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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jahrg. 27 
Nr. 4 
ucrezia, aus dem großmächtigen, zu hohem An 
sehen in der Welt gelangten Hause der spani 
schen Borgias, war mit vierzehn Jahren ein 
reifes Weib. Nicht allein, daß sie schon zwei 
mal verlobt und einmal vermählt war mit 
dem scheel- und händelsüchtigen Grafen Jo 
hann Sporza zu Pesaro, war die vier 
zehnjährige Lucrezia auch gewöhnt, den Völle- 
reien und Orgien beizuwohnen, die ihr Vater, 
Alexander VL, — Oberhaupt der katholischen 
Christenheit, Pontifex maximus, Statthalter Christi auf Erden 
und zugleich gewaltigster Kriegsfürst und Lehnsherr welt 
licher Macht — im Kreise seiner nicht minder edelbürtigen 
Kardinale oder zu Ehren erlauchter Gäste zu veranstalten 
liebte. Bei diesen Gastmählern, die ob ihrer ruchlosen Üppig 
keit auf dem ganzen Erdenrund mit gruselndem Staunen ge 
nannt wurden, mußten — zumeist unter dem Vorsitz von 
Lucrezias Mutter, der stattlichen Frau Nanozzade C a - 
t a n e i —, die schönsten und lasterhaftesten Buhlerinnen 
Roms, sowie der Rom tributpflichtigen Städte, bar jedes 
hüllenden Schleiers, bekleidet nur mit der ihnen von ihrem 
Schöpfer zugemessenen Schönheit, tanzen und sich ergötzen 
mit den geistlichen und weltlichen Großwürdenträgern, die 
ihre nicht selten etwas derben und handfesten Späße sonder 
Arg unter den Augen des kindhaften Weibes oder weibhaften 
Kindes Lucrezia trieben. Alexander VI. selbst, die edelstein 
funkelnde Tiara auf dem Kopfe, mit dem iebemännisch 
lüsternen Antlitz, hieß die junge Tochter, deren lichte Schön 
heit alles und alle überstrahlte, stets zu seiner Rechten Platz 
haben und er sowohl, als sein ältester Sohn, der finstere und 
gewalttätige Cesare, Kardinal von Valencia, bohrten, wenn 
die Zuchtlosigkeit und Frechheit im Saal ihren äußersten Grad 
erreicht hatten, ihre Äugen mit sonderbarer Starre und Stier- 
heit in die allzeit freundlich und unbewegt bleibenden Züge 
des jungen Weibes, das ihnen — Tochter und Schwester hieß. 
Denn diese Borgias, Vater und Sohn, spanisches Blut, aber 
dank den Raub- und Abenteurerzügen der seebeherrschen 
den, seefahrenden hispanischen Nation, vermengt und ver 
sippt mit allem Vagantentum der bewohnten Erde, mit dem 
Auswurf und Abhub heißer Zonen, farbiger Völker; — diese 
Borgias, in deren Adern es kochte von verderbten, abwegigen 
Neigungen und Gluten: sie gehörten zu jenen überzüchteten 
und verfeinerten Wüstlingen, denen nicht etwa der Genuß 
um des Genusses willen Selbstzweck ist, sondern die eine 
wildere und unreinere Leidenschaft empfinden, wenn sie —• 
eine Scham zu Tode peitschen, wenn sie Keuschheit in Be 
gehrlichkeit sich wandeln und aus unberührten, scheinbar 
unberühr baren Sinnen allgemach und gemächlich die giftigen 
Flammen der Lust, der Lüsternheit, der Wollust, des Lasters 
emporzüngeln sehen. Dieses erregenden Schauspieles harrten 
mit fiebernder Ungeduld Alexander VL, der „heilige Vater“, 
und Cesare, Kardinal von Valencia, wenn sie die vierzehn 
jährige Lucrezia, Gräfin Storza, beobachteten. Was verschlug 
es ihnen, daß jene, die sie zu vergiften trachteten, ihnen 
Tochter und Schwester war? Ihre Seelen wußten nichts von 
Sitte und Satzung, kannten nicht Gut noch Böse, stellten sich 
selbst und alles, was zu ihnen gehörte, bewußt außerhalb 
menschlichen Gesetzes. — Und diese beiden Mächtigsten ihrer 
Zeit, die nur gekrümmte Rückenwirbel und demütig ent 
blößte Häupter vor ihrem Herrentum und ihrer Hoffart 
kannten, diese beiden Männer lauerten mit tierischer Inbrunst 
darauf, daß aus dem Weibe ihres Blutes ebenfalls die 
lodernde Garbe schlagen sollte, die sie selbst, die Menschen 
verderber und Menschenverächter, verzehrte. Sie lauerten 
....warteten.... denn noch wußten sie nichts von 
dem Weibe, das sie so ingrimmig bespähten und dem jeder der 
zwei Ehrvergessenen, Gewissenlosen wohl in verschwiegener 
Herzkammer heimlich-unheimlichste Gedanken und Wünsche 
weihte. 
