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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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... und küßte ihn seihst mit einer Glut... 
»Dann geh, aber morgen verreist der Vater und ich 
mit ihm.“ 
»Ich eile und 
„Ich warte.“ 
Leise und mit flackernder Stimme sprach sie die 
Worte, während der Marchese mit raschen Schritten 
den Weg zum Schlosse emporstieg. Margerita stand 
im Tempel und sah ihm nach. Wie er in der weiten 
Säulenhalle, die dem Schlosse vorgelagert, verschwand, 
ging ein Zucken über ihren Körper, als schüttele sie ein 
Frost, dann warf sie plötzlich ihre Hände vor ihr Ge 
sicht, ließ sich, in die Marmorbank fallen und schluchzte 
auf. Leise plätscherten unten die Wellen des Meeres 
gegen das Ufer, und ein leichter Wind ließ die Blätter 
der Bäume und die Zweige der Zypressen erzittern, 
während eine dunkle Wolke langsam über den Mond 
strich und unten einige Stimmen von Fischern laut 
wurden, die sich anschickten, mit dem aufkommenden 
Winde in See zu gehen. 
Margerita richtete sich auf und äah hinaus über das 
Meer. Jetzt war ihr Gesicht kalt und ruhig. Langsam 
drehte sie den Kopf nach dem Schlosse zu, in dem nur 
das Fenster des Vaters erleuchtet war. Dann sprang 
sie auf und breitete wie abwehrend die Hände. 
„Nein! Nein!“ 
Und dann fühlte sie, wie ihr das Blut emporwallte 
und ihre Brust stürmisch atmete. 
Wie seltsam das war! Sie haßte den Marchese di 
Santa Croce. Sie haßte ihn und fürchtete sich vor ihm, 
wenn er nicht da war und wenn er kam — sie fühlte, 
daß sich alles in ihr aufbäumte gegen die wilde, 
herrische Art dieses Mannes und, wenn er neben ihr 
stand, wenn er sprach, wenn seine heißen Augen auf 
ihr ruhten, dann hatte sie nur ein Verlangen — sich 
ihm in die Arme zu werfen, ihn zu küssen — ihm ganz 
zu eigen zu sein, und wenn er dann ging, und doch hatte 
sie ihm nichts gewährt als eben den einen, ersten Kuß, 
dann war es ihr, als sei sie befleckt und besudelt und 
sie schämte sich ihrer selbst. 
Und dann dachte sie an Matteo und es war ihr, als 
sei alle Reinheit, alle Poesie ihrer Jugend in ihm — 
und er war gegangen — für immer. 
Ihr guter Geist und ihr böser —“ 
Jaßrg. 27 
Sie stand hochaufgerichtet vor dem Tempel unter den 
grünen Zypressen und blickte hinauf zu dem Zimmer 
des Vaters. Sie zitterte und ihr Herz pochte stürmisch, 
aber es war ihr, als sei es ein Gottesgericht, das jetzt 
über sie selbst den Stab bräche. Da huschten oben 
Lichter. Diener geleiteten wohl den Gast wieder hin 
aus. Der Würfel war gefallen. Und doch — war es 
nicht seltsam, daß sie der Vater nicht rief? Hatte er 
den Marchese, den er noch vor fünf Tagen selbst bei 
dem großen Sommerball ausgezeichnet und ihr zum 
Tischherrn gegeben, kurzer Hand abgewiesen? Jetzt 
sah sie den Marchese mit raschen Schritten aus dem 
Hause kommen und auf sie zueilen. Sie konnte nicht 
wissen, ob es Freude oder Zorn war, was seine Schritte 
beschleunigte, aber unwillkürlich flüchtete sie in den 
Tempel, ohne zu bedenken, daß sie sich ihm hier um 
so wehrloser auslieferte. 
Santa Croce stand vor ihr, sein Gesicht war dunkel 
rot und seine Stimme heiser. 
„Warum taten Sie mir diese Schmach an, Contessa?“ 
Sie verstand nicht. 
„Welche Schmach?“ 
Seine Wildheit gab ihr die Würde zurück. Er lachte 
bitter auf. 
„Seltsam ist es für die Braut des Conte de Gran- 
villardo, daß sie einen anderen bei ihrem Vater um 
sich werben läßt.“ 
Sie verstand nicht, aber die Angst kam wieder. 
„Sie sprechen in Rätseln.“ 
Er war außer sich. 
„Hüten Sie sich, Contessa. Ich bin nicht der Mann, 
der mit sich spielen läßt.“ Wieder lachte er auf. 
„Eine brave Braut hat der Conte di Granvillardo, das 
muß ich sagen. Ein zärtliches Stelldichein mit einem 
Knaben, der oben die Weihen empfing und dann der 
Kuß, der noch auf meinen Lippen brennt —■** 
Sie richtete sich hoch auf. 
„Verlassen Sie mich augenblicklich, Marchese, oder 
ich schreie um Hilfe.“ 
Er sah sie fest an. 
„Du schreist nicht, das weiß ich besser — bist du die 
Braut des Grafen?“ 
Sie fuhr auf, sie hatte schon auf der Zunge, es ihm 
entgegenzurufen, daß sie gar nicht verstand, was er 
wollte, daß sie den Grafen di Granvillardo ein einziges 
Mal nur gesehen und kaum ein Wort mit ihm ge 
wechselt, aber das unbegreifliche ihres eigenen Wesens 
und der Abscheu, der sie jetzt wieder vor diesem 
brutalen Manne faßte, ließ sie anders handeln. Sie 
sagte kalt: 
„Und wenn ich es wäre, bin ich Ihnen Rechenschaft 
schuldig? Noch einmal — gehen Sie oder “ 
Er lachte wieder auf. 
„Ich gehe, gnädigste Contessa, obgleich Sie nicht 
rufen und auch nicht rufen würden. Ich verzichte so 
gar darauf. Sie zu küssen, obgleich ich es tun könnte, 
ohne daß Sie sich wehren. Ich gehe, weil ich nicht Lust 
sage ich dif ^ « se Iän S er zu verweilen. Aber, das 
Er trat dicht an sie heran und, ohnmächtig unter dem 
suggestiven Blick seiner. Augen, lehnte sie kraftlos und 
m5t herunterhangenden Armen an der Säule. 
„Mir gehörst du trotz allem, schöne Margerita und 
wirst kommen, wenn ich dich rufe. Hörst du, wenn ich 
rufe! Trotz Graf und Kaplan!“ 
Er sah sie noch einmal an, dann schritt er schnell 
über den Parkweg. Sie atmete auf, als sie sah, wie er 
das kleine Tor, das sie selbst für ihn offen gelassen 
und das zu einem Seitenwege führte, hinter sich schloß’ 
Jetzt kam Leben in sie. Sie eilte hinter ihm her und 
drehte den Schlüssel im Schloß, dann atmete sie er 
leichtert auf und jetzt sah sie auch, .daß ein Diener aus 
dem Schlosse trat und sich forschend umblickte 
„Contessa! Gnädigste Contessa!“ 
„Henrice?“
        
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