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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
BERLIN. 
Nr. 34 
26 
dacht, daß Graf Wedel durch meine Anwesenheit die 
an und für sich schon komplizierten Verhältnisse um 
eine pikante Nuance bereichern wollte. Eigentlich 
hatte ich vor, dem mir befreundeten Gutsherrn nur 
einen kurzen Besuch abzustatten und am Abend wieder 
nach München zurückzufahren, aber Frau Evy — so 
nannte ich sie auch heute noch — bat mich inständig, 
wenigstens die eine Nacht noch zu bleiben. „Gut“, 
sagte ich und setzte lächelnd, frivol und keck alles auf 
einen Trumpf, „ich bleibe, aber unter einer Be 
dingung: daß Sie, liebe Evy, die Nacht mit mir ver 
bringen.“ 
„Unmöglich!“ Es klang weniger entrüstet als er 
schrocken. 
„Ach so — wegen Ihres Mannes!“ 
„Wegen meines Mannes“ — mit Nonchalance 
schüttelte sie diesen Einwand ab — „nein, aber — 
Werner ist hier. Sie wissen doch —“ 
„Ja, ich weiß, daß Sie mit ihm eine kleine Liaison 
haben. Warum auch nicht. Ein netter Kerl! Aber 
haben Sie mich denn ganz vergessen? Das wäre 
wenig schmeichelhaft für mich, sogar direkt 
deprimierend.“ 
Frau Evy lächelte kokett. Erinnerte sie sich? Zog 
sie Vergleiche? Ich fühlte, daß ich bei richtiger Aus 
nutzung der strategischen Lage gewonnenes Spiel hatte, 
die Situation war überhaupt für mich so günstig wie 
möglich. Es war weniger die Frau als der Reiz des 
Abenteuers selbst, das mich lockte, eine prickelnde 
Sensation zu erleben. Evys Mann und Werner standen 
gerade im Begriff, eine Tour auf einen der mächtigen 
Bergriesen der Alpenkette anzutreten. Herr von Rade 
stock war ein begeisterter Hochtourist, Werner hin 
gegen hatte in seinem ganzen Leben noch keine „Krach- 
lederne“ getragen und noch keinen Bergstock in der 
Hand gehabt (außer einmal auf einem Kostümball im 
Fasching), aber was blieb ihm anderes übrig, als mit 
zumachen, wenn er nicht in den Verdacht geraten 
wollte, daß er nur deshalb sich ausschloß, weil ihm die 
Nähe Evys sympathischer war als die Gesellschaft 
ihres Mannes . . . 
Ich blieb also. Graf Wedel hatte die Appartements 
so raffiniert zugeteilt, daß mein abenteuerliches Vor 
haben sehr erleichtert wurde. Auf einem großen Korri 
dor lagen die Zimmer. Der Gemahl war rechts, der 
Liebhaber links einquartiert, Evy in der Mitte und ich 
gegenüber. Mit feinem Taktgefühl überließ es bei 
diesem Arrangement der Gastgeber der Initiative von 
Frau Evy, ihre Nächte ganz nach Belieben zu ver 
bringen . . . 
Spät abends kehrten Herr von Radestock und Werner 
totmüde von ihrer Bergpartie zurück. Evys Mann be 
gab sich sofort auf sein Zimmer und bald verkündeten 
tiefe Atemzüge, die selbst auf dem Korridor vernehm 
bar waren, daß von dieser Seite weder Frau Evy noch 
mir irgendwelche Störung drohte. Werner machte ver 
zweifelte Anstrengungen, munter zu bleiben, in der 
Hoffnung, sich für den verlorenen Tag in den Armen 
von Frau Evy schadlos halten zu können, aber diese 
spielte auf meinen Rat hin die Gekränkte, schmollte, 
zankte mit ihm, macht ihm bittere Vorwürfe, daß er sie 
vernachlässige und forderte ihn schließlich auf, sich 
schlafen zu legen, da ein so müder Mann wie er 
dringend der Ruhe bedürfe und nicht noch nachts auf 
galante Abenteuer ausgehen dürfe. Werner war un 
glücklich, aber seine Müdigkeit war noch größer als sein 
Herzenskummer. So begab er sich denn ebenfalls auf 
sein Zimmer und schnarchte bald mit dem Gatten von 
Frau Evy um die Wette . . . 
