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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr. 35 
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THALYRIS 
ALFRED BRIE 
s war Frühling! r 
Ein leichter Windhauch spielte in den 
Zypressen und Rosenbüschen an den 
Ufern des Thermodon. Nach dem Ab 
marsch der Amazonentruppen hatten 
die Ufer des Flusses wieder das melan 
cholische, feierliche Aussehen ange 
nommen, das den weiten Ebenen in 
der Nähe des Pontus Euxinius eigen war. 
Nach den Übungen und Spielen des Tages hatten 
die Amazonen die Berge von Themscrya wieder er 
reicht — nur eine war zurückgeblieben — Thalyris, die 
jüngste und schönste von allen! Als ihre Gefährtinnen 
sich in Truppen zur Rückkehr sammelten, hatte sie sich 
hinter einem Zypressenbusch versteckt, ihr Pferd in 
Stich lassend, und Schild, Bogen und Lanze weit von 
sich werfend. Jetzt löst sie den Panzer, der ihre Brust 
schmerzhaft züsammenpreßt, und befreit schöpft sie 
Atem. Weiß wie eine Marmorstatue steht sie — ein 
leuchtendes Bild der hereinbrechenden Nacht! 
Ängstlich späht sie um sich, und als sie sich ver 
gewissert, daß niemand auf sie achtet, schleicht sie an 
das Ufer des Thermodonflusses, steigt in die klare 
Flut und schwingt sich auf einen Felsblock der einsam 
aus der Wasserfläche hervorragt. Die Nacht ist völlig 
herabgesunken, aber das Firmament ist bedeckt mit 
leuchtenden Sternen, und die Milchstraße wirft einen 
strahlenden Schleier über den unendlichen Horizont. 
Bleich sind die Ufer des Thermodon, aber in ihnen, 
spiegelt sich die Sternenwelt und Thalyris gleicht einer 
lebenden Blume inmitten einer schimmernden Flut von 
goldenen Punkten. Ihre Augen suchen das jenseitige 
Ufer, — dort wohnt Glaukos, der Mann, der ihre ersten 
Küsse empfing. — 
Dem alten geheiligten Brauche folgend, hatten sich 
die Amazonen in den ersten Tages des neuen Lenzes 
in die bewaldete Gebirgskette am Euphrat begeben. Von 
allen Seiten waren die jungen Männer herbeigeeilt, um 
Küsse zu pflücken von den Lippen jener Frauen, denen 
die Liebe während der übrigen Monate des Jahres ein, 
todeswürdiges Verbrechen ist! Drei Tage und drei 
Nächte flössen in heiteren Liebesspielen dahin, dann 
trennte man sich ohne Groll — ohne Bitterkeit. Sie 
wußten es, die Männer, daß es vergebliche Mühe war, 
diese Halbgöttinnen, die mutiger und gewandter als 
sie selbst die Waffen zu handhaben verstanden, zurück 
zuhalten, denn nur dem Naturgebote zur Erhaltung ihres 
Stammes gehorchend, unternahmen die Amazonen jedes 
Jahr diese Wallfahrt. 
Doch nicht so wie die anderen hatte Glaukos sich 
von der jungen Thalyris trennen können. Von Thap- 
sakus, zwanzig Tagereisen entfernt, war er herbeige 
eilt, um teilzunehmen an den Liebesspielen der Ama 
zonen und zurückzukehren mit freiem Herzen und 
schönheitstrunkenen Sinnen. Er hatte Thalyris ge 
wonnen, aber sich selbst verloren. Wenn die anderen 
Paare in seligem Taumel durch die Wiesen streiften, 
plauderten sie, eng aneinandergeschmiegt, wie die 
Kinder. Glaukos empfand, daß unter den wunderbaren 
Formen ihres Körpers sich etwas verbarg, was erhabener 
und süßer war, als der flüchtige Rausch, den er bei ihrer 
Umarmung genoß, und in Thalyris erwachte das Be 
wußtsein, daß das Weib nicht nur zur Liebe, sondern 
zur Gefährtin des Mannes geschaffen ist. 
Sie trennten sich nicht mehr. 
In weiter Entfernung folgte Glaukos dem Marsche der 
Amazonen. Nur des Abends näherte er sich dem Lager 
der Kriegerinnen, und auf ein verabredetes Zeichen*— 
den Schrei eines Nachtvogels — eilte Thalyris in die 
Arme ihres Geliebten. 
