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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jatirg. 27 
Nr. 4 
18 
Kupfer-Sadis 
Frühlingsträume 
Der Strandkorb 
Cratost&enes 
chon während der Überfahrt nach der 
kleinen Ostsee-Insel hatte ich sie be 
obachtet. 
Sie saß mit einer älteren Begleiterin 
unter dem Sonnensegel des kleinen Küsten 
dampfers und streckte ihre zierlichen 
Beinchen so geschickt und niedlich vor 
sich hin, daß man ihre durchbrochenen, 
gelben Seidenstrümpfchen beinahe bis zum 
Knie sehen konnte. 
„A'ia“, dachte ich, „ganz so öde, wie mir meine Freunde, die 
im vorigen Jahre dort gewesen waren, es geschildert hatten, 
kann also das Ziel meiner Reise, die winzige, der alten 
Schwedenstadt vorgelagerte Insel, doch nicht sein. Wo solche 
Blumen blühen — gibt es sicherlich mehr zu finden als Strand 
disteln und Möweneier.“ 
Dennoch war ich erschrocken, als unser gutes Dampferchen 
nach fast dreistündiger Fahrt vor einem fast gänzlich aus- 
gestorbenen Strande an einer weit in den Bodden hinaus 
gebauten Mole festmachte. Einige Fischerboote, die am 
Strande lagen, einige ausgespannte Netze und ein paar Männer 
in der kleidsamen, aber wenig reizvollen Tracht der Ostsee 
fischer, das war alles, was das Auge bei der Landung von der 
Insel P. wahrnahm. 
Um so mehr konzentrierte sich meine Aufmerksamkeit auf 
meine hübsche Reisegefährtin, deren durchbrochene Gelb 
seidenen mein Interesse in so hohem Maße erweckt hatten, 
daß ich noch während der Überfahrt ihre Bekanntschaft, und 
— wie das in solchen Fällen leider unvermeidlich ist — auch 
die der sie begleitenden alten Dame gemacht hatte. 
Dabei hatte ich erkundet, daß meine Schöne gar kein junges 
Mädchen, sondern die ehelich angetraute Gattin eines Kaffee- 
Importeurs aus der mit Recht so oft gepriesenen Hansastadt 
Hamburg sei, daß sie sogar schon drei Jahre verheiratet sei 
und nun auf der kleinen Ostseeinsel einen längeren Sommer 
aufenthalt zu nehmen gedenke, zu dem ihre Schwiegermutter 
sie begleitete. 
Wenn eine Hamburgerin schon eine Ostsee-Insel aufsucht, 
und noch dazu in Begleitung der verehrten Frau Schwieger 
mama, dann muß es damit eine besondere Bewandnis haben! 
Das stand bei mir fest, und meine Meinung befestigte sich 
mehr und mehr, als ich in den folgenden Tagen bemerkte, 
daß die alte Frau St. (sie sprach ihren Namen sehr scharf, 
sehr bestimmt und sehr getrennt mit einem geteilten S—t am 
Anfang aus) nicht von der Seite ihrer Schwiegertochter wich. 
Diese tat immer harmlos, war stets freundlich und ent 
wickelte am Strande, im Familienbad, bei den gemeinsamen 
Mahlzeiten im „Kurhaus“ einen so erlesenen, kokett ausge 
suchten Toilettengeschmack, daß sich die oft zitierten Ost 
seeflundern, wie es die Sage von ihnen berichtet, gewiß er 
heblich gewundert haben werden. 
Von dem erwähnten „Kurhaus“ muß übrigens zu seiner 
Ehre berichtet werden, daß es durchaus menschlich und be 
wohnbar, sogar mit einem gewissen Komfort eingerichtet war, 
daß es eine Strecke von einer halben Stunde von dem einzigen 
Dörfchen der Insel an einer hübschen Meeresbucht lag und 
durch eine gewisse Mischung von Weltabgeschiedenheit und
        
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