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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 34 
Jahrg. 27 
24 
kommen werde ... Ja, jal Ich habe studiert! Theologie 
sogar . . . Dann kam ich als Hauslehrer zu einem 
großen Bergwerksbesitzer . . . Wie das aber heiterer 
Brauch in den Musenstädten ist, ich war auch bei einer 
Burschenschaft gewesen und hatte stets fröhlich ge 
liebt . . , das gabs auf dem Bergwerk nicht. 
Schließlich aber — warum soll ich nicht die Geschichte 
erzählen? Da hatte ich mit der älteren Schwester meines 
Schülers ein kleines Verhältnis . . . Und wissen Sie, 
warum sie mir ihre Gunst zuwandte? Weil ihr Vater 
geizig war und ich hier und da ihr kleine Schmuck 
sachen verehrte, die ich von meiner Mutter geerbt hatte. 
Als ich keine mehr besaß, wollte sie mehr .... Ich 
verschaffte mir das Geld dazu. Oh — es waren herrliche 
Stunden mit der Kleinen — die Nächte in ihrem 
Zimmer — das Jungmädchenbett so zart und weich — 
und sie so heiß in ihrer Sucht nach Glück Nie 
ließ sie mich vor dem Morgen aus dem Zimmer. Und 
dann weinte sie noch oft, weil ihr die Nacht nicht das 
Glück gebracht, das sie erhofft hatte. . . . Oh, wie Feuer 
brannten dann ihre Arme, mit denen sie mich festhielt! 
Wie glühend waren ihre Küsse . . . .“ 
Einige Wochen später wurde ich verhaftet, weil ich 
den Bergwerksbesitzer bestohlen hatte, — nachdem ich 
meine Strafe verbüßt hatte, bekam ich keine Stellung 
mehr 
„Prosit!“ sagte er und erhob sein Glas, „einen 
Ganzen!“ 
Mit einem Zug stürzte er den Inhalt hinunter und 
stellte das Glas mit einem Ruck dem Wirt hin. 
Der lächelt und fragt: „Auch ein Schnäpschen?“ 
„Auch ein Schnäpschen“, nickt der Blonde. 
Die Nacht kommt mit breitem Mantel über die 
Heide. 
Uber unserm Tisch brennt eine Hängelampe, auf die 
der Wirt eine zerbrochene Milchglasglocke gestülpt hat. 
Ihr Schein fällt aus dem Fenster über den Weg, ein 
Obstbaum, den die Strahlen treffen, leuchtet ge 
spenstisch auf. 
Der Kopf des Blonden, der mir noch gegenüber 
sitzt, glüht, seine Augen sind geschwollen. Vor ihm 
steht eine geleerte Weinflasche. Der Wirt pries sie 
ihm an, als etwas Vornehmes. Er müsse doch den 
ersten Tag seiner Freiheit feiern. Das neue Leben wäre 
doch eine Flasche Wein wert. 
Jetzt will der Blonde sein Nachtlager aufsuchen. Er 
steht taumelnd auf und streift seine Ärmel hoch. 
„Hab ich nicht Muskeln zum Arbeiten?“ lallt er und 
schlenkert mit den schlaffen dünnen Armen. 
Der wirt will erst die Zeche bezahlt haben, ehe er 
ihm ein Nachtlager gibt. 
Der Blonde zieht eine gelbe eckige Ledertasche her 
aus, die er an einer Schnur um den Hals trägt. 
Einzeln zählt er dem Wirt das Geld auf. Der wird 
ungeduldig, als der Blonde immer wieder lallt: . . „Und 
. . . dann . . . kann ich . . . arbeiten . . . und hei . . . 
heiraten . . . “ 
Schließlich nimmt der Wirt dem Blonden die Geld 
tasche fort und schüttet sie aus. Der sieht erstaunt 
zu, als der Wirt das Geld zählt. Plötzlich schreit der 
Wirt wütend aus: „Ha! Das Geld reicht ja nicht mal 
für deine Sauferei! Nun soll ich dir noch Nachtlager 
geben?!“ 
Er packt den Blonden an der Hüfte und schüttelt ihn. 
Der torkelt und will sich am Tisch halten, während er 
mit der Linken seine Reisetasche umhängt. 
Der Wirt reißt ihm die Tasche fort: „So, für die 
Zeche!“ Dann schiebt er den Taumelnden mit starken 
Armen durch den Flur hinaus in die Dunkelheit. Die 
Tür wirft er hinter ihm zu, daß das ganze Haus zittert 
und die Türklingel lange schellt. 
„So’n Kerl!“ schimpft er, als er mit vor Zorn blassen 
Lippen wieder im Zimmer steht. „Erst stecken sie ihn 
aus Mitleid in die Kolonie, um einen ordentlichen 
Menschen aus ihm zu machen. Kaum ist er raus, ver 
säuft er die paar Spaargroschenl So’n Hund! Säuft 
und kann nicht mal bezahlen! Der bleibt doch immer 
ein Landstreicher!“ 
Draußen im Lichtschein taumelt der Blonde am 
Fenster vorüber, zornlos mit stieren Augen starrt er 
herein. 
DER ÜBER?ALL 
l 
Eine abenteuerliche Geschichte von LOTHAR SACHS 
raf Wedel, ein alter Zyniker, hatte 
-entschieden Sinn für Humor. Er lud 
auf seine herrliche Besitzung in den 
bayrischen Hochalpen nicht nur Herrn 
und Frau Radestock ein, sondern auch 
den offiziellen Freund der Frau von 
Radestock, den bekannten Berliner 
Filmschauspieler Werner Kranz. Sämt 
liche Beteiligte erfuhren von dem ge 
troffenen Arrangement erst so spät, daß eine Absage 
der einen oder anderen Partei nicht mehr im Bereich 
def Möglichkeit lag. Der Graf amüsierte sich köstlich 
über die mühsam beherrschte Verlegenheit und das un 
verhohlene Erstaunen, mit dem sich Herr von Rade 
stock und der Berliner Filmstar begrüßten. Aber 
schließlich gewann bei Herrn von Radestock das In 
teresse und das Vergnügen an den geplanten großen 
Kletterpartien die Oberhand über Mißtrauen und eifer 
süchtige Gemütsaufwallungen. Werner Kranz verstand 
es, sich mit geschickter Taktik der neuen Situation an 
zupassen, in. die er plötzlich und ahnungslos geraten 
war, und legte sich eine Rolle zurecht, die er bis in die 
letzten Einzelheiten sorgfältig durchdachte und mit 
Bravour spielte. Er vernachlässigte Frau von Rade 
stock, behandelte sie mit gleichgültiger Höflichkeit und 
langweilte sich mit ihrem Manne. So wurde das Ver 
hältnis zwischen ihm und Frau von Radestock, die sich 
äußerlich und innerlich nicht so rasch auf die neue 
Taktik einzustellen verstand, merklich kühler, zwischen 
ihm und dem Ehemann merklich freundlicher. Schon 
nach zwei Tagen erklärte Herr von Radestock seiner 
Frau, daß er den Schauspieler gründlich verkannt habe. 
Es sei ein reizender, bescheidener, höflicher Mensch 
und er begreife gar nicht, warum sie so unliebens 
würdig zu ihm sei . . . 
So lagen die Dinge, als ich eines frühen Morgens auf 
dem Gute des Grafen eintraf. Da auch mich mit 
Frau von Radestock alte Beziehungen verknüpften, die 
allerdings in letzter Zeit keine Auffrischungen mehr 
erfahren hatten, hege ich den nicht unbegründeten Ver-
        
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