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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 34 
Jahrg. 27 
das? Dominique konnte es nicht sein. Der war auf 
der Suche nach dem Fräulein de Kerguan und pflegte 
überhaupt nie durch das angrenzende Badezimmer zu 
kommen. Zudem war der Laut von drüben ganz un 
gewöhnlicher Art. Es klang, als hätten unberufene 
Hände die Leitungen an der Urne und den vier Schlan 
genköpfen über dem Marmorbecken geöffnet, so daß die 
Wasserstrahlen sich über die kalten Steine ergössen. 
Mit einer jähen Bewegung ergriff der nun doch er 
schrockene Fürst die nächste Kerze und riß die zum 
Baderaum führende Tür auf. Gleichzeitig hörte er, wie 
aus verlorener Ferne die silberne Stimme der Stutzuhr 
die die elfte Stunde rief. 
„Madeion — Verzeihung — Fräulein de Kerguan —- 
S i e hier? . . 
Am schimmernden Rand des in den Boden ein 
gelassenen Bassins, die feinen Knöchel vom sprudelnden 
Wasser umspült, saß die leidenschaftlich Gesuchte in 
einem weißen Spitzengewand und richtete ihren ernsten, 
tiefen Blick auf den eintretenden Fürsten. 
Es hätte der Kerze in seiner heftig zitternden Rechten 
nicht bedurft. Das kühle Gemach mit seinem ver 
schwenderischen Reichtum an Topasen, Amethysten 
und Kristallen war in ein geisterhaft blaues Licht ge 
taucht, in dem die weiße Gestalt der schönen, fremden 
Frau fast statuenhaft-leblos wirkte. Nur ihre süßen, 
seelenvollen Augen waren lebendig und zogen den 
Fürsten unwiderstehlich an. 
„Wer hat Sie hier eingelassen, Komtesse?“ Die lächer 
liche Frage war das Einzige, das der noch immer 
Fassungslose hervorbringen konnte. Er fühlte das Ab 
geschmackte seiner Worte und suchte mit einem Lächeln 
sich zu entschuldigen. 
„Ich bin hierher gekommen, um Abschied zu nehmen. 
Eure Gnaden werden mich güstigst beurlauben.“ 
„Abschied nehmen? In diesem Raum? Zu dieser 
Stunde? Wie soll ich das deuten?“ 
„Ich weiß, Eure Kurfürstliche Gnaden sind mir 
günstig gesinnt. Vom ersten Tage meines Hierseins 
habe ich das empfinden dürfen. Aber ich eigne mich 
nicht für die mir zugedachte Aufgabe. Desbillons 
hätte das wissen müssen, ehe er mich hierher führte. 
Wir Kerguans sind ein ernstes, schwerblütiges Ge 
schlecht. Unsere Familien-Geschichte kennt keine 
Komödien und Satirspiele, nur Treue und Pflicht . . .“ 
Der Kurfürst preßte die Lippen wie unter einem 
brennenden Schmerz zusammen. Dann riß er sich 
stolz empor. „Was verlangt man von Ihnen, Kom 
tesse? Nur Ihre Gegenwart. Ihre süße, wohltuende 
Gegenwart und den Zauber Ihres Wesens. Sie sollen 
einem Einsamen über die Leere des Daseins hinweg 
helfen, ihn fühlen lassen, daß es außer Narren und 
Dirnen noch Menschen mit echtem Herzen gibt .... 
Mademoiselle, ich habe Hunger nach solchen 
Menschen . . .“ 
In plötzlich ausbrechendem Verlangen suchte er das 
vor ihm am Wasser sitzende Mädchen zu fassen. 
Schon spürte er den Duft ihres zart gepuderten Haares 
und das feine Aroma ihrer schimmernden Haut. Eine 
schlanke, ebenmäßige Hand, die in dem wogenden 
blauen Licht gespensterhaft aussah, streckte sich ab 
wehrend aus, und wie aus weiter, endloser Ferne hörte 
er ihre glockentiefe Stimme. Ganz sanft, ganz innig, 
beinahe traurig, klang sie zu ihm herüber: „Zürnen 
Eure Gnaden mir nicht, wenn ich mich jetzt verab 
schiede . . . Der Wagen wartet am Schloß . . . Des 
Himmels Segen über Euer Kurfürstliches Haupt . . .“ 
Ein starkes Klopfen ließ den verstörten Fürsten em- 
portahren. Vor ihm im Kuppelsaal, zwischen der fest 
verschlossenen Tür zum Baderaum und der Bronze 
gestalt des Frühlings, stand sein Kammerdiener 
Dominique Pierron in grünseidener Livree. 
„Du hier, Dominique? Was soll’s?“ 
MONDSCHEINSONA TE 
Der Jung [in g zu Agathe: 
Ich (ieße dich brennend, Agathe, 
Ich schwör’ dirs heim Mondenschein; 
Mein Ring, er hat zwei Karate, 
Er soff dein Ring fein sein. 
Der Ehemann zu Ofga; 
IS fiehe diS heiß und innig. 
Beim MondsSein gehör’ iS dir. 
Wenn die Sonne aufgeht, hin iS 
Gezwungenermaßen hei ihr. 
Der Witwer zur Witwe: 
Er sSeint in das hfeine StühSen, 
Wie das faßt, wie das wonnig miS paSt, 
Drum hofe Papier, mein LiehSen, 
Setz’ auf den Ehehontraht. 
Zur neuen Bekanntschaft; 
Wir woffen uns beide setzen 
Und pfaudern von Mond und Stern, 
Die Lippen mit Küssen benetzen. 
Damit es keiner verfem’ / 
Der geizige Oskar zur Ma; 
Laß weg nur der Lampe SSimmer, 
Herzfiehste, o sei niSt dumm / 
Im heften VoffmondsSimmer 
Spart man gerne Petrofeum. 
Der Portier zur KöSin; 
AS Lotte, der MondsSein jieht Laune, 
IS sSfieße die Oogen vor GfüS, 
IS öffne se wieder und staune. 
Wenn in den Mond iS kiek' — 
Die Ehefrau zum Ehemann; 
Du SSieher, maS' LiSt, iS möSte 
DiS seh’n — spät kamst du näS Haus. 
Du treibst diS herum die NäSte — 
Du siehst verboten aus. 
E. H. Str. 
„Euer Kurfürstliche Gnaden haben zu schlafen ge 
ruht. Ich habe mehrfach vergeblich um Einlaß ge 
beten. In Sorge, Eurer Gnaden möchten ein Unfall zu 
gestoßen sein, bin ich ohne Erlaubnis erschienen.“ 
Fröstelnd schaute der Fürst sich um. Kein Zweifel, 
er hatte geträumt. Die Tür zum Badezimmer war, wie 
immer, verriegelt. Im Kuppelsaal waren die Kerzen 
herabgebrannt. Die Zeiger der Alabaster-Uhr wiesen 
auf Mitternacht. Durch die halbgeöffneten Fenster 
drang das Raunen der jungen Bäume und das leise 
Plätschern der Silberkaskade. Weißblaues Mondlicht 
flutete durch die Allee. 
„Wo ist Komtesse de Kerguan?“ 
„A b g e r e i s t, Euer Gnaden!" 
Der Fürst sprang von dem Armstuhl auf, in dem er 
fast eine Stunde geschlummert hatte. Er bebte an 
allen Gliedern. „Abgereist? Was soll das heißen?“ 
„Komtesse de Kerguan hat ohne Urlaub das Schloß 
vor einer halben Stunde verlassen. In ihrer Begleitung 
20
        
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