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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

JaSrg. 27 
Nr. 35 
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Geduldig ertrug der Zahnarzt alle Heftigkeiten, so 
geduldig, daß sie dadurch nur noch mehr gereizt wurde: 
„Was stehst du da wie ein begossener Pudel? Kämm’ 
dich, wasch’ dich! Zieh dir ein neues Oberhemd an 
und den Frack, oder wollen wir zu Hause bleiben? Mir 
auch recht, denn mir ist die Lust an der „Hamlet“- 
Premiere gründlich vergangen.“ 
Froh des Anlasses, trollte er sich in sein nebenan 
gelegenes Schlafzimmer und machte die Tür hinter 
sich zu. 
Sie öffnete. Und zwischen Tür und Angel: „Morgen 
in aller Frühe gehst du auf das Polizeibüro und zeigst 
den frechen Diebstahl an.“ 
„Ja, gewiß, gewiß . . . Obgleich . . .“ 
„Was obgleich?“ 
„Eine Anzeige bei der Polizei, weißt du, mein Kind, 
das ist noch sehr zu überlegen. Abgesehen davon, daß 
die Polizei den Täter doch nicht fassen wird, kommt 
die Geschichte auf die Weise leicht in die Zeitungen 
und . . . nun ja, denk dir nur die Schadenfreude deiner 
vielen Freundinnen. Ich habe eine andere Idee. Wir 
beauftragen ein Detektivinstitut in aller Heimlichkeit 
mit . . .“ 
„Ja, warum denn nur in aller Heimlichkeit? Wer so 
gemein ist, daß er frohlocken kann über mein Unglück, 
der mag es ruhig tun. Ich bin für breiteste Öffentlich 
keit. Du mußt sogar eine Belohnung ausschreiben an 
den Litfaßsäulen von . . . na, sagen wir von mindestens 
dreitausend Mark.“ 
„Nicht doch, Mucki, nicht doch. Keiner unserer viel 
zu vielen Bekannten darf erfahren, daß das Perlenhals 
band abhanden gekommen ist . . . Nein, bitte, unter 
brich mich nicht, hör nur erst zu. Während, wie ge 
sagt, in aller Heimlichkeit, ein tüchtiger Detektiv die 
Spur des Täters verfolgt, kaufe ich dir — paß gut auf 
mein Schatz — kaufe ich ein neues Collier aus Perlen 
von derselben Form und Größe . . . Kunstperien, selbst 
verständlich. Man macht ja Perlen jetzt so ausgezeich 
net nach, daß selbst Fachleute sie von echten kaum zu 
unterscheiden vermögen . . . .“ 
„Ich falsche Perlen tragen? Wie darfst du mir so 
etwas zumuten? . . . Bist du verrückt?“ 
„Mein Gott, ich meine ja nur provisorisch solltest du 
sie tragen, bis du die andern, die echten eventuell 
wiederbekommst.“ 
„Ich denke nicht daran. Du gehst mir morgen zur 
Polizei!“ 
Er nickte. 
„Auch an die Blätter gibst du eine Notiz.“ 
Er nickte. 
„Und an die Anschlagsäulen große Plakate.“ 
Er nickte. 
So kam der Moment heran, da sie in ein Auto stiegen 
und nach dem Deutschen Theater fuhren. Während 
das Publikum die Darstellung mit Aug und Ohr aufsog, 
saß das Ehepaar Schröder in seiner Loge ohne rechte 
Teilnahme an den Vorgängen der Bühne und an dem 
Spiel des berühmten Gastes. Zum Schluß gab es vielen 
Beifall und allerdings auch einiges respektloses Zischen. 
Wer von beiden Teilen recht hatte, die Begeisterten 
oder die Mißmutigen, das interessierte weder den Zahn 
arzt noch seine Frau. 
Wieder daheim angelangt, wechselten sie noch 
flüchtiger als sonst den üblichen Gutenachtkuß. 
Schlaflos quälte sich Marga mit der Frage ab, ob es 
gelingen würde, das kostbare Collier, den ach so oft 
bewährten Talismann ihrer Treue wieder herbei 
zuschaffen. 
