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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr.4 
20 
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'utmmiiiimiinHmmiiiimimiiMUHiiimiiiimniiiiiminimHiuHHHiiiiiiMimiHimiininniiiimjiimjiiijHmnr 
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Du wandelst vor mir, hohes Götterbild. 
Auf deinem Haupt schwankt dein gefüllter Krug, 
der meinen Durst der Lippen nimmer stillt, 
Ob mich erlabt auch mancher kühle Zug. 
Denn flammend sprüht und schwält mir Blick und 
und kein Vulkan und keine Sonne loht (Blut, 
so heiß wie meiner Sinne Feuerglut 
zerrast in wilden Liebesflammentod. 
So st eilt ein Wald von Flammen rotumflaggt 
der Wipfelarme Majestät 
zur Wolke tausendästig ausgezackt, 
daß ihn mit Taumelgüssen übersät 
der Wollustspender Regensilberfluß, 
der gnadenrauschend ihm sein Fieber kühlt, 
daß ihren ewigen Aetherliebeskuß 
sein grünes Träumerherz erschauernd fühlt, 
eh’ er durchsiedet, glutenübersatt, 
zerstäubt zu Asche unter Wurzeln ruht. 
Umspüle mich als kühles Götterbad, 
sei meiner Sinnenflamme Seelenflut! 
Erlöse mich und lösche meinen Brand! 
Nur dich erlechze ich, dein nie genug 
schlürf ich dich aus. An deiner Lippen Rand 
Häng’ ich berauscht und schöpfe Zug um Zug. 
O, deine Süße überschwillt mich, Weib, 
und mich verzückt der Träume bunter Zug, 
als wandelte sich dein ovaler Leib 
zu meiner Labsal reichstem Eroskrug. 
Als ich sehr stürmisch werden wollte, wich Hellachen zurück 
und belehrte mich mit einem deutlichen Händedruck, wie 
weit ich gehen dürfte. Zu meiner Schande muß ich gestehen, 
daß es nicht viel war, und daß mich diese Exkursion in Aphro- 
dites goldenes Zauberland einigermaßen an die Harmlosig 
keiten erinnerte, die ich als Primaner und angehender Student 
mit den Backfischlein von Berlin W. auf den Bänken des 
schummrig-abendlichen Tiergartens auszutauschen gepflegt 
hatte. 
Aber immerhinl Man wird ja so bescheiden auf so einer 
einsamen Insel im Angesicht der gierig den Meeresstrand 
beleckenden Salzflut. .... 
« 
Diese abendlichen Rendezvous mit Frau Hella im Strand 
korb hatten sich noch ein, zwei Mal wiederholt; dann — war 
meine Schöne ausgeblieben und ich konnte nunmehr solo die 
Pracht der jeden Abend mit gleicher Schönheit ins Meer 
sinkenden Sonne mit ansehen. Meine schöne Hamburgerin 
kam nicht mehr. 
Dagegen konnte ich sie jetzt — wenn anders ich dazu Lust 
verspürte — jeden Nachmittag in das nahe Fischerdörfchen 
wandern sehen, wo die mit der Zeit auch geschäftstüchtig 
gewordenen Fischer ihre Segelboote des Nachmittags zu Ver 
gnügungsfahrten für die Sommergäste der Insel anboten. 
Meist fand sich eine ganze Gesellschaft, oft 6—8 Personen 
zusammen, die gemeinsam in einem der recht geräumigen 
Fischerkähne eine harmlose Segelpartie unternahmen. Zwei 
mal war ich dabei und hatte jedesmal das Vergnügen, im 
Boot neben Hella oder ihr gegenüber zu sitzen. Sie war dann 
f anz große Dame und plauderte mit den Anwesenden in einem 
'on, wie wenn sie die Königin beider Castilien und Ehren 
vorsitzende des Bundes der Tugendrose wäre. 
