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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 34 
Ja Arg. 27 
34 
Während der alte Graf noch bei dem Schimmer der 
Kerzen an Granvillardo schrieb und die gehorsame 
Tochter segnete, lag diese auf ihrem Lager. Sie dachte 
weder an Matteo, der zur selbigen Zeit in einer Fischer 
barke über den Golf setzte und mit sich selbst rang, 
um seinen Schwur zu halten und fortab allen irdischen 
Wünschen zu entsagen, noch an den Marchese Santa 
Croce, der in wildem Jagen durch die Nacht seinen 
Groll austobte und seinen Gaul zu Schanden ritt, son 
dern sie träumte von Rom und dem glänzenden Hause, 
... und «ah sorgenvoll in einen Brief 
das sie unter die Augen des Papstes führen sollte und 
jetzt erschien ihr das vornehm kühle, überlegene Ge 
sicht des Grafen von Granvillardo an ihrer Seite gar 
nicht mehr so alt. 
Der Schlüssel zu einem Leben der Pracht und inmitten 
der Welt! Nun, daß sie die Frau sei, ein solches Leben 
zu genießen, das war ihr nicht bange. 
Während derselben Zeit aber saß der Graf Gram 
villardo in dem Zimmer des Gasthofs der benachbarten 
Stadt, in dem er abgestiegen und sah sorgenvoll in einen 
Brief. Alt sah er in diesem Augenblick aus und verlebt 
und seine Stirn lag in Falten. 
„Ihre Vermögensverhältnisse sind vollkommen zer 
rüttet, Herr Graf und Ihr Oheim, der Kardinal, ist voller 
Empörung. Wenn es Ihnen nicht gelingt, die reiche 
Heirat, von der Sie mir schrieben, schleunigst zu 
schließen “ 
Unmutig warf der Graf den Brief seines Sachwalters 
zur Seite und vertiefte sich in das zärtliche Briefchen 
seiner schönen Freundin in Rom, die eben dies, sein 
Vermögen verpraßt hatte. Dann ließ er sich starken 
Wein kommen und als am Morgen der Brief des Grafen 
Drogo durch Eilboten in das Haus kam, lag der Günst 
ling des zärtlichen Vaters der schönen Margerita 
trunken auf seinem Bett und hielt das Bild seiner 
leichtsinnigen römischen Freundin noch in der Hand. 
Zweites Kapitel. 
Ganz Rom war geladen! Der alte Palazzo der Gran 
villardo war aus der verstaubten Ruhe, in der er zehn 
Jahre geschlafen, erwacht. Ein ganzes Heer von Hand 
werkern hatte darin geschafft, die Wände mit Teppichen 
und seidenen Stoffen behängen, die alten Möbelstücke 
poliert und gepflegt, die Kristallkronen und Glas 
gemälde geputzt und die verblaßten Deckengemälde mit 
leuchtenden, frischen Farben versehen. Mit zufriedenem 
Gesicht ging Signore Raphaele, der Sachwalter des 
Grafen Granvillardo durch die weiten Räume. Er nickte 
behaglich den Handwerkern zu und freute sich, daß der 
einst die Voreltern der Granvillardo so prunkvoll ge 
baut hatten und so dauerhaft gediegene Möbel in ihren 
Palast gestellt, daß es nur verhältnismäßig geringer 
Mittel bedurfte, um neuen Glanz hervorzuzaubern und 
den alten Festräumen des Palazzo wieder den Schein des 
gewaltigen Reichtums zu verleihen. 
Dann ging er mit ruhigen Geschäftsschritten zur 
Villa Drogo hinüber, dem nur kleineren Besitz, den die 
Familie der Braut für gelegentlichen Aufenthalt in der 
Hauptstadt besaß und ließ sich beim alten Grafen 
melden. 
„Es ist seiner Erlaucht, dem Grafen, peinlich, die 
kleinen, geschäftlichen Formalitäten persönlich zu er 
ledigen.“ 
Der alte Herr nickte. 
„Sie meinen die Mitgift — sie liegt bereit.“ 
Der Sachwalter warf einen Blick in das Ehevertrags 
dokument und überflog die Anweisung des Grafen, 
dann lachte er leise. 
„Eine Formalität bei dem eigenen Besitz des Grafen. 
Euer Erlaucht bestanden ja selbst darauf.“ 
Der General nickte, denn in der Tat hatte der Sach 
walter beim Abschluß des Ehevertrages im Namen des 
Bräutigams gezögert, die vom General in der Höhe 
ihres Erbpflichtteils ausgesetzte Mitgift anzunehmen 
und der alte Soldat hate nicht durchschaut, wie sehr 
zum Schein diese Weigerung war. So antwortete er 
jetz: „Ich kenne den Glanz des Hauses Granvillardo, 
aber ich will, daß meine Tochter nicht als Bettlerin in 
dieses Haus eintritt. Ich habe ihr auch ein jährliches, 
wenn auch nach meinem Vermögen berechnetes, be 
scheidenes Nadelgeld ausgesetzt, damit sie stets un 
abhängig bleibt.“ 
„Da es Ihr Wunsch ist, ist es dem Grafen Gran 
villardo Befehl, obgleich —“ Der General wehrte ab. 
„Ich verstehe, und es ist nur, sagen wir, eine 
Marotte.“ 
Allerdings machte der Sachwalter ein merkwürdig 
vergnügtes Gesicht, als er später die Villa verließ und 
mit schnelleren Schritten zum Palazza zurückging, wo 
ihn der Graf Granvillardo erwartete . 
„Hat er bezahlt?“ 
Eine recht nüchterne Frage und der Sachwalter 
lächelte jetzt boshaft: 
„Er erhöhte die Mitgift sogar. Wer weiß, ob er 
morgen noch ebenso freigebig wäre.“ 
Der Graf tat, als höre er diese Worte nicht. 
In den Nachmittagsstunden begann sich der Palast 
zu füllen. Auch die Familie Drogo war bereits ver 
sammelt. Strahlend in ihrem kostbaren Braut 
geschmeide Contessa Margerita zwischen ihren beiden 
älteren Brüdern, von denen der eine seit wenigen 
Tagen als hoher Beamter nach Rom berufen, der andere 
ebenfalls erst kürzlich zum Hauptmann der päpst 
lichen Leibgarde ernannt war. 
Wohl wußten sie, daß die Gnade des Papstes, die 
sich hierdurch den bisher auf ihren Gütern lebenden 
reichen Landedelleuten zeigte, dem Einfluß des Kar 
dinals Gampolla zu verdanken war, der es auch ver- 
anlaßte, das der Papst selbst am Vortage der Hochzeit 
das junge Brautpaar zum Handkuß zu sich entboten. 
Bezaubernd schön sah Margerita Drogo aus und aus 
dem wehmütigen Lächeln, das sonst über dem auch 
heut elfenbeinbleichen Gesicht gelegen, war strahlende 
Sonne geworden. Sie schien gewachsen und staunend 
sahen Vater und Brüder, mit welcher Selbstverständ 
lichkeit die Schwester sich zum Mittelpunkt dieser 
glänzenden Gesellschaft machte.
        
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