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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr. 33 
32 
Als sie neben seinem Bett stand, haschte er nach 
ihrer Hand. „Sagen Sie, strengen Sie sich auch nicht zu 
sehr an? Sollen wir nicht eine geschulte Pflegerin 
nehmen?“ 
„Wenn Sie glauben, ich könnte etwas versäumen“, 
sie versuchte ihre Hand zu befreien. 
„Das glaube ich nicht, Hulda. Im Gegenteil. Ich 
glaube, Sie tun mehr, als nötig ist. Ich möchte nur 
nicht, daß Sie sich überarbeiten.“ 
„Franz und ich, wir wechseln uns ab. Und — es ist 
jetzt weniger Arbeit im Hause wie früher.“ 
„Dann soll es also so bleiben, wie Sie es eingerichtet 
haben. Ah“, er sah auf ihr Handgelenk, „Sie tragen 
das Armband — das freut mich, Hulda. Wenn Sie mich 
gesund gepflegt haben — dann werden Sie mir einen 
Wunsch sagen.“ — 
„Herr Roderich ■—“ Mit einem Ruck zog sie ihre 
Hand aus seinen Fingern, „ich habe keine Wünsche.“ 
„Keine Wünsche? Auch nicht den, daß ich gesund 
werde?“ 
„Doch, den habe ich.“ 
* 
Roderich konnte seine Beine schon wieder, ohne 
Schmerz zu empfinden, bewegen. Auch die Schnitt 
wunden im Gesicht heilten gut. Nur die Heilung der 
Kopfwunde verzögerte sich noch immer. 
Trotzdem man dem Kranken jede Störung femhielt, 
waren seine Nerven doch in fortgesetzer Schwingung. 
Menschen und Mitteilungen ließ man nicht an ihn her 
ankommen, aber Schemen und Erinnerungen beun 
ruhigten ihn. 
Drei Wochen waren seit dem Unglückstag vergangen. 
Noch immer hatte der Arzt die Erlaubnis zum Auf 
stehen nicht geben können. 
Zuweilen überfiel ihn ganz plötzlich ein heftiger 
Fieberzustand. Dann wetterte er und fluchte, daß man 
ihn einsam liegen ließe und ihn von der Welt ab- 
schlösse, die doch so dringend nach ihm verlangte. 
„Lassen Sie die Sand zu mir, Doktor! Ich werde 
verrückt, wenn ich nicht jemand von da draußen 
sehen und sprechen kann." 
„Senta — Senta — endlich tritt das Leben wieder zu 
mir — Ruhe, Ruhe, als ob man Ruhe finden kann, wenn 
man weiß, daß da draußen das Leben ist. Das Leben, 
das nicht stille steht — das mich ruft — oh, Senta, wie 
schön du bist.“ 
Er zog sie an den Händen zu sich heran. Lächelnd 
blieb sie auf dem Rande seines Bettes sitzen. „Sowie du 
dich erregst, gehe ich wieder hinaus.“ 
„Jetzt werde ich ruhiger werden. Nun mußt du alle 
Tage kommen. Alle Tage — versprich es mir.“ 
„Wenn es dich wirklich beruhigt, dann komme ich 
sicherlich.“ 
„Du sprichst so kühl — du bist so ruhig — du machst 
dir wohl nichts mehr aus mir? Senta — hast du einen 
anderen Geliebten? Oder ist es — nicht wahr — ich 
sehe aus, wie eine Vogelscheuche?“ 
„Nennst du das Ruhe?“ Sie drückte ihn in die Kissen 
zurück, aus denen er sich erhoben hatte. „So, nun werde 
ich zu dir sprechen — aber — daß du ganz still liegen 
bleibst — bei dem ersten Zeichen von Erregung verlasse 
ich das Zimmer. Denn — ich will, daß du gesund wirst 
— wir alle wollen es — die Direktoren — die 
Regisseure und deine Kollegen. Alle wollen dich recht 
bald gesund wiederhaben. Und dein weibliches 
Publikum — nun darüber brauche ich dich doch wohl 
nicht aufzuklären —“ 
„Aber — die Narben.“ 
„Sehen noch ein bißchen unförmig aus, aber wenn sie 
ganz verheilt sind — glaube mir — jetzt erst sieht dein 
Gesicht interessant aus. Und — um von mir zu 
sprechen — also in mir sollst du dieselbe wiederfinden, 
die du verlassen hast, — wenn du dich nicht tausend 
anderen in die Arme wirfst.“ 
„Aber — Senta — ich war doch ein anderer ge 
worden —“ 
„Wenn du das noch bist, dann ist ja alles gut.“ Sie 
neigte sich über ihn, da schlang er seine Arme um ihren 
Hals und trank gierige Küsse von ihren Lippen. 
