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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 34 
Jahrg. 27 
29 
fallen zu finden und auch Ihr Gatte — pardon, seine 
staatsmännischen Talente in Ehren — dürfte wohl 
nicht die volle Ergänzung Ihres jugendlich stürmenden 
Künstlerblutes sein.“ 
„Mein Lieber, Sie gehen entschieden zu weit“, warf 
Xenia ein, und ihm in die Augen sehend, fuhr sie leise 
fort: „Ist das der Dank, den ich um Sie verdiene? Die 
arme Künstlerin Xenia hatte wohl nie das Glück ge 
habt, die Beachtung von dem verwöhnten „Prinzchen“ 
zu finden wie die Gräfin Xenia, und ich als Malerin 
bin sachverständig genug, um sagen zu können, daß ein 
glänzender Rahmen die Vorzüge eines Bildes hebt. 
Aber übrigens haben Sie recht, ich werde mich wieder 
voll und ganz meiner Kunst zuwenden, diese hat mir 
noch keine Enttäuschungen bereitet.“ 
„Aber siehst du denn nicht, Xenia“, flüsterte der 
junge Mann, vor Erregung alle Vorsicht vergessend, 
„daß mich die Eifersucht verzehrt, denkst du denn, ich 
habe nicht gehört, wie du den Professor Knutsen, 
diesem faden Salonlöwen, versprochen hast, ihm zu 
seinem nächsten Bilde zu sitzen?“ 
Xenia blickte sich erschreckt nach allen Seiten um, 
dann ihrem Nachbarn verstohlen die Hand drückend, 
murmelte sie: 
„Mach’ dich nicht lächerlich, Beb6, Gräfin Xenia 
weiß, was sie ihrem Stande schuldig ist.“ 
„Gnädigste entschuldigen“, wandte sich der General, 
der sich inzwischen von seinem Schrecken wieder er 
holt hatte, an die Gräfin, „Sie waren in Ihrer Mädchen 
zeit mit einer jungen Musjkschülerin befreundet, deren 
Schönheit und Talent Sie immer rühmten. Was ist aus 
ihr geworden? Hat sie Karriere gemacht?“ 
„Ach, mein lieber General“, seufzte Xenia, „woran 
erinnern Sie mich. Wenn junge Mädchen ohne feste 
Grundsätze sich der Kunst hingeben, so wird das meist 
für sie zum Verderben. Sie hatte mit ihrem Musiklehrer 
ein Verhältnis und — Sie verstehen . . . Enfant 
perdu!“ 
DAS LEBEWOHL 
DIALOG VON JOHANNES TRALOW 
(Er und Sie. Er ist ein Mann in den Vierzig mit straffem Gesicht, auf dem 
von Gefahren und Abenteuern zu lesen ist, die starker Wille, gepaart mit 
phantastischem Humor, überstanden. Seine dichten Haare sind ergraut, fast 
weiß, doch schwarz sind die Brauen seiner Augen. Sicher und ungezwungen 
bewegt er sich. Sie ist eine liebe, blonde Frau, die manchmal sogar von dem 
überzeugt ist, was sie gerade sagt. Der Ort ist das Wohnzimmer eines jungen 
Ehepaares, von dem sie die bessere Hälfte bildet.) 
Er: Sie sehen mich jetzt hier, weil ich weiß, daß dies 
die Stunde ist, in der ich Ihnen ungestört „Lebe 
wohl!“ sagen kann, und damit hat Ihr Abenteuer ein 
Ende. 
Sie: Mein Abenteuer? 
E r : Sagten Sie nicht, es wäre Ihr sehnlichster Wunsch, 
eins zu erleben? 
Sie: Sagen Sie lieber, Ihr Abenteuer! 
E r : Sagen wir, unser Abenteuer! — Ich bin in einwand 
freier Weise durch Ihren Gatten mit Ihnen bekannt 
geworden. Ich habe mich in ebenso einwandfreier 
Weise schlecht benommen, und belästige Sie nun 
schon seit vierzehn Tagen mit meinen Zudringlich 
keiten, — Sie können mir also nicht den geringsten 
Vorwurf machen. 
