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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 35 
Jafirg. 27 
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Einkauf billiger Sprotten eingefallen war, zu sugge 
rieren. Er sprach mit konsequenter Betonung, daß die 
angedeutete Hebung seines Geschäftes eine runde 
Summe von 500 holländischen Gulden erfordere. Lässig 
warf er hin, daß ihm zum Beispiel mit einem Betrage 
von 300 holländischen Gulden ganz und gar nicht ge 
dient wäre. Derartige, des öfteren vorgebrachte Be 
tonungen förderten allmählich das volle Verständnis 
der Schwestern für den Stand der Liebesaffäre, und an 
schließend an diese finanziellen Erörterungen hatte der 
Gemischtwarenhändler es niemals unterlassen, auch 
weiter das Glück einer Neigungsheirat rühmend her 
vorzuheben. „Auf Händen möchte ich sie tragen, die 
Gefährtin meines Lebens“, erklärte er mit dem Pathos 
eines Reisenden in Flanell und blickte dabei alle drei 
an, so daß keine von ihnen wußte, welche auf Händen 
getragen werden sollte. Ebenso versprach er, alle 
Sorgen von der Gefährtin seines Lebens abzuwenden, 
ihr die landesüblichen Wünsche von den Augen ab 
zulesen, sein Herz ausschließlich für sie allein schlagen 
zu lassen — dies alles nur, um ihr das Heim so gemüt 
lich zu machen, wie nur möglich. Das sagte er so im 
allgemeinen, und jede durften seine werbenden Blicke 
im besonderen auf sich beziehen. 
Eines Tages erklärte Ida, die Zweitälteste, daß ein 
Familienrat unbedingt notwendig sei, da jetzt etwas 
geschehen müsse. Wie die Sache nun einmal liege, 
meinte sie verständnisvoll, könne nur eine heiraten, da 
er unter fünfhundert holländischen Gulden keine 
Liebesehe einzugehen in der Lage sei. „Und es wäre 
schade, eine solche Partie auszulassen“, seufzte sie mit 
taktvoller Anspielung. Der Familienrat beschloß daher 
mit Stimmeneinheit, daß der Gemischtwarenhändler 
en detail — in Zukunft en gros — in der Familie 
bleiben müsse. Einfach auszulosen, welche die Glück 
liche sein sollte, wie es die Jüngste vorschlug, erschien 
den beiden anderen denn doch als eine Profanation. 
Da plötzlich, in einem unbegreiflichen Anfall von Edel 
mut, erklärten Ida und Gisela, sich für die Älteste 
opfern zu wollen. Sie hielten das für den gerechtesten 
Ausweg. Der Ältesten gebühre der erste Mann. Sie 
stützten sich auf ein gebräuchliches, traditionelles Ehe 
recht der Ältesten und begannen zu resignieren. Sie 
widmeten sich jetzt fast ausschließlich der Entsagung. 
Dadurch sahen die beiden Schwestern noch viel 
schlechter aus, denn die Resignation steht zwar ethisch 
sehr hoch, aber sie trägt zur Verschönerung des Teints, 
nicht bei. Durch diese große Selbstlosigkeit retteten 
Ida und Gisela die Ehre des ganzen Standes der armen 
späten Mädchen. Und ein paar Wochen darauf führte 
der Gemischtwarenhändler die blasse, zartgebaute 
Hella, die überdies noch eine. stattliche Summe von 
Sommersprossen mit in die Ehe brachte, zum Trau 
altar. Der Traualtar war sehr erstaunt . . . 
Die Ehe brachte dem guten Manne nicht jenes Glück, 
von dem er so unentwegt zu schwärmen gewußt hatte. 
Daran trug seine kleine Frau keine Schuld. Sie war 
brav, bescheiden und liebte ihren Mann. Aber Ida und 
Gisela verleideten ihm das häusliche Glück. Denn sie 
fühlten sich mitverheiratet, sie partizipierten gleichsam 
an diesem Eheunternehmen. Jede von ihnen war mit 
dreiunddreißig ein drittel Prozent an dieser Ehe be 
teiligt. Und so hockten sie ganze Tage in dem neu 
eingerichteten Heim und interessierten sich lebhaft für 
das Tun und Treiben des Gemischtwarenhändlers en 
gros. Bei jeder Kleinigkeit wollten sie zu Rate gezogen 
sein, beim Möbeleinkauf sollte ihr Geschmack mit 
sprechen, dabei hatten sie keinen. In die Art der 
Hausführung sollten sie dreinreden dürfen, ebenso auch 
in das Geschäft. Sie kiebitzten beim Einkauf des 
echten russischen Tees ebenso wie beim Einkauf des 
Emmenthaler, und auch beim Hinaufnumerieren der 
bunten Waren sollte ihre Stimme maßgebend sein. 
