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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 34 
14 
„Verlieren Sie den Mut nicht“, sagte eine Frauen 
stimme: „Was Sie heute eingebüßt, wird Ihnen morgen 
wieder zufliegen. Nichts ist wandelbarer als die Laune 
des Publikums.“ 
Voltaire erkannte Adrienne Lecouvreur, die berühmte 
Schauspielerin, und neigte sich mit dankbarem Lächeln 
über die Hand dieser großen Künstlerin, welche damals 
eben anfing, Paris für sich zu begeistern. 
„Was wollen Sie“, sagte der Autor. „Man pfeift die 
jenigen aus, welche gute Tragödien schreiben, und jubelt 
den Stümpern zu, die Idyllen im Dialog oder politische 
Gespräche oder langatmige Reden mit den Göttern an 
fertigen.“ 
„Sie haben recht“, erwiderte die Tragödin, „und ich 
will wünschen, daß das Publikum sehr bald Ihrer Mei 
nung sei. Ich zweifle keinen Augenblick, daß Sie be 
rufen sind, das Theater zu reformieren. Und eine Nie 
derlage von heute kann ein Sieg von morgen sein.“ 
Voltaire, hingerissen von dem Lob der schönen Schau 
spielerin, dankte ihr in bewegten Worten. Doch so 
liebenswürdig er gegen Adrienne war, so rücksichtslos 
verdammte er die Stümperin, die ihm die Enttäuschung 
dieses Abends bereitet hatte. 
Die Lecouvreur und den Dichter verband von diesem 
Abend an, wo man Voltaire verlacht, eine aufrichtige 
Freundschaft. Beide trafen sich oft; denn die Gele 
genheit dazu bot sich in einer Zeit, wo die Geselligkeit 
zu einer Virtuosität erhoben war, fast täglich. 
In der Rue St. Hoeve verkehrten die erlesensten 
Geister der damaligen Zeit, und ein Jahrzehnt nach 
jenem Mißgeschick im Theätre francais war Voltaire 
bereits der Stern von Paris, der gefeiertste Dichter, 
dessen Witz ebenso gefürchtet war wie der Moliferes, 
und dem trotz seiner häßlichen Physiognomie die 
schönsten Frauen seiner Zeit huldigten. 
In der Rue St. Hoeve sah man neben Voltaire den 
alten Fontenelle, und im Laufe von einem Jahrzehnt 
gingen dort aus und ein Boucher, der 
anakreontische Maler des Rokoko, der 
auch die Pompadour verewigte, Joseph 
Vernet, der Zeichner, Bouchardon, der 
Bildhauer, ja, selbst Könige klopften an 
diese gastliche Stätte, wo die Madame 
Geoffrin mit unnachahmlicher Würde die 
Rolle der Wirtin zu spielen verstand. Da 
war Prinz Kaunitz ein häufiger Gast, man 
sah den König von Schweden in eigener 
Person, und die russische Katharina ver 
säumte nicht, mit dem Kreise einen leb 
haften Briefwechsel zu unterhalten. 
Adrienne hatte recht behalten, denn das 
Stück „Semiramis“ brachte Voltaire einen 
Erfolg, der ihn für manches frühere Miß 
verständnis reichlich entschädigte. 
Ludwig XV. hatte nominell die Re 
gierung ergriffen, aber in Wahrheit war 
der Kardinal Fleury Regent von Frank 
reich. Man vergnügte sich in Paris wie zu 
Zeiten des fröhlichen Herzogs von Or 
leans und warf das Geld nach wie vor auf 
die Straße. So ließ der Prinz von Conti 
einen riesenhaften Diamanten über die 
Kopie eines kleinen Lieblingsvogels 
setzen, der einer ihm befreundeten Dame 
gestorben war. Und als diese solche Ver 
schwendung tadelte, sandte er ihr ein 
liebenswürdiges Schreiben, das er mit dem 
„ , Staub des pulverisierten Diamanten be- 
... dort legte sich eine weiche Hand auf seine Schultern ... 
as Theätre francais war der Schau 
platz eines wilden Tumultes, Man 
gab, „Artemise“, die Tragödie eines 
jungen Dichters namens Voltaire, 
der sich durch eine ziemlich unruhige 
Vergangenheit bekannt gemacht 
hatte. Noch halb ein Knabe, hatte 
i.er durch ein Gedicht auf den Dauphin 
die Aufmerksamkeit des Hofes erregt 
und sich die Freundschaft des mächtigen Prinzen von 
Conti erworben. Doch alsbald verscherzte er sich 
diesen Gönner durch beißende Epigramme auf den ver 
storbenen Ludwig XIV. und den Regenten Philipp von 
Orleans, der ihn eines Tages in die Bastille sperren 
ließ, wo der junge Autor der „Henriade“ über ein Jahr 
gefangen saß. Trotz seiner geradezu fabelhaften Häß 
lichkeit errang er sich indessen schnell wieder, beson 
ders unter einflußreichen Frauen, höchste Protektion, 
und der Mißerfolg, den die Tragödie „Artemise“ an 
diesem Abend davontrug, war nicht etwa der Mißgunst 
oder Voreingenommenheit des Publikums zuzuschrei 
ben, sondern in erster Linie dem schlechten Spiel der 
jungen Tragödin, welche die Hauptrolle spielte und 
für Voltaires Geliebte galt. 
Nachdem aber schon einmal der zweite Akt ausge 
pfiffen wurde, steigerte sich der Fanatismus der vor 
nehmen Pariser zu mitleidslosem Spektakel. Damals 
saßen die vordersten Zuschauer noch auf der Bühne im 
Vordergrund, mitten unter den Schauspielern, die natur 
gemäß bei solchem Lärm nicht weiterspielen konnten. 
Voltaire war außer sich. Er stürzte auf die Bühne und 
rief das Publikum an, es solle doch wenigstens die Vor 
stellung zu Ende gehen lassen, ehe es das Stück schon 
im zweiten Akt verurteile. Man hörte nicht auf ihn, 
lachte nur noch mehr und pfiff ihn nieder, so daß der 
Dichter schließlich tief verletzt hinter die Bühne stürzte; 
dort legte sich eine weiche Hand auf seine Schulter: 
Voftaire und die Schauspieferin 
ROBERT H E Y M A N N 
Bilder i Knotet
        
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