Unruhig, ängstlich blickt Thalyris hinaus, 
über die bleichen Fluten des Thermodon — zu ihm. 
Wilder Lärm läßt sie plötzlich erbeben! 
Fünfzig Pferde, wütend angespornt, durchjagen die 
Ebene, die zu ihrem Zufluchtsorte führt. Thalyris 
wendet sich um. Es sind ihre Gefährtinnen, die sie 
suchen. Sie errät alles, ihre nächtlichen Ausflüge haben 
Verdacht erregt, sie weiß, was ihrer wartet. Einen 
letzten Blick wirft sie auf die Fluten, nichts ist sichtbar, 
beruhigt, daß wenigstens Glaukos dem Strafgericht ent 
geht, verläßt sie den Fels und schreitet zurück an das 
Ufer. 
Thalyris versucht nicht zu leugnen. Freimütig, mit 
Stolz bekennt sie ihre Liebe zu dem Manne, der sie 
zum Weibe gemacht, und das Glück, sterben zu können 
mit seinen Küssen auf ihren Lippen, steht ihr höher als 
das traurige Dasein, nur der Jagd und dem Kampfe 
geweiht. 
Und während der Geliebte die Ufer des Thermodon 
entlangeilt, während er die Rosen und Zypressen be 
fragt: „Wo weilt Thalyris?“ bereiten die Amazonen 
das Hochgericht für ihre gefallene Genossin. Am 
nächsten Tage, als die Sonne sich neigt, versammelt 
sich der ganze Stamm. Thalyris ist mit einer Efeukette 
an einen Pfahl gefesselt, leuchtend hebt sich die weiße 
Haut von der grünen Umrahmung. Ihr Gesicht ist 
bleich von der Qual der schlaflosen Nacht, aber ihre 
Augen, in denen Glaukos einst das Geheimnis ihrer 
Liebe las, haben ihren Glanz bewahrt. 
„Bereust du deinen Fehltritt?“ fragt Sphione,. die 
Königin der Amazonen. „Nein.“ 
Sphione spannt den Bogen und zielt. Ein Pfeil 
schwirrt, durchbohrt die Brust der Unglücklichen und 
heftet sie an den Pfahl. Ein schrecklicher Schrei zer 
reißt die Luft. 
„Bereust du?“ wiederholte Sphione. Thalyris öffnete 
den Mund — nur ein leises Wimmern wird hörbar, aber 
mit einer energischen Neigung des Kopfes antwortete 
sie: „Nein.“ Antiope, die älteste der Amazonen, 
spannt den Bogen und zielt. Und wieder schwirrt ein 
Pfeil und trifft seinZiel. Thalyris bebt schmerzschauernd 
an allen Gliedern, aber sie bittet nicht um Gnade. Jetzt 
erhebt die jüngste der Amazonen den Bogen, sie soll das 
Urteil vollstrecken, ihr Pfeil soll das Herz der Sünderin 
durchbohren. Ist es Mitleid, ist es Ungeschicklichkeit 
— der Pfeil streift nur leicht die linke Schulter. 
Auf den Befehl der Königin ziehen sich die Ama 
zonen, Verwünschungen gegen die Verworfene aus 
stoßend, zurück, nur Sphione und Antiope bleiben. Die 
Nacht bricht heran. Thalyris, blutüberströmt, stirbt 
langsam dahin. Ihre zwei Richterinnen murmeln Hymen 
zu Ehren der jungfräulichen Göttin der Jagd. 
Da erscheint Glaukos. Unruhig, Unheil ahnend, 
streift er bereits zwei Tage umher. Thalyris zu finden. 
Mit einem Blick erfaßt er die Szene, seine Geliebte im 
Sterben, Sphione und Antiope in Gebete vertieft. Rasch 
wie der Blitz stürzt er auf die Königin, entreißt ihr die 
Lanze, durchbohrt ihr die Brust. Dann wendet er sich 
gegen Antiope, aber ehe er sein Rachewerk vollenden 
kann, stößt Antiope in höchster Todesangst einen Hilfe 
schrei aus. 
Thalyris hat einen letzten Traum. Sie sieht sich in 
einer unendlichen Ebene, die erfüllt ist von dem Dufte 
zahlloser Rosen und Veilchen. Ohne die Erde zu be 
rühren, schreitet sie dahin, umschlungen von Glaukos’ 
Armen, der ihr zärtliche Worte ins Ohr flüstert. Sie ist 
so glücklich, daß Tränen aus ihren Augen stürzen.
        
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