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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 34 
12 
war Seligkeit, die erlöste. Alle diese Frauen liebte ich 
— dich — Lusia — liebte ich in ihnen; so wie ich in 
dir alle Frauen der Welt liebe. 
« 
Ich saß neben Tilly Ringler und sprach von der 
letzten Hoffmannpremiere — aber ich fühlte, ich war 
ein wenig unaufmerksam, denn wenige Schritte vor mir 
stand Lusia mit Wolf von Reißbach. Lusia lachte, ihre 
Augen glänzten — meine Blicke zogen liebevoll die 
Konturen ihrer feinen Gestalt nach. Sie begann in ihrem 
Täschchen aus gehämmerten Goldplättchen zu kramen 
und plötzlich sprang ein kleiner Schlüssel heraus und 
fiel knapp vor mir auf den Teppich. Reißbach und ich 
bückten uns gleichzeitig danach — ich fasse ihn und 
hob ihn empor. Aber der Bügel war schon geschlossen. 
Lusia sagte nervös: „Schon wieder der Schlüssel — 
geben sie ihn mir später — jetzt will ich tanzen.“ 
Reißbach lächelte verbindlich. 
Wieder senkte die Musik ihr Gewand aus roter Seide 
um mich — wieder zog mich der Tanz in seinen schwin 
genden Reigen. Schöne Frauen lagen in meinen Armen, 
schlanke Körper streiften meine Glieder, lächelnde 
Blicke tauchten in meine Augen. 
Aber den Schlüssel in meiner Tasche hatte ich ganz 
vergessen. 
* 
Mitternacht war vorbei. Das strenge Gefüge der Ge 
sellschaft hatte sich gelockert, die Gesichter waren ein 
wenig röter, der Ton lauter, ausgelassener. Als die 
letzten Töne eines Valse Boston verklungen waren, 
zogen mich Lusias Augen unmerklich in eine Ecke. 
Drüben hob sie jäh den Kopf. 
„Du —“ das Wort sprang mich an wie ein Raubtier, 
mühsam gebändigte Heftigkeit tobte in der Stimme. 
Sie sah mich voll an, ihre Pupillen waren weit offen, 
schwarz und blank wie Tollkirschen. — Blutrot leuch 
teten die schmalen Lippen. 
„Bob — hast du den Schlüssel? — Nein — behalte 
ihn —“ 
Sie holte tief Atem. 
„Du wirst dich in ungefähr einer Stunde verabschie 
den — hörst du — aber du gehst nicht. Der Schlüssel 
ist von der zweiten Wohnungstüre — über dem Gang 
— und du — erwartest mich im Bibliothekzimmer — 
verstehst du —“ 
Stoßweise waren die Worte über ihre Lippen ge 
kommen, stürzten über mich wie Kaskaden eines 
Wasserfalles. 
Lusia war verschwunden. Und die Musik spielte, die 
Paare tanzten weiter, als wäre gar nichts geschehen. 
Wie ist diese Stunde vergangen? Ich weiß es nicht. 
Ich glaube, ich hätte meine Herzschläge gezählt, wenn 
es nicht so wahnsinnig viele gewesen wären. 
Lusia saß neben Wolf von Reißbach, als ich mich 
von ihr verabschiedete. Sie sprach einige konventio 
nelle Phrasen, um mich zurückzuhalten, bedauerte, 
reichte mir nachlässig die Hand — war ganz Dame des 
Hauses und liebenswürdige Gastgeberin. 
Reißbach lächelte verbindlich. 
Die Türe schloß sich hinter mir. 
Ich blieb sekundenlang stehen, bis sich die Schritte 
des Dieners entfernt hatten. Dann ging ich leise über 
den Gang hinüber. Ich suchte den Schlüssel hervor 
und mußte lachen, als ich . . . 
• 
Im Nebenzimmer schlug die Türe zu, eilige Füße 
schritten herbei — urplötzlich wie der beklemmend 
heiße Hauch eines Wüstenwindes flog Lusia herein. 
