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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 34 
Jahrg. 2? 
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Adrienne liebte den Marschall von Sachsen mit 
rührender Hingabe. Sie ging dabei auf in ihrer Kunst, 
die ihr die Verehrung des eleganten Paris sicherte. 
Der Marschall aber nahm es mit den Beteuerungen 
seiner Treue nicht eben genau. Er verschenkte seine 
Gunst alsbald an eine vornehme und galante Dajne, die 
von einer leidenschaftlichen Zuneigung zu dem Grafen 
Moritz ergriffen wurde. 
Sie mußte mit Neid und Haß erkennen, daß es ihn 
immer nach Adrienne zurückzog, deren geistreiche 
Unterhaltung er ebenso wenig missen wollte wie die 
rührende Liebe, die sie ihm bot. 
Das Heim der schönen Schauspielerin zeichnete sich 
durch einen erlesenen Geschmack aiis. Die be 
rühmtesten Maler ihrer Zeit hatten beigesteuert, um das 
Haus der Künstlerin zu einem Asyl der Schönheit zu 
gestalten, und der Geschmack, den ihre Toiletten ver 
rieten, eiferte die vornehmsten Frauen von Paris zur 
Nachahmung an. Wie späterhin unter dem zweiten 
Napoleon, wetteiferten die Aristokratinnen mit den 
Schauspielerinnen in der Entfaltung des höchsten Luxus 
und der Vornehmheit, und es war nichts Ungewöhn 
liches, daß eine Dame, die in der Gesellschaft ver 
ächtlich auf die Schauspielerin niedersah, zu dieser in 
die Schule ging. Als man daher eines Tages der Le- 
couvreur die Baronin de Bouillon meldete, empfing sie 
die stolze Dame mit großer Zuvorkommenheit und gab 
ihr auf alle Fragen bereitwillige Auskunft. Die Dame 
zeigte sich für die Kunst der Lecouvreur höchst inter 
essiert und wurde nicht müde, die Künstlerin über ihre 
Gewohnheiten auszuforschen. 
„Lieben Sie Blumen?“ fragte sie unvermittelt bei einer 
Tasse Schokolade. 
„Über alles“, erwiderte die Lecouvreur und errötete, 
als die Baronin mit forschendem Lächeln einen herr 
lichen Strauß roter Rosen betrachtete, die den Kamin 
schmückten. 
„Nun“, sagte sde beschwichtigend, ohne aber völlig 
den aufflammenden Haß in ihren Blicken verbergen zu 
können, „Sie brauchen nicht in Verlegenheit zu geraten, 
mein liebes Kind. Ich kann mir denken, wer der 
Spender dieser Blumen ist, und ich beglückwünsche Sie 
aufrichtig zu einem Verehrer, um den Sie die edelsten 
Frauen Frankreichs beneiden.“ 
Adrienne stammelte — denn sie wußte nicht, wie sie 
die Verwirrung verbergen sollte — mit rührender Ein 
fachheit: 
„Ich liebe ihn.“ 
Da erhob sich die Dame schnell, ohne etwas zu ent 
gegnen. 
„Ich weiß nicht, wie ich mich für Ihre Liebenswürdig 
keit revanchieren soll“, meinte sie nach einer Pause. 
„Darf ich Ihnen Blumen senden?“ 
„Oh, Madame“, entgegnete die Lecouvreur lächelnd, 
„Sie tun mir zuviel Ehre an.“ 
Die Dame stieg in ihr Kupee und fuhr nach Hause. 
Am nächsten Tage stellte sich bei der Lecouvreur ein 
Bote ein, welcher ihr einen kostbaren Strauß weißer 
Rosen überreichte. Dem Geschenk war ein duftendes 
Billet beigegeben, in welchem die Baronin in den 
schmeichelhaftesten Worten die große Künstlerin bat, 
diesen bescheidenen Beweis ihrer Zuneigung hinzu 
nehmen. Die Lecouvreur tauchte das erglühende Ge- 
sichtchen in die weiße Flut der Rosen; aber kaum hatte 
sie den süßlichen Duft der Rosen in sich eingesogen, als 
sie erbleichte und mit einem Ifeisen Schrei zu Boden 
sank. — 
Die Kammerfrau eilte herein und bettete ihre Ge 
bieterin auf ein Sofa. Da sie nur eine leichte Ohnmacht 
gütete, zauderte sie, einen Arzt rufen zu lassen 
und besprengte Adrienne mit wohlriechenden Essenzen. 
