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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

JaBrg. 27 
Nr 34 
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UNTREUE? 
Wolfgang von Lengerke 
ls der Baron von seiner Reise zurück 
kam, begrüßte ihn seine Frau auf 
das zärtlichste. Sie sah blühend aus, 
und ihre schönen, dunklen Augen 
glänzten und leuchteten aus dem 
blassen Gesicht mit beschwingter 
Fröhlichkeit, die ihm sofort auffiel. 
Denn, als er sie vor einigen Wochen 
verlassen hatte, war sie verstimmt 
traurig. Und dann, am Teetisch, dessen blitzendes Ge 
schirr zu den samtenen Farben der Rosen in der 
Kristallvase bläulichweiß glänzte, lehnte sich der Baron 
behaglich in seinen Fauteuil zurück und genoß den 
Anblick seiner schönen jungen Frau. 
Sie saß ihm gegenüber und erzählte lebhaft von Be 
kannten und Freunden, die während seiner Abwesen 
heit allerlei pikanten Gesprächstoff geliefert hatten. 
Mit ihren schönen, weißen Händen goß sie Tee in die 
Tassen. 
„Drei Stück?“ unterbrach sie sich in der Geschichte 
einer Ehescheidung, und hielt die Zuckerzange bereit. 
„Du nimmst drei Stück, nicht wahr?“ 
„Ich nehme doch nie Zucker!“ antwortete der Baron 
flüchtg erstaunt, daß sie ihm Zucker anbot. 
Die Baronin lachte. 
„Ach, wie konnte ich das vergessen, daß du keinen 
Zucker nimmst!“ und sie reichte ihm die Tasse über 
den Tisch. Dann begann sie die unterbrochene Ge 
schichte weiter zu erzählen. 
Während der Baron seinen Tee schlürfte, und seiner 
Frau zuhörte, überfiel ihn ganz plötlich — er wußte 
nicht wieso und woher — der Gedanke: „Warum bot 
sie mir Zucker an, und gerade drei Stück? Ich nehme 
doch nie Zucker.“ Er begann seine Frau aufmerksam 
anzusehen. Er sondierte ihr Gesicht. Er sah auf ihren 
Mund, dessen strahlendes Lächeln ihm plötzlich irgend 
wie verräterisch vorkam. Die zarte, weiße Haut, die 
aus dem duftigen, zierlich gefalteten Fichou ihrer Bluse 
lugte, schien von fremden Händen mit Zärtlichkeit 
berührt. „Sonderbar“, sagte er zu sich, „sonderbar, aber 
es scheint mir irgend etwas fremd an ihr.“ Sein Blick, 
der unentwegt über sie tastete, mochte der Baronin 
aufgefallen sein, denn plötzlich brach sie ihre Erzählung 
ab, und während sie seinem prüfenden Blick auswich, 
fragte sie: 
„Was hast du? Gefällt dir meine Frisur nicht, oder 
hast noch gar nicht bemerkt, daß ich eine neue Frisur 
trage?“ und sie lächelte ihn an mit ihrem fröhlichen, 
ganz ungewohnt heiterem Wesen. 
Tatsächlich bemerkte der Baron erst jetzt, daß sie 
eine neue Frisur trug. Irgendwie betroffen setzte er 
seine Tasse hastig hin und dachte: „Warum trägt sie 
eine neue Frisur?' 
Die Baronin, die sein Erstaunen bemerkte, lachte hell 
auf: „Gefält sie dir nicht?“ 
„Doch. Aber warum — “ 
„Es ist jetzt modern, und der Friseur fand, sie würde 
mich sehr gut kleiden.“ 
„Wirklich, der Friseur?“ fragte der Baron mit un 
sicherem Lächeln. Es sollte harmlos klingen, klang aber 
mißtrauisch. 
Die Baronin sah ihn einen Augenblick scharf an, so 
als wollte sie seine geheimsten Gedanken erraten. Er 
bemerkte diesen Blick deutlich, und es verstärkte seinen 
beginnenden Verdacht, gegen den er sich vergebens 
zu wehren suchte. „Irgendwas stimmt da nicht, irgend 
was stimmt da nicht!“ wiederholte es in ihm hart 
näckig. 