Nur einmal bemerkte ich, daß sie etwas unsicher wurde; 
das war, als sich ein junger Mann ihr Vorstellte, der nicht zu 
den Gasten des Kurhauses gehörte, sondern, wie er erzählte, 
im iJorte bej redlichen Fischersleuten wohnte, wo er — fern 
von aller Kultur —- sich von den Strapazen einer ruhmreichen 
Saison als iirster Liebhaber am Hoftheater zu Sch. zu erholen 
gedachte. 
Als Frau Hella diesen Herrn — er hieß Friedrich Franz K. 
— kennen lernte, war sie wie umgewandelt, wurde unsicher, 
lachte viel und an ganz verkehrten Stellen, und auch Herr 
Friedrich Franz K. schien durch Frau Hellas Anblick einiger 
maßen in Verwirrung versetzt zu sein. 
Das Letztere wunderte mich eigentlich bei einem „Ersten 
Liebhaber“. „Na, bei ihr ist er das nicht", dachte ich mir 
eifersüchtig und werde zu diesem geistvollen Gedanken wohl 
ein boshaftes Gesicht gemacht haben, — 
Wie dem aber auch war, jedenfalls sah man Herrn Friedrich 
Franz K. nunmehr alle Tage im Kurhaus, oder am Strande, in 
Frau Hellas „Burg“, wo er dieser und ihrer Schwiegermutter 
so drollige Geschichten zu erzählen wußte, daß sich die 
anderen Strandbewohner ob des aus jener „Burg“ oftmals her 
ausschallenden Gelächters häufig recht entrüsteten. Denn 
diese Fröhlichkeit störte einmal ihren Faulenzerschlaf, an 
dererseits erfüllte sie — besonders die Damen — mit Neid. 
Ich selbst beobachtete die Dinge skeptischer, und wenn ich 
jetzt abends meinen Strandspaziergang machte, so sah ich 
mich bisweilen um, ob ich nicht Frau Hella vielleicht in Be 
gleitung des Herrn Hofschauspielers begegnen würde. 
Aber, wie das bei solchen Affären so häufig zu gehen pflegt, 
ich traf nie etwas Verdächtiges — und gerade an einem 
Abend, wo ich am allerwenigsten daran gedacht hatte, fand 
ich mich plötzlich vor einem Strandkorb stehen, den ich als 
bald als den von Frau Hella und als Schauplatz meiner nun 
schon mehrere Wochen zurückliegenden Heldentaten wieder 
erkannte. 
Ich will hier mein Ehrenwort dafür verpfänden, daß ich 
nicht aus Neugierde oder aus eifersüchtiger Mißgunst hierher 
geraten war; es war einer jener blöden Zufälle, die im Leben 
viel häufiger sind, als man gemeinhin anzunehmen pflegt. 
Kurz und gut, ich stand plötzlich vor Hellas Strandkorb, 
aus dem ich ein leise zischendes Küssen hörte. Jetzt schien 
man mich bemerkt zu haben, denn das verräterische Geräusch 
verstummte plötzlich. 
Dafür aber stand im nächsten Augenblick ein Mann vor 
mir, in dem ich, trotz der hereinbrechenden Dunkelheit, sofort 
den Hofschauspieler Friedrich Franz K. erkannte; hinter ihm 
erhob sich schüchtern die schlanke Gestalt Frau Hellas. 
„Mein Herr“, stieß er hervor, „Sie sind, wie ich annehme, ein 
Ehrenmann, ich bin es auch. Dann geben Sie mir Ihre Hand 
darauf, daß Sie hier nichts gesehen haben.“ 
„Verehrter Herr Hofschauspieler“, erwiderte ich nach 
kurzem Besinnen, „ich will Ihnen mein Ehrenwort geben, daß 
ich nichts gesehen habe. Aber die Hand!! — 
Ich verzichtete energisch. 
Wie ein überführter Verbrecher zog der Herr vom Strand-, 
korb ab. . . .
        
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