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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jahrg. 27 
Nr. 35 
an seinen Ort zu bringen. Die übrigen drei schaffen 
die Weiber zurück.“ Die Soldaten trennten sich in 
zwei Gruppen. In diesem Augenblick hörte Ellinson 
den Gefangenen ein paar Worte in der Eingeborenen 
sprache sagen, worauf die Weiber laut aufschrien und 
davonstoben — einige vorwärts in der Richtung zum 
Kloster, andere zurück zur Stadt, Sofort erkannte 
Ellinson, daß der junge Inder etwas von seinen Be 
fehlen verstanden und durch ein paar Worte diese 
überraschende Situation geschafft hatte. 
Er war selbst nicht Herr genug seiner Sinne, um so 
fort neu zu gruppieren; die zur Stadt eilenden Weiber 
festnehmen zu lassen, schien ihm sinnlos und auffällig; 
den entgegengesetzt Fliehenden Soldaten nach 
zusenden, wollte er vermeiden; denn da draußen, jen 
seits des Gefängnisses durften, wenn er das Mädchen 
zum Kloster begleitete, keine Beobachter sein . . . 
Keine Beobachter? überfiel es ihn kalt. Plötzlich 
dachte er klar: die Weiber, die zum Kloster rannten, 
mußten zurückgeholt werden; er selber mußte ver 
suchen, so rasch wie möglich mit seiner kostbaren 
Beute über die Sehweite der Gefängniswachen hinaus 
zukommen; dort im Felde, dann würde er . . . 
Knapp gab er die Befehle und riß die verzweifelt 
Jammernde mit sich. Alles setzte sich in Bewegung. 
Vor dem Gefängnis gab es noch einmal ein wildes Ge 
schrei; Ellison empfand den Vorgenuß, wie sich das 
Weib in seinem Arm und um seine Fäuste wand. 
Er zerriß die Szene mit einem kurzen Ruck: ihr Wille 
schien gebrochen zu sein, sie folgte langsam seiner 
Kraft. Ellinson jauchzte — da aber überrannte ihn 
das Unerwartete; 
Hundert Schritt weiter kamen ihnen die zurück 
geholten Weiber entgegen und — Ellinson taumelte: 
nur zwei der Soldaten. „Wo ist euer Kamerad?“ 
schrie er erstickt.. „Die Weiber haben der Vorsteherin 
des Klosters, berichtet, daß auf Befehl der englischen 
Regierung ein junges Weib dort eingeliefert werden 
soll; sie hat sich zum Schutze der Nonnen, die das 
Weib einholen sollen, einen Soldaten erbeten; wir 
haben Saddie dort gelassen.“ 
Ellinsons Fäuste lockerten sich; sein Arm sank 
nieder: er sah von ferne den Zug der Nonnen, ihnen 
voran den Soldaten, kommen. Er schickte die Menge 
der Weiber mitsamt den Soldaten fort zur Stadt. Einen 
Augenblick — einen Herzschlag lang nur wollte er mit 
ihr, der Fremden, der Unerreichbaren, allein sein. 
Ihren Duft einsaugen, das Einzige, was er aus Indien 
an Kostbarem mitnehmen würde . . . 
Ihren Augen entstrahlte schwarzer Haß, und ihr Ge 
sicht wurde wie steinern — groß und unnahbar. Aber 
der Duft . . . der Duft war ihm hingegeben . . . allein 
für diesen Duft durfte eines Unschuldigen Kopf in den 
Sand fallen, dachte er . . . Und ihm war, als habe er 
nie eine so schauerlich tiefe, so gewaltsam genossene 
Hingabe von einem Weibe genommen . . . 
* 
Im sinkenden Abend sah er sie im Zug der Nonnen 
dahingehen, hinter jene Gitter, die auch ein Sieger ' 
nicht durchdringen durfte. Er ging schweigend zu 
rück. Ein fremder Stern ging auf, und die Erde wurde 
kalt. 
Am nächsten Morgen erfuhr er, daß man in der 
Zelle des Mörders einen anderen Inder gefunden hätte, 
der sich hartnäckig als den wahren Mörder bezeichnete 
und über die Flucht des anderen nichts verriete. 
Die weitere Untersuchung ergab, daß die Liebenden 
schon in der Nacht tief ins Hinterland geflohen waren. 
Den Ausgang des Prozesses erlebte Ellinson nicht mehr; 
man fand ihn an dem Tage, als der wirkliche Mörder 
hingerichtet wurde, etwa hundert Schritt von dem öst 
lichen Kloster entfernt, mit einem Schläfenschuß und 
einer Pistole in der Hand, am Wege liegen.
        
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