Überhaupt in alles wollten sie sich mischen — darauf 
hatten sie ja begründete Ansprüche. 
„Wann ist dein Mann gestern nach Hause ge 
kommen?“ 
„Was, so spät und das läßt du dir gefallen?“ 
„Hast du ihm tüchtig die Meinung gesagt?“ 
„Was? Nicht einmal das?“ 
„Das sollte mir passieren!“ 
„Oder mir! Mit dem hätte ich verheiratet sein 
sollen!“ 
So ging das die ganze Zeit. Sie kümmerten sich um 
die Freuden und Leiden der Ehe nach Maßgabe ihrer 
Beteiligung. Sie begleiteten das Ehepaar, wenn es ins 
Kino ging oder hier und da zur Nachmittagsaufführung 
ins Variete. Sie klammerten sich an diesen Mann, sie 
drängten sich wie selbstverständlich in diese Ehe, an 
der sie mit ihrem ganzen Vermögen beteiligt waren. Er 
litt unsäglich unter ihrer übertriebenen Teilnahme. In 
der Vorstadt leidet man intensiver als in der inneren 
Stadt. Die Nachbarschaft zuckte die Achseln. Man 
lächelte über ihn. Dieses Lächeln sagte: „Drei 
Schwestern haben sich zusammen einen Mann gekauft.“ 
Wie er da über die Straße pilgerte inmitten von drei 
Frauen, von denen seine Gattin sich immer am be 
scheidensten im Hintergrund hielt — erschien er jedem 
als komische Figur. „Du hast ihn doch den ganzen 
Tag“, sprachen die stolzen Blicke der Schwestern, „wir 
wollen auch einen Mann haben.“ Und die Ehe wäre so 
glücklich gewesen, denn das Paar liebte sich unendlich, 
wenn die Schwestern nicht störend eingegriffen hätten. 
Da erbarmte sich die göttliche Gerechtigkeit, die 
manchmal auch irdisch sein kann, verhalf ihm zu einer 
großen Schiebung in „Olivenöl“ — er verdiente daran 
ein hübsches Sümmchen. Er hatte natürlich nichts 
Eiligeres zu tun, als den Schwestern ihre Eheanteile mit 
Zinsen zurückzuzahlen. „Diese Mitgift ist wieder für 
eine von euch beiden“, meinte Hella, die Erfahrene. 
„Nein“, protestierten die Schwestern energisch: „Wir 
beteiligen uns an keiner Ehe mehr.“ 
* 
Barock= Rondos 
Der Marschall d’Estrees war bis in sein hohes Alter 
ein gefährlicher Schürzenjäger, der sich wenig von der 
Sitte zügeln ließ und auch bei Hofe jene Gewohn 
heiten nicht ablegte, die er auf seinen vielen Kriegs 
zügen angenommen hatte. 
Einmal sprach er bei einer einflußreichen Marquise 
vor, durch deren Fürsprache er eine Erhöhung seiner 
Renten durchsetzen wollte, denn seine Liebesabenteuer 
brachten ihn nicht selten in Geldverlegenheit. Die 
Dame, die sich noch bei der Toilette befand, schickte 
ihm ihre Gesellschafterin und bat, sich fünf Minuten 
zu gedulden. Als sie nach zehn Minuten in das Vor 
zimmer trat, mußte sie zu ihrem Erstaunen gewahren, 
wie der mehr als siebzigjährige Greis gegen die junge 
Dame zudringlich werden wollte. 
„Herr Marschall“, rief die Marquise entsetzt, „sind 
Sie toll?“ 
„Ach nein“, antwortete d’Estrees unbekümmert, „ich 
wußte nur nicht, was ich mit dem Fräulein sprechen 
sollte — und ich wollte sie auch nicht langweilen.“ 
* 
Eine junge Hofdame von unbeträchtlicher Erschei 
nung besaß nichts, als ein paar hübsche Beine, weshalb 
sie bei jeder Gelegenheit den Reifrock ein wenig raffte, 
um diese zur Geltung zu bringen. Als man sie schalt, 
daß sie sich bemühe, in einemfort über nicht vor 
handene Hindernisse zu springen, was unschicklich sei, 
antwortete sie: 
„Man muß sein Gesicht zeigen, wo man’s eben hat.“ 
Doäb
        
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