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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 34 
Ja/irg. 27 
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gemacht, die über sie triumphierte. Jetzt hatte Lena 
ihre Rache, und auch das Lächeln verschwand gar bald, 
wich einem Lächeln der Versöhnung, des Verstehens. 
Lena hatte den anonymen Brief geschrieben, der Jutta 
und ihren Bruder hinausgelockt, Lena hatte ihn zu sich 
zurückgeholt. Er, der große Frauenkenner, war von 
einer Frau, seiner eigenen ersten Frau geschlagen 
worden. Der Kreis war geschlossen. 
Im Dezember zeigten Conrad und Lena ihre Wieder 
vermählung an, im Januar saßen sie wieder in der alten 
Loge des Theaters, wo Conrad Gelegenheit hatte, 
Juttas Talente auf das Gebührendste zu bewundern. 
DER KAVALIER 
JOLANTHE MARES 
fl J yV e k am vom Bahnhof Zoo. Hatte ihren 
>) I v. Gatten zur Bahn gebracht. Eine Ge- 
QrA schäftsreise nach Holland. Es war ein 
kalter Novemberabend. Eisiger Wind 
C'Y*X \ wehte ihr von der Kaiser-WUhelm-Ge- 
t VCv\ I dächtniskirche entgegen. Gleich spitzen 
K.k'j ^ )/ Nadeln durchdrang es die dünnen, 
Jr fleischfarbenen Seidenstrümpfe. Auch 
die Löckchen vor den Ohren, die unter 
dem, die Augen tief beschattenden Hut hervorquollen, 
wurden arg gezaust. Herz und Körper hingegen waren 
warm. Wohlig warm. 
Noch fester wickelte Ivonne sich in den kostbaren 
Pelzmantel, voll Dankbarkeit erfüllt gegen ihren Gatten, 
der endlich ihrem unermüdlichen Bitten und Drängen 
nachgebend, ihr den Pelz bewilligt hatte. 
Fred Hildebrand war kein Schieber, kein Kriegsge 
winnler. Es wurde ihm nicht leicht, seine und seiner 
Frau Luxusbedürfnisse zu befriedigen. Der Pelzmantel 
— der ging eigentlich über seine Verhältnisse. Aber 
— wo blieb Stärke und Wille eines Mannes gegenüber 
den bittenden Augen und sonstigen Verführungs 
künsten eines Weibes? 
Ivonne bekam ihren, Herz, Magen und sonstige Kör 
perteile wärmenden Pelz und führte ihn täglich spa 
zieren. 
Was das Herz Ivonnes betraf, so bedurfte dieses 
zwar keiner Wärme erzeugenden Hülle. Es zeigte be 
ständig höchste Blutwärme und gelangte oft auf den 
Siedepunkt. 
In solchen Aufwallungen übersprang Ivonne des 
öfteren die ehelichen Schranken, ließ ihren lieben guten 
Fred fleißig money machen, während sie sich in kleine 
Abenteuer stürzte, die an jeder Straßenecke auf sie zu 
warten schienen. 
Auch heute abend sollte ihr die Ecke wieder ge 
fährlich werden. Als sie, des Windes wegen mit ge 
beugtem Kopf um die Ecke bog, um in den Kurfürsten 
damm einzubiegen, prallte sie mit einem Herrn zu 
sammen. 
„Ich bitte tausendmal um Verzeihung — aber — 
Gnädigste kamen so temperamentvoll angeschossen —“ 
Sie rückte den ein wenig verrutschten Hut zurecht 
und ging weiter. 
Er blieb an ihrer Seite. „Gnädigste gestatten, daß 
ich mich vorstelle.“ Er murmelte einen Namen. Er 
hatte einen polnischen oder griechischen Klang. Was 
war ihr der Name? Nebensache. Wie war er ange 
zogen? Wie sah er aus? 
Die mangelhafte Straßenbeleuchtung gestattete nur 
eine unvollkommene Musterung. 
