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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 34 
.Ja/irg. 27 
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... kaum hatte <le den südlichen Duft der Kosen in sich eingesogen, als sie erbleichte und mit 
einem leisen Schrei zu Boden sank. 
streute. Es nahte das Zeitalter 
der Enzyklopädisten, von dem 
Taine gesagt hat, daß ein Mann 
mit einem halben Dutzend 
Witzen, dreißig geistreichen 
Aussprüchen und etwas mon 
däner Gewandtheit in dieser 
Zeit seine Karriere machen 
mußte. 
Der Präsident Desmaison 
war bekannt wegen seiner 
Feste und hatte besonders in 
der Pariser Künstlerwelt ein 
Ansehen, denn er spielte die 
Rolle eines Mäzens mit Ge 
schmack und Freigebigkeit. In 
seinem, von dem berühmten 
Baumeister Mansard erbauten 
Landhaus traf sich die vor 
nehmste Pariser Welt, denn es 
galt eine Sensation: Die Le- 
couvreur sollte in einem neuen 
Stück von Voltaire auftreten, 
dessen Ruhm damals bereits 
über die Grenzen Frankreichs 
hinausdrang. Voltaire wollte 
bei dieser Gelegenheit eine von 
ihm erfundene Neuerung zum 
erstenmal erproben; die Zu 
schauer der vordersten Reihen 
sollten nicht mehr zwischen 
den Schauspielern, sondern 
unter diesen vor der Bühne 
sitzen. — Diese Anordnung 
machte den wohlgelaunten Be 
suchern viel Spaß, und man 
wartete um so gespannter auf 
den Beginn der Vorstellung. 
Die Lecouvreur legte eben die 
letzte Hand an ihre elegante 
Robe, die Schauspieler waren 
auf der Bühne versammelt, 
Voltaire erklärte noch eine be 
sonders wichtige Stelle des 
Stückes, als ihn plötzlich ein 
Unwohlsein ergriff. — Er 
schwankte und wäre zu Boden geglitten, wenn ihm 
nicht ein Mitglied der Schauspielertruppe beigesprungen 
wäre. Sein Gesicht wurde grau und auf den Wangen 
zeigten sich verdächtige Flecken . . . 
Die Lecouvreur, von dem Zwischenfall verständigt, 
kam schnell herbei. Man legte den Fiebernden auf sein 
Ruhebett. Schon erschien der Präsident mit einem zu 
fällig anwesenden Arzt. Dieser untersuchte den Be 
wußtlosen und sagte: 
„Es ist kein Zweifel möglich. Wir haben es mit einer 
schweren Blatternerkrankung zu tun.“ 
Im Nu war die Bühne leer. Die Schauspieler 
flüchteten. Eine wilde Panik entstand. Die Schreckens 
kunde flog von Mund zu Mund. Der Präsident ließ sein 
vornehmes und geschmücktes Haus im Stich. Die Gäste 
zerstreuten sich in alle Winde . . . 
„Die schwarzen Blattern!“ 
Das war ein Schreckenswort, bei dem der Mutigste 
erblaßte. Das war jene gefürchtete Krankheit, die meist 
tödlich endete, im günstigsten Falle aber den Genesen 
den durch abscheuliche Narben für immer entstellte. 
Leer und still, war es in dem Landhause des Herrn 
Desmaison geworden. Sogar die Dienerschaft war 
größtenteils geflüchtet, und nur der kranke Voltaire 
blieb zurück und — die Lecouvreur. Die gefeiertste 
Schauspielerin von Paris, die schöne Geliebte des 
Grafen von Sachsen, blieb bei dem Fiebernden und 
wurde seine Pflegerin. 
Die Krankheit verschonte sie. Voltaire, der ge 
fürchtete Spötter, war, als ihm der Heldenmut der 
Schauspielerin zu Bewußtsein kam und er seine Be 
schützerin erkannte, tief gerührt und kaum des Dankes 
fähig. 
Von dieser Stunde an war er ihr ergebener Freund 
und wartete nur die Gelegenheit ab, die Wohltat durch 
eine gleiche zu vergelten. Dazu schien sich allerdings 
kaum Gelegenheit zu bieten. Denn die Lecouvreur stand 
auf der Höhe ihres Ruhmes. Der Graf von Sachsen, der 
glänzende, vielumworbene Marschall, umwarb die 
schöne. Schauspielerin, von der ein französischer, zeit 
genössischer Schriftsteller schreibt: Was sie vor allen 
anderen auszeichnete, war der hervorragende Zauber, 
ohne den die Schönheit nur eine kalte Vollkommenheit 
bleibe: Physiognomie. 
Der König erschöpfte in jener Zeit durch eine maß 
lose Verschwendung die Staatskassen, und die spätere 
Marquise von Pompadour war Madame d’Etoiles ge 
worden. Sie glänzte in allen Gesellschaften durch ihre 
Schönheit und führte bald den glänzendsten Salon, in 
dem Voltaire verkehrte und Adrienne oft eingeladen 
war. — 
Voltaire, hingerissen von dem Zauber der ehemaligen 
Antoinette Poisson, legte ihr seine Huldigung zu Füßen. 
In der Tat blieb der große Spötter ein unerschütterlicher 
Verehrer der vielgehaßten und umschwärmten Frau, und 
noch als Einsiedler in Ferney äußerte er sich begeistert 
über sie zu dem Dichter Marmeontel.
        
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