Der Gatte aber, nicht minder schlaflos, lag in fürchter 
lichen Ängsten. Wie er sich morgen auch in Aus 
flüchten drehen und winden mochte — um die Anzeige 
bei der Polizei kam er nicht herum. Und wenn nun der 
Teufel seine Hand im Spiele hatte, dann, Gott behüte, 
wurden mitsamt dem Diebe auch die gestohlenen Perlen 
zutage gefördert. Bei der Gerichtsverhandlung späte 
stens wurde alles offenbar. Ein mildernder Umstand 
für den Angeklagten, ein Verhängnis für Schröders 
Ehefrieden, dieses — unechte Halsband. 
Allerhand seltsame Hochzeitsgebräuche 
OTFRID VON H A N S T EIN 
aß bei den Chinesen der junge Bräu 
tigam seine Frau nicht kennt und erst 
nach vollzogener Eheschließung zum 
ersten Male zu sehen bekommt, erscheint 
uns höchst töricht, der chinesische Gene 
ral und bedeutende Schriftsteller 
Tscheng-ki-teng behauptet aber, daß ge 
rade aus diesem Grunde die Ehen in 
‘China viel öfter glücklich seien, als in 
anderen Ländern, weil eben nicht ein vorübergehender 
Liebesrausch die jungen Leute zusammenführe, sondern 
die beiderseitigen Eltern sorgfältig zwei Charaktere aus 
wählten, die zu einander paßten, zumal es in China eine 
Mitgift und ein Vermögen des Mädchens nicht gibt, 
Geldheiraten also ausgeschlossen sind. 
Anders im Wunderlande Tibet! Dort werden aller 
dings die Ehen aus Liebe geschlossen, dafür aber wird 
die Sache nachher umso verwickelter! 
Die junge Tibetanerin heiratet nicht nur ihren Ver 
lobten, sondern die ganze Familie. Hat die Braut 
jüngere Schwestern, so werden diese sämtlich die 
Gattinnen des jungen Ehemannes, hat dieser Brüder, so 
werden diese gleichzeitig die Gatten ihrer Schwägerin 
und deren jüngerer Schwestern. 
Ein Wirrwarr, aus dem sich ohne Eifersuchtsszenen 
und Familiendramen eben nur ein Tibetaner heraus 
findet. Hat also eine junge Frau, deren Gatte drei 
Brüder besitzt, im ganzen vier Männer und bekommt 
Kinder, dann gilt das erste Kind als das des ältesten 
Mannes, das zweite als das des Zweitältesten, bis die 
Reihe wieder herum ist. Jedes hat also einen legitimen 
Vater, aber meist den falschen! 
Wie anders ist so ein Eheidyll auf N eupommern 
beim Stamm der S u 1 k a. Dort wählt sich nicht der 
Mann die Braut, sondern im Gegenteil, das Mädchen 
wirbt um den jungen Mann und zwar auf sehr 
realistische Weise. Sie läd den Erwählten ein und gibt 
ihm etwas gutes zu essen, gleichzeitig mit einem 
Geschenk. 
Schmeckt dem edlen Jüngling, was sie gekocht hat 
und will er nicht noch erst bei anderen jungen Damen 
„Probe essen“, dann nimmt er das Geschenk und die 
Ehe wird durch die Verwandten festgelegt. 
Freilich, die Braut hat es schlimm, denn sie muß es 
sich gefallen lassen, daß sie, die jetzt „Mongäang“ ge 
nannt wird, auf Monate in eine abgelegene Hütte ge 
sperrt wird, wo die „Savlaure“, die Brautjungfern, sie 
bewachen und sie darf mit keinem Menschen in Be 
rührung kommen, nicht einmal mit ihren Eltern, bis es 
dem Bräutigam gelungen ist, sich ganz allein ein eigenes 
Gehöft zu zimmern, in dem sie wohnen können. 
Arme Mongäang, wenn die Liebe des Bräutigams 
nicht groß ist und er sie viele Monate warten läßt. 
Übrigens muß sie in dieser Zeit auch eine strenge Diät
        
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