Monna Lucrezia war versprochen, verlobt, vermählt worden. 
Von den Männern ihres Geschlechts. An Männer anderer 
Geschlechter. Sie war stets gehorsam, allzeit freundlich ge 
blieben, hatte den über sie verhängten, wechselnden Losen 
weder Willen noch Unwillen entgegengesetzt. (Auch ihr ge 
genwärtiger Gemahl, Johannes, Graf zu Sporza, fand sie ge 
fügig und wunschlos). Und genau so, wie ihrem eigenen 
Schicksal gegenüber, stand und saß sie inmitten der wüsten 
Ausschweifungen, die auf Befehl von Vater und Bruder, unter 
dem bacchantischen Lächeln der üppigen Mutter, sie rings 
umbrandeten. Sie sah nackte Frauenleiber aus einem Männer 
arm in den andern fliegen, hörte derbe, für Lagerzelte ge 
eignete Zoten von Männerlippen fallen, und hörte das girrende, 
gurrende Lachen der Dirnen von weichen Pfühlen aufperlen; 
— nie verzog sich eine Miene ihres zarten, mädchenhaften 
Antlitzes, — sei es zu Widerstreben, sei es zu Mißbilligung. 
Unbewegt, unbeweglich blieben ihre edlen Züge; mochte der 
Taumel rings um sie noch so ungebärdig toben. Schwere, 
glutvolle, die Sinne betäubende Weine wurden ihr kredenzt; 
sie mußte Bescheid tun. Wieder und wieder. Und blieb doch 
nüchtern, während rings um sie schon der rote Rausch seine 
grinsendsten Fratzen schnitt. Huldigungen — verhüllte und 
unverhüllte —- nahten ihrer unbehüteten Schönheit. Niemand 
wehrte ihnen; niemand verteidigte sie wider Unziemlichkeit 
und Ungebühr. Im Gegenteil: es schien, als bemächtige sich 
in Augenblicken, in starken Strömen von dem gierig lugenden 
Vater und Bruder ausgehend, der ganzen Gesellschaft eine 
fürwitzige Neugier, zu erfahren, wann die Fluten des 
Schlammes auch Monna Lucrezia endlich — endlich! 1 — in 
ihre Strudel hinabziehen würden. Monna Lucrezia aber ward, 
je schwerer, lastender die Atmosphäre von Blumendüften, 
Speisegerüchen, Wein- und Menschendunst wurde, immer 
stiller, sanfter, freundlicher und unzugänglicher. Alles prallte 
an ihrer marmornen Ruhe ab: Freiheit und Frechheit, unter 
würfige Minne so gut wie trotzige Mannesforderung, die un 
bekümmert nach ihren Reizen langte. Und noch eines schien 
verwunderlich: Monna Lucrezia blieb von der gleichen, aus 
zeichnenden Freundlichkeit, gleichviel, ob eine stadtbekannte 
römische Buhlerin, ob eine erlauchte Patrizierin aus einem der 
ältesten Adelsgeschlechter Roms ihr nahte. Auch hier schien 
sie weder Ekel noch Neigung zu kennen. — Nun wohl: es 
mochte wohl s o sein; sie war eben erst —* vierzehn Jahre 
alt, verstand noch nicht, unterschied noch nicht; 
und wenn sie auch an äußerer Gestalt einem herrlich er 
blühten Weibe glich, so mochte diese Täuschung nur der früh 
reifenden, römischen Sonne zuzuschreiben sein, die , einem 
annoch kindlichen Gemüt schon des Weibes prunkende 
Pracht lieh. Vater und Bruder, Mutter und Gemahl, so wie 
die lechzenden Zuschauer alle, die den Reigen der Ver 
suchungen und Versucher um das kindhafte Weib schlossen, 
kamen überein: es sei noch kein Stromgang in den
        
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