Sie: Doch! Sie haben Ihre Zudringlichkeiten meiner 
Freundin gewidmet. 
E r : (macht eine Bewegung). 
Sie: Jendenfalls die größere Hälfte! 
E r : Um Sie nicht zu kompromittieren. 
Sie: Das kann jeder sagen! 
E r : Es betrübt mich, gnädige Frau, daß Sie so sprechen. 
Meine aufrichtigen Zudringlichkeiten galten 
einzig und allein Ihnen. 
Sie; Was tue ich damit? Ich bin eine anständige Frau. 
E r : Leider! 
S i e : Es ist also wirklich Ihr Ernst? 
E r : Das Abenteuer, meine Gnädige, ist jetzt zu Ende, 
und der Ernst des Lebens beginnt. 
Sie; (reicht ihm beide Hände). Also gut, sagen wir 
uns Lebewohl. — 
E r : (ergreift ihre Hände, stellt fest, daß die kleine 
Frau russisches Eau de Cologne verwendet und zieht 
sie neben sich auf den Diwan, der beide willig und 
geräuschlos entgegennimmt). — Und beginnen wir 
mit dem Ernst des Lebens.— Sehen Sie, jetzt, da wir 
doch schon Abschied genommen haben 
Sie: Für immer 
E r ; Für immer. — Da wir uns also doch schon so gut, 
wie fremd sind — (Er rückt reichlich nahe an sie 
heran). 
Sie: Nun? 
E r : Jetzt kann ich Ihnen ja sagen. Jetzt können wir 
in aller Ruhe davon reden — 
Sie: Wovon? 
E r ; Von mir natürlich. Wie über eine wissenschaftliche 
Tatsache können wir darüber reden! 
Sie: Ach, Ihre wissenschaftlichen Bemerkungen! — 
E r : Jetzt kann ich es Ihnen ja sagen, wie sehr ich mich 
in Sie verliebt habe. 
Sie: (nur unvollkommen entrüstet). Ohl — Gleich? 
Die näheren Umstände sind — vielleicht — doch von 
Interesse 
E r : Von wissenschaftlichem Interesse! Als Sie mir — 
damals — erzählten. Sie möchten ein Abenteuer er 
leben — 
Sie: Da? 
E r: Da wußte ich, daß Sie eine anständige Frau 
waren. 
Sie; (nicht übermäßig geschmeichelt). Und des 
wegen haben Sie sich in mich verliebt? 
E r ; Nein, weil Sie so entzückend gelogen haben. — 
Frauen, die die Wahrheit sagen, kann ich schon gar 
nicht leiden. Man weiß nie, wie man mit ihnen dran 
ist. Aber zu einer Frau, die so charmant lügt, wie 
Sie, hat man doch gleich Vertrauen! — Und da hab 
ich mich eben in Sie verliebt. 
Sie: (mit stark gemilderter Entrüstung). Aber Sie 
machen mir ja fortwährend Liebeserklärungen! 
Er; (mit tugendhaftem Entrüsten). Ich? Wenn ich 
Ihnen ganz ruhig erzähle, daß ich mal in Sie verliebt 
gewesen bin? — 
Sie; Gewesen sind?! (rückt von ihm ab). 
E r : Nun ja, sonst würde ich mir im Ernst doch nie 
erlaubt haben 
Sie; (mit ehrlicher Entrüstung). Ich finde es unter 
allen Umständen frivol, zu einer verheirateten 
Frau von solchen Dingen zu sprechen! 
E r: Schön! Reden wir von etwas anderem. Reden wir 
von uns. Sagen wir — (da ihm durchaus nichts ein 
fällt) — uns noch einmal Lebewohl. 
Sie: (ernstlich beunruhigt). Aber wir könnten doch 
ganz freundschaftlich 
E r : Freundschaftlich? Dann ist es Zeit. (Er küßt ihr 
feierlich die Hand und erhebt sich). 
Sie: (verläßt ebenfalls beklommen den Diwan). Sie 
gehen?
        
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