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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
AIr. 35 
FINALE 
Ein Akt von Robert Heymann 
Personen; 
Dr. Johannes Normann. 
Meta Beate, seine Frau. 
Landgerichtsrat Dr. Riemann, Untersuchungsrichter. 
Professor Zahn, Psychiater. 
Ein Schreiber. Ein Gerichtsdiener. 
Büro des Untersuchungsrichters. 
Schreiber (seine Feder reinigend): Also Eifersucht? 
Gerichtsdiener (Akten ordnend): So hat sie auf der 
Polizei ausgesagt. Herr Dr. Riemann hat angeordnet, 
daß sie heute früh zur Vernehmung vorgeführt wird. 
Schreiber: N’ zweifelhafte Person, was? 
Gerichtsdiener; Dämimong. 
Schreiber: Wie ist es denn gleich aufgekommen? 
Gerichtsdiener: Sie hat sich selbst gestellt. 
Schreiber: Erst cholerisch, dann hysterisch. 
Gerichtsdiener: Die nich. Nee! Die nich! Ich hab’ 
sie heute schon dem Staatsanwalt vorgeführt. Tränen 
los. Kalt wie’n Eskimo. Keine Spur von Reue. 
Schreiber: Ich sag’ immer mit Nietzsche. Mit der 
Linken streicheln se dich, in der Rechten haben sie der 
weil schon das Hackebeil. 
Gerichtsdiener: Was nützt das? Wir wissen es alle, 
und unsere Väter haben es gewußt. Aber deswegen 
sind wir doch zur Welt gekommen. 
Schreiber: Leider! 
Gerichtsdiener: Sie werden es (es klopft) Ihren künf 
tigen Kindern auch nicht ersparen. 
Schreiber; Was denn? (Es klopft). 
Gerichtsdiener: Von einem Weibe geboren zu 
werden. Herein! 
(Dr. Johannes Normann und Professor Komet treten 
ein.) 
Komet: Ist der Herr Untersuchungsrichter zu 
sprechen? 
Johannes (völlig apathisch, horcht, als höre er 
Stimmen von weit her). 
Schreiber; Herr Landgerichtsrat wird jede Minute 
kommen. Sind Sie geladen? 
Komet; Nein. Wir möchten ihn sprechen. 
Schreiber (unwirsch): Dann müssen Sie draußen 
warten! 
Gerichtsdiener: Draußen warten! 
Komet: Es ist dringend. Es besteht vielleicht Gefahr 
für ein Menschenleben (wirft einen halben Blick auf 
Johannes). 
Schreiber (schreibend): Deswegen müssen Sie doch 
draußen warten! 
Gerichtsdiener (mit erhöhter Stimme): Sie müssen 
doch draußen warten! 
Johannes (wie aus einem Schlaf erwachend): Herr! 
Jede Minute ist ein Peitschenhieb für mich, und Sie ge 
bärden sich, als wären wir in einer Kaserne. 
Komet: Ruhe. Doktor! Ruhe! Was haben Sie mir 
versprochen? 
Johannes (resigniert): Ich bin schon ganz ruhig. 
(Komet will ihn hinausführen. Da tritt der Unter 
suchungsrichter ein.) 
Dr. Riemann (Mantel ablegend, zu dem Diener): Die 
Person, die gestern Abend unter dringendem Mord 
verdacht verhaftet wurde, vorführen! 
Gerichtsdiener (sich verneigend); Sofort, Herr Land 
gerichtsrat. (Ab.) 
Riemann (bemerkt Komet): Sie wünschen? 
Schreiber: Ich verlangte vergeblich — 
Riemann (Komet erkennend): Ach, Sie, Herr Pro 
fessor? (Trit tauf ihn zu, schüttelt ihm die Hand.) 
Komet (Johannes vorstellend, der in seiner Apathie 
verharrt): Herr Dr. Normann, der Gatte der Mörderin. 
Riemann (sich halb verneigend, sehr interessiert): Ah 
Sie kommen sehr erwünscht! 
Schreiber (hebt den Kopf und reißt den Mund auf). 
Johannes (abwesend): Bitte! Bitte! (plötzlich hoch- 
fahrend): Sie ist ein Opfer von Verwicklungen. Teils 
sozialer, teils menschlicher Natur; das kann ich be 
eiden! 
Riemann (zu seinem Schreibtisch gehend, höflich): 
Das sind alle Verbrecher. 
Johannes; Dann wird hier täglich über die mensch 
liche Gesellschaft das „Schuldig“ gesprochen. 
Riemann (matt lächelnd): Schuld ist Aktivität. Die 
Gesellschaft ist immer passiv. 
Johannes: Also, Verkalkung der Begriffe ist sittliche 
Ordnung. 
Dr. Riemann: Das Gemeinwesen bedingt Stabilität der 
Begriffe. 
Johannes: Jede Tat ist demnach revolutionär. Tragik 
des Fortschritts! 
Komet: (macht Dr. Riemann ein Zeichen, daß 
Johannes nicht ganz normal sei.) 
Riemann (nickt, bedauernd, einsehend): Wir treten 
in das Vorverfahren ein (zum Schreiber): Bitte. 
Schreiber (legt Aktenbogen zurecht, setzt sich in 
Positur). 
Johannes bleibt stumpf im Vordergrund stehen). 
Komet (tritt nahe an den Richter heran. Leise): Er 
hat die Person aus dem Sumpf geholt und geheiratet! 
Riemann (schüttelt den Kopf). 
Komet: Als sie ihm mit ihrem früheren Liebhaber 
durchging, bekam er einen Tobsuchtsanfall. Eine 
neuropsychopathische Konstitution. Es hängt alles da 
von ab, daß er endlich das Weib sieht, wie es ist. Des 
halb bin ich mit hier. 
Riemann: Ich bin im Bilde, Herr Professor. Ist Ihr 
Herr Patient vernehmungsfähig? 
Komet: Vollkommen! 
Riemann (zu Johannes, laut): Dann bitte ich, Herr 
Doktor! 
Komet (führt Johannes zum Schreibtisch). 
Riemann: Sie sind der Gatte der Frau Meta, geb. 
Stetter? 
Johannes (nickt). 
Riemann (schnell fortfahrend): Sie haben die Person 
in der Überzeugung geheiratet, daß sie ihren früheren 
Lebenswandel auf geben und eine anständige Frau 
werden würde? 
Johannes (nickt). 
Riemann: Hat denn die Frau Sie böswillig verlassen? 
Johannes: Der Zuhälter kam und hat sie zurück 
geholt! 
Riemann: Wir leben in einem Rechtsstaat. Es konnte 
sie niemand zwingen. Sie ist also freiwillig 
Johannes (besinnt sich, schüttelt den Kopf): Nicht 
freiwillig. Handelt ein Mensch auf Erden freiwillig? 
Wir sind Sklaven unserer Begriffe. 
(Körnet und Riemann tauschen einen Blick stummen 
Einverständnisses). 
Riemann (zum Schreiber): Schreiben Sie; Es erscheint 
der Dr. Normann, der Gatte der des Mordes Ver 
dächtigen, und gibt an, daß seine Frau ihn ohne zwingen 
den Grund mit ihrem Liebhaber verlassen hat. 
Johannes: Das ist das äußere Bild! Aber das see 
lische Triebwerk
        
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