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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 34 
8 
stecken lassen. „Sie gestatten, Gnädigste, ich bin so 
fort zurück.“ Ein leichtes Neigen, ein glutvoller Blick, 
er geht dem Ausgang zu. 
Ivonne zerrührt die Zuckerstückchen in dem braunen 
Trank. Ein leichtes Lächeln umspielt ihre Lippen. Sie 
genießt das Unausgesprochene, das zu Erwartende, das 
zwischen ihnen liegt. 
Die Musik intoniert eine feurige Weise. Ivonnes 
rechte Fußspitze wippt den Takt. Immer schneller, 
immer hastiger. Sie begleitet die Musik nicht mehr. 
Nervosität bewegt ihren Fuß. 
Sie wirft einen Blick auf ihre kleine Armbanduhr. 
Zehn Minuten sind vergangen, seit er ging, um die 
Zigaretten zu holen. Sie trinkt die zweite Tasse Mokka. 
Eine Viertelstunde. Nun sind es die Finger, die auf 
dem Tische Klavier spielen. 
Zwanzig Minuten. Angstschweiß feuchtet ihre Stirn. 
Er ist fort. Kommt nicht wieder. 
Wenn — wenn — Sie blickt hinüber zu dem Kellner. 
Der, als hätte er ihren Blick erwartet, kommt an den 
Tisch. 
„Wollen gnädige Frau zahlen?“ 
„Ja, ich will zahlen“, hauchte sie. 
Es war eine Rechnung, die der Vornehmheit des 
Kavaliers entsprach. Ein lumpiger Fünfmarkschein 
blieb in ihrer Geldtasche zurück. Aber, die Über 
raschungen des Abends sollten noch nicht zu Ende sein. 
In der Garderobe erstaunte die Frau, als sie ihren Pelz 
verlangte. Denselben hatte doch vor zwanzig Minuten 
der Herr, der mit der Dame gekommen, abgeholt. 
Ivonne war einer Ohnmacht nahe. 
Im dünnen Seidenkleid stand sie auf der Straße im 
schneidenden Wind. Äußerlich und innerlich vor Kälte 
bebend. Ihr heißes Herz war abgekühlt worden. Die 
Temperatur ihres Innern befand sich unter dem Null 
punkt. 
Anekdoten um einen König 
Madame Rietz, die schöne Maitresse von Friedrich 
Wilhelm II., war eine der klügsten Frauen in Berlin. 
Sie wickelte Se. Majestät nach Lust und Vergnügen 
ein. Nachdem er die Trompeterstochter zur Gräfin 
Lichtenau befördert hatte, sagte er zu der koketten 
Frau: „Nun, mein Minchen, wie fühlst du dich? . . . 
Hörst du die Zacken auf deiner Grafenkrone schon 
wachsen?“ 
Die neugebackene Gräfin lächelte: „Genau so, wie du 
die Hörner, die ich dir aufgesetzt habe, wachsen hörst.“ 
Friedrich war darauf nicht vorbereitet. Es überlegte 
der korpulente König, was sie damit meinen könnte. 
Da flüsterte ein bei der Gräfin abgeblitzter Kammer 
herr, ein kleiner Intrigant, ihm zu, daß Frau von 
Lichtenau an der Tür ihres Schlafzimmers einen Eng 
länder geküßt hätte. Er sei zufällig eingetreten in den 
Salon . . . Die Tür sei versehentlich nicht geschlossen 
gewesen . . . 
Der König machte der Gräfin in der Nacht noch 
bittere Vorwürfe; „Ich werde die Grafenkrone dir 
nehmen, Treulose!“ schrie er sie an. Sie aber lächelte: 
„Das wird ebenso wenig gehen, wie ich dir die Hörner, 
die ich dir gestern wachsen ließ, nehmen kann.“ 
* 
Fräulein Julie von Voß, die spätere Gräfin von 
Ingenheim und die linksgetraute Gemahlin des Königs, 
war vor ihrer Ehe zu keinem Stelldichein im Park oder 
in einem Jagdpavillon zu bewegen. Friedrich Wilhelm II. 
versprach ihr Schlösser und gefüllte Schatullen. Julia 
sagte; „Nein, liebe Majestät, erst heiraten Sie mich, 
dann befehlen Sie über mich, wie jeder Bürger über 
seine Frau befehlen darf.“ Und Friedrich blieb nur der 
Gang zum Altar übrig. 
Bald aber war er abgekühlt, ihm gefiel es nicht, daß 
er genau wie jeder Bürger Preußens seine Liebe zu jeder 
Stunde verlangen konnte . . . 
Er verschmähte ihre Zuneigung und ging erregt und 
nervös zu Minchen Rietz, zu seiner Lichtenau. 
Die Mätresse des Königs aber winkte ernstlich ab: 
„Diese Person hast du nun geheiratet, mich hast du 
sitzen lassen!“ sagte sie beleidigt. 
„Ich lasse dich keinen Augenblick sitzen!“ erwiderte 
Seine Majestät, „du siehst ja, ich komme selbst in der 
Nacht zu dir.“ 
Minchen aber hatte dieses Mal Charakter, und der 
König war gezwungen, die Tänzerin Schulsky vom 
Corps de Ballett in seine königlichen Arme zu schließen. 
« 
Mademoiselle Schulsky ward, wie Dampmartin be 
richtet, dem Könige in der Eigenschaft gegeben, wie 
Abisag von Sunem dem König David ... sie sollte ihm 
die halberstarrten Glieder wärmen. Die Gräfin 
Lichtenau war keine Minute dieser schönen, aber geist 
losen Frau gram. Ganz genau wußte sie, daß solche 
Frauen ihr nichts schaden konnten, ja, daß sie durch 
diese Kategorie in den Augen ihres königlichen Freundes 
nur gewinnen konnte. Auf der anderen Seite konnte 
sie ruhiger und intensiver mit anderen Liebhabern 
flirten. 
Der König fragte seinen ihm ergebenen Adjutanten: 
„Weswegen gestattet die Gräfin in so loyaler Weise 
eine Nebenbuhlerin? Ich kenne das bei keiner anderen 
Frau.“ „Majestät“, entgenete der Gefragte, „die 
Gräfin weiß, daß Sie sich durch Mademoiselle Schulsky, 
die so sehr jung ist, verjüngen, und dadurch gewinnt 
auch sie an Jugend wieder.“ 
Die freimütige Erklärung paßte dem verfetteten König 
nicht, und der Adjutant kam in eine kleine Garnison 
Brandenburgs. 
Die kleine Schulsky aber blieb Hauptfavoritin, bis ein 
Gardeleutnant Gefallen an ihr fand und sie heiratete. 
Friedrich Wilhelm und die Gräfin ließen aber bis zu 
diesem Tage die Tänzerin nie wieder aus ihren 
Augen . . .
        
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