Als die Kammerjungfer sich zurückgezogen hatte, 
kam Frau Evy zu mir. Schon flammten die ersten 
Feuerbrände eines neuen Tages auf, als wir uns trenn 
ten. Frau Evy huschte flink und leise aus meinem 
Zimmer und wollte in ihr Zimmer, dessen Tür sie nur 
angelehnt hatte, zurück, da machte sie die tragische 
Entdeckung, daß die Tür ins Schloß gefallen und der 
Schlüssel von innen stecken geblieben war. Schreckens 
bleich flüchtete sie wieder in mein Gemach: „Ich bin 
verloren, wenn man entdeckt, daß ich die Nacht 
außerhalb meines Zimmers zugebracht habe.“ Was 
tun? Ich überlegte hin und her. Es war wohl eine 
Leichtigkeit, mit Anwendung von Gewalt die Türe ein 
zudrücken, aber durch den Lärm mußte das ganze Haus 
alarmiert werden. Da kam mir blitzartig ein befreiender 
Gedanke. Jetzt galt es, ruhigen Kopf zu behalten und 
eine kleine Komödie zu inszenieren. Es mußte ein 
Überfall oder Einbruch fingiert werden. Frau Evy 
sollte laut „Hilfe“, Einbrecher“ schreien. In diesem 
Augenblick wollte ich die Türe einstoßen, sie mußte zu 
ihrem Bett eilen, ich spielte die Rolle des Retters in 
höchster Not . . . Alles klappte programmäßig. Frau 
Evy schrie so voll natürlicher Angst, als ginge es ihr 
wirklich ums Leben, ich stieß beim ersten Hilferuf die 
Tür ein, als hätte ich darauf nur wie auf ein Stichwort 
gewartet . . . 
Es vergingen immerhin einige Minuten, bis, schlaf 
trunken und verstört, erst Herr von Radestock und 
dann auch Werner auf der Bildfläche erschienen. Frau 
Evy erzählte zähneklappernd, es müsse ein Einbrecher 
in ihrem Zimmer sein, sie habe ganz deutlich ein Ge 
räusch gehört. Ich berichtete, die Hilferufe hätten mich 
aufgeweckt und mich veranlaßt, da auf das Klopfen 
nicht gleich geöffnet wurde, die Tür einzuschlagen, um 
nötigenfalls das Schlimmste zu verhüten . . . Wir 
suchten das ganze Zimmer ab, leuchteten unter das 
Bett, in die Schränke und fanden natürlich nichts. Herr 
von Radestock sprach, ärgerlich über die unnötige 
Störung seiner Nachtruhe, etwas von Halluzinationen, 
Hysterie und dergleichen mehr, während Frau Evy die 
heiligsten Schwüre schwor, sich nicht getäuscht zu 
haben. Nach der resultatlosen Suche nach dem Ein 
brecher zog sich Herr von Radestock wieder in sein 
Zimmer zurück, nicht ohne sich vorher bei mir wegen 
meiner raschen und resoluten Hilfsbereitschaft viel 
mals bedankt zu haben. Werner verhielt sich während 
dieser Vorgänge auffallend passiv wie einer, der sich 
gegen alle Eventualfälle mit vollkommener Gleichgültig 
keit gewappnet hat. Man merkte ihm weder eine be 
sondere Aufregung an, noch nahm er von den gutge 
spielten Angstzuständen Evys Notiz. Die Erklärung 
für dieses merkwürdig-apathische und uninteressierte 
Verhalten Werners wurde mir sehr bald gegeben. Als 
sich Evys Zimmertür hinter uns beiden geschlossen 
hatte und wir auf dem Korridor standen, sagte Werner, 
während ein ironisches Lächeln seine Lippen umspielte, 
mit gut gezieltem Spott und wissender Miene zu mir: 
„Ich bin fest überzeugt, daß der Einbruch keine Hallu 
zination war, sondern wirklich stattgefunden hat.“ 
„Wie kommen Sie zu dieser sonderbaren Ver 
mutung?“ wandte ich beklommen und unsicher ein. 
„Höchst einfach. Wenn Frau Evy, wie ich festge 
stellt habe, die ganze Nacht nicht in ihrem Zimmer 
ist und noch dazu die Tür offen stehen läßt — ich 
bitte Sie, ist es denn da verwunderlich, wenn einmal 
eingebrochen wird? . . . Gute Nacht!“
        
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