Ein paar Schritte gingen sie schweigend nebenein 
ander. Dann flog es von seinen Lippen: „Was für ein 
verteufelt kalter Wind das ist.“ 
Wie banal das klang. Ivonne beschleunigte ihren 
Schritt. Jetzt erreichten sie eine helleuchtende Straßen 
laterne. Ihr schnell prüfender Blick glitt über ihn hin. 
Augen voll tiefer Melancholie, verborgenem Feuer be 
gegneten ihr. Eine heiße Welle überflutete sie. Unter 
dem Pelz wurde es ihr zum Ersticken heiß. Trotzdem 
zog sie ihn noch fester zusammen, als hätte sie Furcht, 
Verborgenes preiszugeben. 
Da trat er ganz nahe an sie heran und flüsterte: 
„Verbirgt unter dem Pelz sich Venus, die Schaumge 
borene?“ 
Sie war an der Haltestelle des Autobus, unter der 
helleuchtenden Laterne, stehen geblieben. „Sie sind 
kühn, mein Herr.“ 
„Nur mit Kühnheit gewinnt man das Weib.“ Er 
lächelte, daß seine weißen Zähne blitzten. 
Ratternd fauchte der große Kasten heran. Ivonne 
setzte den Fuß über die Bordschwelle. Da fühlte sie 
sich zurückgehalten. „Steigen Sie nicht ein, ich bitte 
— schenken Sie mir noch ein paar Minuten.“ 
Sie zog den Fuß zurück, machte eine Wendung und 
sah ihn an. Ihre Blicke wurzelten ineinander. Er löste 
die seinen zuerst und sprach: „Bis zur nächsten Halte 
stelle — ich bitte.“ 
Nun gingen sie nebeneinander her. Als sie über die 
Joachimsthaler Straße hinaus waren, überfielen sie 
seine Bitten. Es war eine schnelle Kapitulation. 
Denn schon, als sie in seine Augen gesehen, stand 
es in ihr fest, sich in dieses Abenteuer zu stürzen. 
Die glutvollen Augen hatten wieder einmal die Tem 
peratur ihres Blutes auf den Siedepunkt gebracht. 
Nun saßen sie in einem eleganten Restaurant. 
Lächelnd begegneten sich ihre Augen und leise stießen 
sie die erhobenen Gläser aneinander. Es war Sekt, 
französischer Sekt, den sie tranken. Das Menu, das 
er zusammengestellt, war das eines Feinschmeckers. 
Sein Äußeres — sein Auftreten — elegant bis in die 
Fingerspitzen. Ein vollkommener Kavalier. 
Ivonnes Augen bekamen einen feuchten Schimmer. 
Leises Lachen kam von ihren Lippen. „Was der Abend 
einem doch für Überraschungen bringen kann. Ich 
hatte geglaubt, diese Stunden einsam, mit der Lektüre 
eines interessanten Romans zu verbringen — und nun 
sitze ich hier in der Gesellschaft eines mir völlig 
Fremden, höre gedämpfte Musik, Lachen, Gläser 
klingen —■“ 
„Und erleben selbst einen Roman.“ Sie fühlte, wie 
seine Knie die ihren berührten und ihre Hand, die die 
Gabel hielt, durchlief ein Zittern. 
Er plauderte. Sinnverwirrend wirkte seine leise, 
stahlklingende Stimme. 
Er mußte sich bewußt sein, daß er alles wagen durfte 
und dennoch blieb er der vollendete Kavalier. 
Die Berührung ihrer Knie, ein Druck seiner Finger 
spitzen auf ihren Nacken, das waren die einzigen Wag 
nisse, die er sich erlaubte. 
Der Kellner hatte den Mokka serviert und bot ihnen 
Zigaretten an. 
„Danke, ich rauche nur meine eigenen.“ Er griff in 
seine Brusttasche. „Ach, ich habe mein Etui im Mantel
        
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