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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 34 
Jahrg. 27 
27 
ENFANT PERDU 
ALFRED BRIE 
X enia Werner hatte soeben ihr neuestes Gemälde 
vollendet. Wie ein Meteor war die junge 
Malerin am Kunsthimmel aufgetaucht und hatte 
es verstanden, bald die allgemeine Aufmerk 
samkeit zu erregen. Und zwar waren es die äußerst 
gewagten Sujets, die sie, das neunzehnjährige Mädchen, 
auf die Leinwand bannte, welche erst Kopfschütteln und 
Mißbilligung erregten, schließlich aber doch infolge 
ihrer geistreichen Ausführung Anerkennung, ja, Be 
wunderung fanden. — 
Ja, sie hatte es verstanden, die kleine, geschmeidige 
Slawin, mit den weniger schönen als pikanten Zügen, für 
sich Reklame zu machen, und . wenn auch neidische 
Kolleginnen murmelten, daß sie, um sich eine einfluß 
reiche Protektion zu verschaffen, durchaus nicht prüde 
in der Wahl ihrer Mittel sei, — so war dies eben 
Medisance und durch nichts erwiesen. 
Vor der Welt — und Xenia hatte Gelegenheit, in den 
ersten Kreisen zu verkehren — war sie stets die Dame 
comme il faut. 
In ihrem behaglich eingerichteten Atelier lag Xenia, 
eine Muratti zwischen den roten Lippen, auf einem 
niedrigen Diwan und betrachtete träumerisch ihr Werk. 
Es stellte ein junges, kaum entwickeltes Mädchen dar, 
dem jedoch das Laster bereits seine Zeichen aufgeprägt 
hatte, wie es einem alten Herrn provozierende Blicke 
zuwarf. „Enfant perdu“ murmelte die Künstlerin, und 
— indem ein ironisches Lächeln um ihre Mundwinkel 
zuckte, fuhr sie fort: „Was wird die tugendhafte Maria 
wieder auszusetzen haben? Schade um die Kleine. Sie, 
mit ihren Augen und ihrer Stimme, hätte auch ein 
anderes Glück finden können, als ihren faden Musik 
lehrer, den sie anhimmelt, na, chacun ä son goüt.“ 
„Da bist du ja endlich, Maria“, wandte sie sich an 
ein junges Mädchen, welches in diesem Augenblick 
atemlos in das Zimmer eilte und sich sogleich an eine 
gründliche Betrachtung des Bildes machte. 
„Na, bist du denn stumm“, fuhr Xenia fort, „oder 
hat dich dieses Meisterwerk so überwältigt, daß du 
keine Worte findest, dein Entzücken kundzutun?“ 
„Du weißt es wohl“, erwiderte Maria, daß ich dein 
Talent außerordentlich hochschätze, daß ich aber mit 
deinen Sujets nicht einverstanden bin. Ein wahrer 
Künstler muß viel Töne auf seiner Leier haben, sonst 
wird er maniriert, und du mit deinem großen Können 
solltest es wirklich vorziehen, durch wahre Kunst und 
nicht durch einen Sinnenkitzel Erfolge zu erreichen.“ 
Xenia biß sich ärgerlich auf die Lippen, dann plötzlich 
aufspringend rief sie: „Sei dem, wie ihm wolle. Du 
strenge Sittenrichterin wirst es aber hoffentlich nicht 
verschmähen, an einem kleinen Souper teilzunehmen, 
welches mir einige Gönner zu Ehren des vollendeten 
Bildes stiften.“ 
„Es tut mir so leid, Xenia“, erwiderte Maria zögernd, 
„aber ich habe Robert versprochen, den heutigen Abend 
mit ihm zu verbringen.“ 
„Natürlich, dann kann ich ja nicht in Betracht 
kommen; seit du ihn kennen gelernt hast, bin ich gar 
nichts mehr für dich, ich werde wirklich noch eifer 
süchtig werden. 
