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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 34 
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hatte, quälten ihn und nahmen in seiner überreizten 
Phantasie die absurdesten Gestalten an. Er war plötz 
lich fest davon überzeugt, von seiner Frau während 
seiner Abwesenheit betrogen worden zu sein. Dieser 
Gedanke fraß sich in ihm fest und bereitete ihm fast 
körperliche Schmerzen, denn er war sehr eitel. Tausend 
Pläne, sich zu rächen, wälzte er durch sein Hirn und 
verwarf sie in demselben Augenblick, als er sie dachte, 
denn er hatte unbeschreibliche Angst, sich lächerlich zu 
machen. Die Angst des Hahnreis machte ihn fast 
rasend. Mit einem Satz sprang er aus dem Bett und 
eilte zur Verbindungstüre, die zum Schlafzimmer seiner 
Frau führte. 
Als er die Türe öffnete, sah er, daß seine Frau noch 
wach lag und Licht brannte. Anscheinend hatte sie 
sein Kommen erwartet, denn sie schien nicht im ge 
ringsten überrascht. Das verwirrte ihn, und er blieb 
ziemlich hilflos an der Türe stehen. 
Die Baronin lächelte ihm aus den weißen Kissen ihres 
Bettes entgegen. 
„Warum stehst du denn an der Türe?“ fragte sie, und 
lachte hell auf, mit jenem etwas tiefen Lachen, das 
ihn jedesmal bis ins Blut erregte. 
Er ging auf ihr Bett zu. Er vermochte nichts Klares 
zu denken. Nur dumpf fühlte er, daß er irgendwie an 
sie eine Frage stellen wollte, die ihm keine Ruhe ließ. 
Seine Sinne, die lange gehungert hatten, wurden durch 
den Anblick des schlanken, jungen Körpers, dessen 
Konturen sich unter der dünnen Decke des Bettes ver 
führerisch abzeichneten, wach, und jagten ihm das Blut 
durch die Adern, daß er es in den Ohren sausen hörte. 
Die Baronin richtete sich lächelnd empor und bot ihm 
ihren Mund zum Kuß. Der Ausschnitt ihres Nacht 
kleides schien wie durch Zufall über die Achsel zu 
gleiten, und enthüllte die blendend weiße Schulter. 
Da war es mit der Beherrschung des Barons vorbei. 
Glühend, unter tausend zärtlichen Worten, umarmte er 
seine Frau, den Gedanken eines Ehebruchs vollständig 
vergessend. 
Als er dann, den Kopf auf ihrer Brust, den dumpfen, 
gleichmäßigen, so geheimnisvollen Schlag ihres 
Herzens hörte, sagte er sich: „Diese Zärtlichkeit lügt 
nicht. — Ich bin ein Esel.“ 
Die Baronin aber, die mit verschränkten Armen, den 
Blick zum Betthimmel emporgerichtet, lag, lächelte still 
und ein wenig ironisch. 
TURBULENZ 
CURT SEIBERT 
onrad von Prellon hatte sich scheiden 
lassen. Es war einfach nicht mehr so 
weiter gegangen. Der Rausch und die 
Liebe, die ihn damals gepackt hatten, 
als er seine Frau auf dem Gute seines 
Vaters kennen lernte, waren während 
der dreijährigen Ehe verflogen, er 
wußte nicht weshalb und warum, er 
konnte nur mehr die Tatsache kon 
statieren. Wenn Lena wenigstens 
eifersüchtig gewesen wäre und getobt hätte mit jenem 
Ungezügelten Temperament, das er an ihr so schätzte 
und das ihn damals so für sie eingenommen hatte, er 
wußte nicht, ob er nicht Jutta fallen gelassen hätte, 
aber diese stille Verachtung, mit der sie ihn strafte, 
konnte er nicht ertragen. 
Lange hatte er geschwankt, das hielt er sich jetzt 
zugute. Lena war ihm aber so entgegengekommen, daß 
er schließlich nicht mehr zurückkonnte. Natürlich 
hatte er alle Schuld auf sich genommen, und nun waren 
sie geschieden. Im selben Augenblick tat es ihm schon 
leid, doch Lena reichte ihm freundlich die Hand, jenes 
mokante Lächeln auf den schmalen Lippen, das ihn 
oft zur Raserei gebracht hatte, und Jutta nahm nun von 
ihm Besitz. 
