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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 35 
Jatirg. 27 
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Aber Sie kennen noch lange nicht das Kapitel Mensch. 
Dieses Weib ist die Achse, um die sich alle Irrtümer der 
Menschheit drehen. 
(Der .Gerichtsdiener stürzt herein.) 
Gerichtsdiener; Herr Landgerichtsrat! Die Person 
hatte ein Fläschchen in den Haaren versteckt. 
Riemann: Was? Und 
Gerichtsdiener: Sie hat sich vergiftet! 
(Riemann, Diener ab.) 
Johannes: Das das darf nicht sein, wenn es eine 
Gerechtigkeit gibt! 
(Ab mit Körnet.) 
Schreiber (kaut gleichgültig an seinem Federhalter, 
dann schreibt er mit großen Buchstaben etwas auf den 
Aktendeckel, laut und monoton sprechend): Der 
Fall Normann. 
(Johannes, Komet treten langsam ein.) 
Körnet (mit sanfter Gewalt Johannes hereinziehend): 
Das hat nun alles keinen Zweck mehr, Doktor. Sie 
ist tot. 
Johannes (fassungslos): Tot! und sie starb 
für mich. 
Körnet: In gewissem Sinne ja! Nun kann 
ich Sie morgen mit ruhigem Gewissen als geheilt ent 
lassen! 
ENDE. 
Der Raub in Murscbadabad 
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ARTHUR E ST H E Bildert Knötel 
n den Tagen, als Lord Clive nach 
dem Siege von Plassey über Suraja 
Dowlah von seinem Palaste in 
Murschadabad die ersten An 
ordnungen ausgehen ließ, die in 
ihrem weiteren Verlauf die Gewalt 
über ganz Vorderindien an die 
Fäuste des jungen Generals 
knüpfte, war auf kurze Zeit die 
strenge Disziplin des kleinen englischen Heeres ein 
wenig gelockert. Man hatte nichts mehr zu tun und 
nichts mehr zu befürchten. Der geschlagene Nabob 
war Mir Jaffier, seinem Landsmann, der sich nach der 
Schlacht von Plassey an die Seite des Siegers gestellt 
hatte, in die Hände gefallen und durch den Willen 
Meerans, des siebzehnjährigen Sohnes Mir Jaffiers, in 
jenes Gemach geführt worden, in das gewohnheits 
gemäß die Henker nachgesandt wurden Der 
Feind war tot; die Schatzkammern Bengalens öffneten 
sich, aus ihrem Dunkel heraus begannen selbst vor 
den Augen der einfachen Soldaten die Haufen von 
Gulden und Byzantinern, von Rubinen und Diamanten 
zu blinken. Jeder, der in diesem Augenblicke an diesem 
Orte sich Engländer nannte, empfand eine unermeß- 
bare, ja fast unausfüllbare Erweiterung seines Macht 
bereichs. 
In dieser Stimmung verließ eines Morgens der Unter- 
Leutnant Henry Ellinson den Garten des Cliveschen 
Palastes und bog an seinem Ende in die Straße ein, 
die mitten durch die Stadt zum östlichen großen Tempel 
führte. Bei der dritten Seitengasse indessen bog er 
erneut ab und begab sich in ein abgelegenes Straßen 
gewirr, wo er mit der Sicherheit des Conquistadores 
die erstaunten Blicke der Männer und Weiber auffing. 
Er suchte nach dem Hause, in das er gestern abend eine 
junge Eingeborene nach langer Verfolgung hatte ver 
schwinden sehen. Unzählige Liebesabenteuer lagen 
hinter ihm: in seinem schottischen Heimatstädtchen, in 
der englischen Garnison, in den Hafenstädten Bra 
siliens und des Orients — beim Anblick dieses Mäd 
chens aber war jener Blitz in ihn gefahren, den nur 
Männer mit dem 'düstern Grundwasser einer stille 
stehenden, vom Element der Liebe nicht bewegten 
Lust empfangen. Es war ihm, als umwänden die 
weichen Linien des Körpers und der Bewegungen dieses 
Mädchens sein Rückgrat wie eine Schlange: eine Starr 
heit überkam ihn, die ihm durch nichts als durch den 
Besitz des Mädchens zu lösen schien. 
Er fand das Haus nicht, und eine zitternde Ungeduld 
befiel ihn. Er fühlte sich um so machtloser, als er die 
Sprache der Eingeborenen nicht beherrschte und also 
auch nicht durch Erkundigungen zu der Geliebten ge 
langen konnte. Er kehrte bereits um und wollte in ver 
zweifelter Resignation dem Zufall den weiteren Ver 
lauf seiner Sache überlassen, als ein Jüngling, dessen 
Schönheit ihn nicht minder überraschte als gestern die 
Schönheit des Mädchens, ihm entgegenkam. Als der 
Jüngling sah, daß der Fremde etwas zu suchen schien, 
wandte er sich mit der freundlichen Frage auf Portu 
giesisch an ihn: ob er ihm in irgendetwas helfen könne? 
Ellinson war glücklich, eine leidlich bekannte Sprache 
— er hatte das Portugiesische vor mehreren Jahren an 
der brasilianischen Küste kennen gelernt — an sein 
Ohr klingen zu hören, und begann, seinen Wunsch dem 
andern deutlich zu machen. Kaum aber hatte der junge 
Inder die Beschreibung des Mädchens erfaßt, als seine 
Augen sich krampfhaft weiteten, seine Hände zitternd 
an die Mauer hinter ihm griffen und seinen Gliedern 
der Versuch sichtbar wurde, mit einem Sprung dem 
Fremden zu entkommen. „Halt!“ schrie Ellinson und 
packte ihn an beiden Schultern, „du kennst sie! wo 
wohnt sie?“ — Der Inder ließ den Ausdruck seiner 
Augen in Erstaunen übergehen, machte Zeichen der 
Verständnislosigkeit und der Verwunderung und wollte 
sich mit einem ergebenen Gruße verabschieden; aber
        
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