In der Tat kehrte das Bewußtsein zurück; aber als 
bald verfiel die Unglückliche in heftige Krämpfe, und 
als endlich der Arzt, von der erschreckten Kammerfrau 
geleitet, in das Boudoir der Schauspielerin trat, da rang 
diese bereits mit dom Tode. 
Im ersten Augenblick dachte niemand an den Blumen 
strauß. Der Arzt vermutete vielmehr den Ausbruch 
einer Seuche und machte aus seiner Ansicht auch keinen 
Hehl. — 
Die Kammerfrau zog es daraufhin vor, ihre Gebieterin 
zu verlassen, und auch der Arzt sah keine Möglichkeit, 
die Kranke zu retten. So gab er den zurückgebliebenen 
Dienern einige Anweisungen, vor allem, niemand Un 
berufenen vorzulassen, und verließ das Hotel, das so 
oft die erlauchtesten Gäste von Paris gesehen. 
So rang die Lecouvreur mit dem Tode, ohne daß ein 
menschliches Wesen sich ihr näherte. Die Kunde von 
der geheimnisvollen Erkrankung der Schauspielerin ver 
breitete sich schnell in der ganzen Stadt, aber niemand 
wagte sich zu ihr. 
Der Marschall war von Paris abwesend, und so schien 
es, als sollte die gefeiertste Frau der französischen 
Hauptstadt einsam und verlassen sterben. Da erfuhr 
Voltaire den Vorfall. Er befand sich eben bei seiner 
Freundin, der Marquise de Chatelet. Sogleich eilte er 
in das Hotel der Lecouvreur und erreichte das Sterbe 
zimmer, als die Kranke eben für einige Augenblicke das 
Bewußtsein wiedererlangte. 
Sie sah ihren alten Freund mit erlöschendem Lächeln 
an und dankte ihm mit matter Hand. Da wischte schon 
der Tod den klaren Ausdruck dieser sonst so schönen 
und nun schon durch die Wirkung des Giftes zer 
störten Züge aus. 
Voltaire blieb in heftiger Erschütterung an ihrem 
Lager. Er drückte ihr die brechenden Augen zu und 
traf die letzten Anordnungen zur Ehre der Toten. 
Wie erstaunt, empört war er aber, als er erfuhr, daß 
der Erzbischof der Schauspielerin ein ehrliches Be 
gräbnis versagte. 
Die Mitglieder einer Bühne waren zu damaliger Zeit 
aus der Kirche ausgeschlossen und in Bann getan. 
Umsonst waren alle Bemühungen des berühmten 
Dichters, der Freundin ein christliches Begräbnis zu 
sichern, und ganz gewiß trug dieses Ereignis in seinem 
Leben dazu bei, seinem Charakter die unerbittliche, 
polemische Schärfe zu geben. 
Er trommelte eilends einige Freunde zusammen, und 
eilte, einen Sarg für die von Paris vergötterte Künstlerin 
zu beschaffen — aber es stellte sich heraus, (daß man 
der Toten nicht einmal diesen gewähren durfte. Noch 
war Voltaire nicht mächtig genug, gegen diese Brutalität 
seiner Zeit mit Erfolg aufzutreten. 
Er legte also den teuren Leichnam in kostbare Tücher 
und bestellte einen Wagen. 
Es war Mitternacht, als die wenigen Getreuen, die 
dem Andenken der Lecouvreur die letzte Ehre gaben, 
sich vor ihrem Hotel versammelten. 
Auf ein Zeichen Voltaires begaben sich einige seiner 
Freunde mit ihm in das Sterbezimmer. Man hob den 
Leichnam, der wie ein Paket in Tücher verschnürt war, 
auf, und vier junge Männer trugen ihn auf die Straße. 
Dort fuhr ein dunkles Gefährt vor. Die Wache ging 
eben durch die stille Straße, ein Offizier der Polizisten 
erkundigte sich nach der Ursache der ungewöhnlichen 
Bewegung. Voltaire gab ihm Auskunft, worauf sich die 
Wache wieder gleichmütig entfernte. 
Der traurige Zug setzte sich in Bewegung. Auf dem 
Mietswagen lag die Tote, neben ihr saß Voltaire, die 
Freunde folgten in schweigender Trauer. 
Nach kurzer Fahrt hatte man einen einsamen Platz 
an dem Ufer der Seine erreicht. Einige Silberpappeln 
standen da, und weithin dehnten sich grüne Anlagen 
(wo heute längst der Verkehr der modernen Großstadt 
dahinrollt). 
Der Fuhrmann, welcher die Tote gefahren, schaufelte 
das Grab. Dann hoben die jungen Männer Adrienne
        
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