
Bräutigam hereingeführt. Einen Augenblick bleibt die 
junge Schöne stehen, dann huscht sie blitzschnell in den 
nächsten Polog. Der Bräutigam will ihr nach, da aber 
stellen sich ihm die Frauen in den Weg, halten ihn fest, 
halten das Zelt vor ihm zu und während er sich ihrer 
erwehrt und sich von ihnen löst, sausen unbarmherzig , 
die Ruten auf ihn nieder! Endlich ist er im Polog, aber 
während dessen ist „Sie“ bereits auf der anderen Seite 
hinaus und im nächsten Polog verschwunden! Unter 
dem Gelächter der Zuschauer muß der Unglückliche 
den Kampf mit den Frauen wieder aufnehmen und unter 
dem Spießrutenlauf den zweiten Polog erkämpfen — 
husch ist das Mädchen im dritten! 
Und so geht es fort durch alle sechzehn Pologs oder 
noch mehr. Der arme Eheprüfling ist in Schweiß ge 
badet, sein Körper mit Striemen bedeckt, denn eine 
leichte Hand haben die versammelten Schwiegermütter
        
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