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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 4 
Jahrg. 27 
16 
„Je nun“, antwortete Christine, mit dem Zipfel ihrer 
Schürze spielend: „wie kann ich dazu kommen? Nun — 
ich weiß es eben, daß der junge Herr nicht küssen kann.“ 
„Ah!“ machten die Tanten wieder und sahen sich ver 
ständnisvoll an. 
„Wie?“ fragte Vater Fresenius erschrocken, „was weiß sie?“ 
„Ich sage es ja: daß der junge Herr nicht küssen kann!“ 
Philipp wäre am liebsten in die Erde gesunken vor Scham. 
Er suchte krampfhaft nach Mut in seiner Seele, um das Un 
geheuerliche dieser Feststellung zu mildern oder zu erklären 
— aber er fand keinen. 
„Das heißt“, fragte jetzt die ältere der Tanten, die sich am 
ersten von dem allgemeinen Schreck erholt hatte, „Sie und 
Philipp haben sich geküßt?“ — „Just so ist es!“ versicherte 
Christine. 
„Schamlos!“ zischte die Jüngere der Tanten, während die 
ältere nur sagte: „Lassen Sie uns gehen, Bruder! Hier haben 
wir nichts mehr zu suchen.“ Der Chevalier de Beau machte 
ein paar chevalereske und doch reservierte Bewegungen, 
sprach einige verbindliche und doch vernichtende Worte zu 
Philipps bestürzten Eltern und empfahl sich mit seinen 
Schwestern. 
Welche Vorhaltungen die Eltern dem armen Kandidaten 
machten, braucht nicht erzählt zu werden. Er aber brachte 
schließlich unter Tränen den wahren Sachverhalt an den 
Tag und wußte dadurch die Eltern in einigem Maße zu be 
sänftigen. Ihr unglücklicher Sohn war also das Opfer des 
ruchlosen Anschlages eines sittenlosen Weibes geworden. 
Man beschloß, dies am folgenden Tage in Christinens Gegen 
wart und von ihr bestätigt vor dem Rate der beiden Familien 
festzustellen, um die ungeheure Blamage einer wegen solch 
unsauberer Geschichten zurückgegangenen Verlobung zu ver 
meiden — eine Bloßstellung, die dem bedauernswerten Kan 
didaten wohl auch Zukunft, Amt und Brot kosten würde. 
Jedoch der Kelch seines Leidens war noch nicht geleert, 
und Christinens Bosheit war durch das Verhör erst recht ent 
facht worden. War es aber wirklich nur Bosheit oder war 
es ein brennendes Liebesverlangen, das das unglückselige 
Mädchen in der Nacht auf diesen Tag in die unverschlossene 
Kammer des reinen Jünglings Philipp trieb? — Aber alle 
Künste der teuflischen Verführerin blieben aus einem ge 
wissen natürlichen Grunde an ihm erfolglos, was sein Unglück 
indes nicht mildern, sondern nur verschlimmern sollte! — 
Am andern Tage erschienen nach beweglichen Bitten und 
Vorstellungen des alten Fresenius, der den schweren Gang 
zu dem Hause des Chevalier de Beau getan hatte, Eugenies 
Vater und Mutter zur Vernehmung der Angeklagten. Die 
Tanten hatten geschworen, nicht einen Fuß wieder in das 
Haus der sittenlosen Familie Fresenius zu setzen. Den Makel 
des erlittenen Schimpfes würde nur der Tod in ihnen aus 
löschen können — aber selbst nach ihrem Dahingange würde 
dieses Schandmal noch für ewige Zeiten an dem Namen de 
Beau kleben. Das war die Strafe für den Schritt vom Wege, 
die Preisgabe der Familienehre: die Beschimpfung durch eine 
Dienstmagd! — Indes die beiden empörten Tanten, tief ver 
wundet und dem Weinen beständig nahe, so räsonnierten, 
nahm das Schicksal im Hause Fresenius seinen Lauf. Chris 
tine wurde dort abermals verhört und gestand freimütig zu, 
den jungen Herrn geküßt zu haben. Die Eltern Philipps 
atmeten auf. Dann aber machte Christine zu ihrer Aussage 
noch einen verhängnisvollen Zusatz. Sie bemerkte nämlich 
so nebenbei, daß es mit diesem Kusse ebensowenig Bedenk 
lichkeit habe wie mit einer anderen Sache, von der sie aber 
ungefragt lieber nicht reden wolle. Philipp fühlte sich dem 
Tode nahe; deshalb vermochte er auch nicht, dem Schicksal 
Einhalt zu gebieten, das nun zermalmend über ihn hereinbrach. 