„Laß doch die Scherze, Xenia, was kann dir denn 
an meiner Gesellschaft liegen, so viel feine „Herren 
Barone“, da gehöre ich, die unbekannte Sängerin, doch 
nicht hin, und aufrichtig — ich möchte nicht auf solche 
Weise lanciert werden.“ 
„Aber jetzt höre auf, Maria, du sagst, mir heute schon 
die zweite Beleidigung, und wenn ich nicht wüßte, wie 
gut du es im Grunde mit mir meinst, würde ich dir 
anders antworten. Du mußt mich eben so nehmen, wie 
ich bin, ich brauche diese Anregungen, diese Flirts, 
und ich glaube, das Alter der Herren Barone usw. — 
wie du dich auszudrücken beliebst — schützt mich vor 
jeder üblen Nachrede. Glaubst du vielleicht, daß mir 
diese Herren gefallen? O, nein, so schlecht ist mein 
Geschmack denn doch nicht, daß ich nicht einem 
feschen Herrenreiter den Vorzug vor diesen „vieux 
messieurs“ geben sollte. Aber ich studiere sie, sie 
geben mir mit ihren dekadenten Ansichten so viel Stoff. 
Dagegen sind sie, der Not gehorchend, so genügsam in 
Gunstbezeugungen, mit denen ich sie zuweilen be 
glücke, daß ich wirklich in ihrer Gesellschaft keine 
Gefahr laufe, kompromittiert zu werden, und das ist 
ja schließlich das — was wir Mädchen am meisten 
fürchten — wenn nur der Schein gewahrt bleibt.“ 
Xenia hatte inzwischen ihre Toilette vollendet, und 
sich zur Tür wendend, fuhr sie fort: 
„Aber du begleitest mich doch noch ein wenig?“ 
„Nein, es geht wirklich nicht, ich habe große Eile“, 
erwiderte Maria, „ich muß mich sofort von dir ver 
abschieden.“ 
Stumm gingen sie die Treppe hinunter. Ihr Abschied 
war sehr kühl, Xenia warf sich in ein Automobil und 
Maria, zur nächsten Pferdebahnhaltestelle eilend, 
murmelte traurig; „Enfant perdu“. 
«r 
Gräfin Xenia gab ihre erste Abendgesellschaft, und 
für die Hautevolee, die anfänglich über die Heirat des 
alten, abgelebten Diplomaten mit der blutjungen 
Künstlerin nicht genug die Köpfe schütteln konnte, war 
dieses erste gesellschaftliche Auftreten der nunmehr 
gräflichen Künstlerin ein Ereignis, das niemand ver 
säumen wollte. . . Equipagen und Autos rollten vor 
die Rampen des Palais und im blendend erleuchteten 
Salon empfing die junge Gräfin triumphierend ihre 
Gäste. Ein genauer Beobachter hätte vielleicht eine 
gewisse Unruhe in ihren Zügen bemerkt, aber in dem 
Gewühl der ankommenden Gäste hatte niemand Muße, 
solche Betrachtungen anzustellen, und je weiter der 
Abend vorschritt, desto sicherer und selbstbewußter 
wurde das Benehmen der jungen Gräfin. Sie war der 
Mittelpunkt eines glänzenden Kreises, und von Geist 
sprühend, verstand sie es, ihren Empfang zu einem 
wirklichen Ereignis der Saison zu machen. 
Zu Tisch wurde sie von dem alten General XX, einem 
Jugendfreunde ihres Gemahls, geführt, und fand nun 
endlich Gelegenheit, sich von den ermüdenden 
Pflichten der Wirtin zu erholen. 
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raunte ihr der General in einem unbewußten Auge 
blick zu, „damals, als wir in meiner JunggeseUe 
wohnung gemütliche Soupers veranstalteten, daß i( 
als Ihr Gast einmal die Ehre haben würde,< Gräf 
Xenia zu Tisch zu führen. So zeremoniell waren w 
damals entschieden nicht.“ — 
„Tempi passati, mein lieber General“, erwider 
Xenia feinlächelnd, „der Gräfin Xenia sind solche L 
konvenienzen unverständlich.“ 
Der General blickte sie verblüfft an und überließ s 
dann dem Gespräche mit einem jungen Diplomate 
dem morganatischen Abkömmling eines ehemals regi 
renden Fürsten, dem sie den Platz zu ihrer Rechten a: 
gewiesen hatte. 
„Ich verstehe wirklich nicht, meine Gnädige, daf: 
Sie sich in diesr Sphäre wohl fühlen. Ich halte Sie füi 
geistig zu bedeutend, um an diesem leeren Prunk Ge
        
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