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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 4 
Jafirg. S7 
freundlicher Heimlichkeit (in dieses Wortes zweifacher Be 
deutung) wie geschaffen schien, einem Liebespärchen, mochte 
es noch so illegitim sein, Unterschlupf zu gewähren. 
Leider war ich, was die Liebe anbetraf, hier gänzlich auf 
die Träume meiner Phantasie angewiesen, die mir alle mög 
lichen reizenden Abenteuer in diesem Exil am Meeresstrande 
vorgaukelte. 
Unter den anwesenden Vertreterinnen des schönen Ge 
schlechts war die besagte junge Frau aus Hamburg die einzige, 
die ich mir zur Partnerin für ein Abenteuer von Amors 
Gnaden in dieser idyllischen Einsamkeit ausgesucht haben 
würde. Alle anderen Damen — heiliger Barchent und Kattun, 
ihr einzig wahren Beschützer der Sittlichkeit, ihr schienet das 
Kurhaus auf P. als einen Tempel eurer reinen Keuschheit aus 
ersehen zu haben! 
Aber die Hamburgerin! Sie trug seidene Wäsche und ein 
spitzenbesetztes Badekostüm; sie wirkte um so sinnverwirren 
der, als sie die einzige Nixe unter so vielen fetten Strand 
kanonen oder spindeldürren Polypinnen war. Ja, und wenn 
sie nur immer das eine, das dunkelblaue Badekostüm ange 
zogen hätte! O nein, für ganz schöne Tage hatte sie eines 
aus weißer Seide mit bordeauxroten Tupfen. Wenn sie das 
trug, dann legte sie sich, nachdem sie dem Wasser entstiegen 
war, so gern in den Sonnenschein. Und' ich darf es heute 
sagen, daß die Sonne nicht das einzige war, was dann prall 
schien! Und was die weiße Seide alles neidlos durch 
schimmern ließ, das hätte einen zweiten Antonius von Padua 
sogar aus dem selbstsicheren Gleichgewicht gebracht! Was 
aber die roten Tupfen anbetraf, so wäre es vermessen zu 
behaupten, sie alle wären in die weiße Seide dieses reizenden 
Badekostüms eingewebt gewesen! 
Aber, wie reizvoll das auch alles war; ich kam der ver 
führerischen kleinen Frau nicht um einen Schritt näher. — 
Bis ein Abend kam, ein schwüler Sommerabend, an dem es 
auch am Meere nicht dunkel werden wollte. Da hatte ich 
meine Angebetete herunterschlüpfen sehen zum Strande, wo 
sie sich in einen Strandkorb geflüchtet hatte. 
Ich ging ihr nach, lugte um ihren Strandkorb herum und 
fand sie da; entzückend sah sie aus, wie sie mit ihren großen 
dunkelblauen Augen sehnsüchtig über die Meeresfläche dahin 
träumte, an deren Rand soeben die liebe Sonne sich anschickte 
ins Bettchen zu gehen. 
Einige Bemerkungen über den herrlichen Sonnenuntergang, 
die im wahrsten Sinne des Wortes in der Luft lagen, leiteten 
unser Gespräch ein, das sich alsbald um Reisen und Ent 
deckungsfahrten nach fernen Meeren, um Träume und Sehn 
süchte drehte. Ich durfte neben der süßen kleinen Frau Platz 
nehmen, und als ich sie im Laufe des weiteren Gesprächs kühn 
mit ihrem Vornamen Hella anredete, lachte sie kurz auf, als 
ob sie gar nicht böse wäre über meine Vertraulichkeit. 
Das machte mir Mut, und so geschah’s, daß ich bald einen 
Arm um sie geschlungen hatte und sie herzhaft auf den Mund 
küßte, eine Betätigung, die ihr weder neu noch unangenehm 
zu sein schien. 
Da die Sonne untergegangen war, und nur noch jenes Halb 
dunkel herrschte, das die schönen Sommernächte an der Küste 
so eigenartig „eroton“ macht, schien mir kein Grund vorzu 
liegen, den zweiten Teil meines reizenden Abenteuers zurück 
haltender zu gestalten als es die immerhin vielversprechende 
Introduktion verhießen hatte. Ich schilderte ihr die Süßig 
keiten eines Strandkorbes. Ich sagte ihr; „Laßt uns hier 
glücklich sein!“ Sie wehrte ab. Sie liebe keine plumpen Vertrau 
lichkeiten, meinte sie. Strandkörbe seien ihr unsympathisch. 
Die Aussprache 
Linge 
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