Als er seine zweite Frau kennen lernte, war sie eine 
gefeierte Künstlerin. Sie gehörte einem der ersten 
Theater an und hatte bei jeder Premiere ihren Triumph. 
Das Heer der Verehrer war unzählbar und die Direk 
toren rissen sich um sie. Umso größer war das Er 
staunen, als Jutta nach der Hochzeitsreise ihren Ent 
schluß bekannt gab, von der Bühne abzutreten. Sie 
wollte nur ihrem Mann leben, ihm eine nette Häus 
lichkeit bereiten und wie sie sagte, ein kleines süßes 
Frauchen werden. Conrad war wohl der einzige, der 
zuerst von dieser Idee begeistert und gerührt war. Eine 
wunderbare Zeit brach an. Jutta war das liebreizendste 
Weib, das man sich denken konnte, ihr weicher rund 
licher Leib von graziöser Gelenkigkeit hatte etwas Ver 
führerisches selbst ohne die dunklen großen Augen, 
deren unruhiges Flackern heiße Leidenschaft ver 
kündete. 
Doch Jutta hatte den falschen Weg gewählt. Seit 
dem sie aus dem Mittelpunkt des Interesses freiwillig 
abgetreten war, seit sie sich Theaterstücke nur aus der 
Loge ansah, statt selbst mitzuspielen, hatten sich ihre 
Verehrer langsam von ihr zurückgezogen. Die Tätig 
keit im Haushalt hatte sie stark verbürgerlicht, auch 
war sie nicht schlanker geworden, sondern setzte stark 
an. Conrad war gezwungen, Vergleiche anzustellen, die 
durchaus zugunsten seiner ersten Frau ausfielen. Eine 
Zeit lang hatte er fast gewünscht, Jutta wäre beim 
Theater geblieben und hätte niemals ihren übereilten 
Entschluß gefaßt. 
In dieser Zeit fand die Premiere eines Stückes statt, 
dessen weibliche Hauptrolle Jutta wie auf den immer 
noch berückend schönen Leib geschrieben war. Von 
mehreren Seiten machte man sie darauf aufmerksam, 
wie töricht es gewesen sei, dem Theater und solchen 
Rollen den Rücken zu kehren. Das war aber schon 
nicht mehr notwendig, denn in Jutta hatte das Theater 
blut wieder die Oberhand gewonnen, und eines Mor 
gens kam sie aus der Stadt mit einem bereits unter 
schriebenen Vertrag zurück, der sie für die nächsten 
drei Jahre an die Stätte ihrer ehemaligen Tätigkeit und 
Triumphe verpflichtete. Strahlend erzählte sie Con 
rad von, diesem Erfolg. Dem war das aber gar nicht 
recht. Gewiß hatten sie beide mit dem Gedanken 
gespielt, aber Conrad hatte doch niemals ernstlich 
daran gedacht. Damals, als er sie erobern wollte, hatte 
er die günstigsten Aussichten. Sein kühn geschnittenes 
Gesicht, der braune Teint, der wundervoll gewachsene 
sportliche Körper, seine weltmännische stadtbekannte 
Eleganz, sein charmantes Wesen verbunden mit seinem 
großen Reichtum hatten ihn von jeher zum Lieb 
ling der Frauen gestempelt. Damals war es nicht 
schwer, unter hunderten der erste zu sein, aber heute? 
Juttas Blick war naturgemäß durch die Ehe getrübt, 
sie sah in ihm nicht mehr den ersten ihrer Kavaliere, 
sie sah in ihm den Ehemann, der bestimmt zurück 
stehen mußte, wenn bei neuen Triumphen neue Be 
wunderer sich um sie drängten. Und das war für 
Conrad, der sonst ein glänzender Schauspieler war, 
jedenfalls eine Rolle, die er nicht spielen konnte, die 
er nicht spielen wollte und nicht spielen würde. Er
        
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