„Muß doch sehen, wie’s dir geht — Bob. Was treibst 
du? Komm, küsse mich! Nein — bleib sitzen — so — 
gib den Kopf zurück“ und sie beugte sich über mich. 
Ich ging langsam durch das Zimmer auf und ab, bis 
die brennende Erregung meiner Nerven verglüht war. 
Es ist ja nur ein Spiel — Lusia — das wir zusammen 
spielen — eine Komödie vielleicht, aber ein großes, be 
rauschend schönes, gefährliches Spiel. Wir sind auf 
einander eingestellt, sind uns innerlich vielleicht fremd 
und wissen uns doch richtig zu nehmen — so — wie 
man bei einer Maschine, deren Konstruktion man nicht 
kennt, weiß, welchen Hebel man zu stellen hat, damit 
der Mechanismus auf eine bestimmte Art reagiert. 
Es gibt Steigerungen in unserer Leidenschaft bis zur 
Katastrophe der Übersättigung, wenn wir uns die 
Masken wegreißen und uns entsetzt und haßerfüllt in 
die unverhüllten Augen starren — Katastrophen, die 
uns auseinanderspalten, als wäre es für ewig — und 
doch wissen wir, daß uns der Pendelschlag der Exstasen 
wieder zusammenschmieden wird und sind der ver 
söhnten Aufnahme gewiß. 
Wir haben uns manchmal ein großes Glück vorge 
zaubert, wenn wir auf der Bühne, die wir die Liebe 
nannten, einander gegenüberstanden — und wir 
brauchten beide dieses Spiel, diese rote schwere Samt 
decke, die uns die Armseligkeit des Lebens verkleidete 
und aus dem harten Holzgerüst einen schwellenden 
Königsthron schuf. 
Und kann es ein anderes Glück geben? 
« 
Ein wirbelnder Schwall von Rufen und Lachen, für 
Sekunden aufbrausend, drang gedämpft herüber, daß 
ich die Feder hinwarf und aufhorchte; doch bald ver 
stummte der Lärm — das verschwommene Klavierspiel 
tauchte wieder auf. 
Ich zuckte die Achseln. Was geht’s mich an, was ihr 
da drüben treibt? Ich warte in herzklopfender Span 
nung auf ein Weib aus eurer Mitte, auf die Schönste, 
Begehrteste. 
Es war bald drei. Werdet ihr nicht bald Schluß 
machen und Lusia freigeben? 
Das Tablett war leer — die Flasche ausgetrunken, 
unzählige Zigaretten habe ich geraucht. 
Lusia — du bist nur Verheißung, nicht Erfüllung — 
bist nur ein Mittel, dessen Zweck mir verborgen ist — 
bist ein Weg, dessen Ziel die Nebel der Zeit verhüllen. 
Du bist schön — bist voll Kraft und Güte und Ruhe; 
was mich quält ist der Gedanke, daß es schwer sein 
wird, nach dir ein Weib zu finden, die deinen Platz 
auszufüllen imstande ist. 
Denn es werden andere nach dir kommen. 
Lusia — meine Liebe ist ein goldener Becher, in dem 
du als herrliches Getränk schäumst — und wenn ich 
ihn ausgetrunken habe, werden andere Weine darinnen 
perlen, so, wie ihn andere vor ihm füllten — herbe, süße, 
schwere, prickelnde — je nach der gnädigen Laune des 
Schicksals, in der es die Kanne darüber neigte. 
Tue ich Unrecht an dir? — Frag dich selber! — Wer 
hat die Kraft, sich gegen das rollende Rad des Lebens 
zu stemmen, ohne erdrückt zu werden? 
* 
Halb vier. 
Es ist drüben still geworden — das Klavierspiel ver 
sunken, die fröhlichen Stimmen sind wie scheue Vögel 
davongeflattert. 
Kalter Rauch lagert in langen Schleiern quer durch 
das Zimmer — eine fröstelnde Kühle beginnt aus den 
Ecken emporzusteigen.
        
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