Eine seltsame Unruhe schien plötzlich über dem so 
behaglichen Teetisch zu schweben, und sich den Dingen 
mitzuteilen. Das Licht, das noch vor Minuten ruhig 
und stetig schien, streute sich plötzlich, von Wolken 
verdunkelt, in tausend hastigen Reflexen über den 
Raum. 
Der Baron, der aufgestanden war, ging unruhig, die 
Hände in den Taschen, hin und her. Plötzlich blieb er 
stehen und sah seiner Frau scharf ins Gesicht. 
„Warst du viel aus, während ich verreist war?“ 
„Nein. Warum willst du das wissen?“ 
„Nichts“, antwortete er, und suchte seinen Worten 
die Gleichgültigkeit eines zufälligen Gedankens zu 
geben. Dann begab er sich in sein Zimmer. 
Die Baronin, die ihm mit dem Blick folgte, bis er 
das Zimmer verlassen hatte, stand auf. Ein nach 
denklicher Zug lag in ihrem schönen Gesicht. Sie trat 
an einen Wandspiegel und betrachtete sich aufmerksam, 
da und dort nach Frauenart etwas an ihrer Toilette 
richtend. Ihre Bewegungen waren irgendwie nervös und 
hatten etwas Zweckloses an sich, sie sah ihrem Spiegel 
bilde beunruhigt in die Augen. 
Nach einigen Stunden trat der Baron in das Boudoir 
seiner Frau. Er fand sie auf einer Chaiselongue liegend, 
einen Roman lesend. 
Er setzte sich neben sie. 
„Was liest du da?“ fragte er, und griff nach dem 
Buch. Es war ein moderner französischer Roman, der 
den Ehebruch mit Boudoirphilosophie verbrämte. 
„Von wem hast du das Buch?“ fragte der Baron. 
Die Baronin, anscheinend schon während er das Buch 
durchblätterte auf diese Frage gefaßt, erwiderte ruhig: 
„Baby Klinger hat es mir gegeben“. 
„So?“ sagte der Baron. 
Dann fingen sie an über gleichgültige Dinge zu 
sprechen. Während er von seiner Reise erzählte, 
mußterte er seine Frau unablässig. Aber er vermochte 
nichts Beunruhigendes an ihr zu entdecken. Sie war 
nicht mehr so lebhaft, als zur Stunde seiner Ankunft. 
Sie war, wie er gewöhnt war sie zu sehen. Es entging 
seinem mißtrauischen Blick, daß sie unauffällig die 
moderne Linie ihrer Frisur gemildert hatte, so daß ihr 
Gesicht wieder den alten Ausdruck bekam. 
Nach dem Diner saßen sie plaudernd bei einer Tasse 
Kaffee. Seine Zärtlichkeit begann zu erwachen. Sie 
wehrte sich seiner Liebkosungen nicht. Als er ihr nach 
einem langen Kuß tief in die Augen sah, bog sie plötzlich 
den Kopf zurück und eine kleine, nervöse Falte huschte 
für Sekunden über ihre Stirn. 
„Was ist dir?“ fragte der Baron mit jäh erwachendem 
Mißtrauen, indem seine Zärtlichkeit wie in einem 
Schlund versank. 
„Ach“, sagte die Baronin, „ich erinnerte mich eben, 
daß wir für morgen bei Baby Klinger eingeladen sind. 
Wollen wir nicht absagen?“ 
„Weshalb?“ 
„Es sind so langweilige Leute dort.“ 
„Wer wird denn kommen?“ 
„Ich weiß es nicht.“ 
„Aber du sagtest doch soeben —“ 
„Sind nicht immer langweilige Leute dort?“ Ihr Ge 
sicht zuckte nervös, so daß er es für geraten hielt nicht 
weiter in Sie zu dringen. Aber er war fest entschlossen, 
die Einladung anzunehmen. „Vielleicht“, sagte er sich, 
„vielleicht ist doch etwas nicht in Ordnung.“ 
Sie sagten sich nach einigen Minuten ziemlich kühl 
„Gute Nacht!“ und gingen in ihre Schlafzimmer. 
Der Baron vermochte nicht einzuschlafen. Alle die 
kleinen Beobachtungen, die er an seiner Frau gemacht
        
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