„Wie? Was?“ fuhren die Verhörenden bei den letzten 
Worten Christinens ebenso neugierig wie entsetzt auf. „Was 
ist das für eine Sache?“ fragte lorgnettierend der Chevalier 
de Beau und bedauerte es innerlich lebhaft, seine Schwestern 
nicht bei der Hand zu haben. 
„Nun, da man einmal von dergleichen Dingen spreche“, ant 
wortete Christine — Philipp wurde grün im Gesicht — „so 
wolle sie es im Interesse der versprochenen Braut nicht ver 
hehlen, daß der Herr Kandidat nicht nur nicht küssen könne, 
sondern daß es ihm auch an dem Nötigen gebreche, was eine 
junge Frau sonst noch von ihrem Gemahl zu verlangen be 
rechtigt sei und was zur Versorgung mit rechmäßigen Nach 
kommen auch unbedingt zu einem jungen Ehestand gehöre. 
Davon habe ich mich in der letzten Nacht selbst überzeugt“, 
setzte Christine hinzu, „fragen Sie nur den jungen Herrn! 
Und nun Adjes! Es ist besser, ich gehe; denn Sie danken mir 
meine Offenheit doch nicht.“ Damit zog das resolute Mädchen 
ab. Seine Habseligkeiten hatte es schon vorher in Sicherheit 
gebracht. Sie ging, triumphierend, als die Rächerin der echten 
Liebe, wie sie meinte. 
Fand Christinens Offenheit auch keinen Dank, wie sie richtig 
gemutmaßt hatte, so zog man aus ihren Feststellungen doch 
die Konsequenzen. Während Herr Fresenius seine ohn 
mächtige Gemahlin ins Leben zurückzurufen trachtete, war 
Philipp verschwunden, und das Ehepaar de Beau verließ gleich 
zeitig die Wohnung der Unglücklichen. Der Chevalier war 
nun doch froh, daß seine sittenstrengen jungfräulichen 
Schwestern dem Verhör nicht beigewohnt hatten. Diese selber 
aber bedauerten es sehr, denn sie hätten es zu gern gewußt, 
weshalb übe* die angedeutete tiefere Ursache der Auflösung 
der Verlobung des Kandidaten und Eugenies von Seiten der 
Eltern so beharrlich geschwiegen wurde. 
Q a f a n t e s 
FRANZ 
Die Güte deiner eigenen Frau verschafft dir schöne Stunden 
bei der anderen, 
* 
Eine Frau suchte den Rechten und kam an den Unrechten. 
Als sie den Unrechten erwischte, sagten die anderen; „Dir ist 
recht geschehen.“ 
Da tat man ihr Unrecht. 
* 
Drei Herren standen vor einer Schönen. Sie hatte, wie 
einst Paris für den Schönheits- und Neigungswettbewerb einen 
Apfel in der Hand. 
„Wem werden Sie den Apfel geben?“ fragte einer der drei 
Kavaliere. 
Statt einer Antwort zerschnitt sie die Frucht in drei Teile 
und jeder bekam sein Drittel. 
DUX 
Der erste Sündenfall geschieht aus Neugierde, der zweite 
aus Interesse, der dritte schon aus Gewohnheit, der vierte 
macht Freude. . . . 
Der letzte: geschieht aus purer Verzweiflung. 
* 
Die Tugend ist eine schlechte Kapitalanlage, die Untugend 
macht sich bezahlt. 
(Aus dem Tagebuch einer lustigen Witwe.) 
• 
Wenn eine Frau offiziell zärtlich abwehrt, bittet sie im 
Stillen um heftigere Fortsetzung. 
* 
Eine Frau ist in der Hand zweier Männer oft dasselbe, was 
zwei Männer in der Hand einer Frau sind.
        
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