„Ich gehe, Rolf.“ 
„Ja, geh — aber morgen kommst du wieder.“ 
Als Senta gegangen war, lag Rolf lange Zeit ganz 
still. — 
„Ich glaube, ich werde heute Nacht gut schlafen, 
Franz. Es ist gut, daß ich endlich wieder eine Frau 
gesehen habe — ach, die Frauensleute — es ist doch 
schlimm mit uns bestellt, daß wir nicht ohne sie sein 
können.“ 
Franz nickte. „Das ist nun mal so.“ 
„Ich glaube, heute braucht niemand von euch zu 
wachen.“ 
„Einer von uns bleibt nebenan im Zimmer. Wir 
wechseln uns ab. Besser ist besser. Der Herr Roderich 
war in den letzten Nächten so aufgeregt. Wenn das 
Fieber kommen sollte, müssen wir ein Pulver geben.“ 
„Ich bin sehr müde — also, gute Nacht.“ 
Wirklich schlief Rolf gleich ein. Aber, es war nur 
ein kurzer, unruhiger Schlaf, aus dem er bald empor 
fuhr. 
Hulda fuhr erschreckt zusammen, als sie seine Stimme 
hörte. Sie hatte mit Franz verabredet, den Abend über 
zu wachen, während er die Nachtwache übernehmen 
sollte. Und da Rolf ihnen heute wirklich ruhiger er 
schien, hatte Franz sich für zwei Stunden Urlaub er 
teilt. So war Hulda mit dem Kranken allein geblieben. 
Sie saß über ein Buch gebeugt und las, als Rolfs laute 
Reden sie emporschreckten. 
„Tausend — tausend sind da und warten auf mich 
— und — nur eine soll ich nehmen? Ich — der schöne 
Rolf — soll vorübergehen? Warum soll ich nicht hin 
einsinken in diese ausgestreckten Frauenarme? Warum 
denn nur die eine einzige? Nein, — ich lasse keine 
aus. — 
Ich sehe sie emporwachsen — ach, diese unzähligen, 
weißen Frauenleiber — mehr, immer mehr — was drängt 
ihr euch denn heran — so laßt mir doch Zeit 
Ruhe — noch ein wenig Ruhe — dann bin ich gesund 
— dann gehöre ich wieder euch — euch allen — ich 
vergesse euch nicht Wer ist da?“ Er fuhr herum. 
„Eine Frau? Ich höre das Rascheln deiner Kleider. — 
Was trägst du Kleider, während die anderen — oh, 
diese göttliche Nacktheit 
Hell flammte das elektrische Licht auf. Hulda hatte 
alle Flammen eingeschaltet. Blinzelnd fuhr Rolf zu 
sammen. „Herr Roderich!“ rief sie ihn an, „Sie werden 
wieder Unruhig, ich werde Ihnen ein Pulver geben.“ 
„Ein Pulver — wozu ein Pulver?“ stammelte er. — 
Als sie mit dem Glas, in dem sie das Pulver gemischt 
hatte, neben ihn trat, erkannte er sie. 
„Hulda.“ Er krallte seine Linke um ihr Handgelenk, 
schlug ihr mit der Rechten das Glas aus der Hand und 
zog sie auf das Bett nieder. „Hulda, auch du bist ein 
Weib und — ich weiß, daß du mich liebst —.“ Seine 
Stimme wurde jetzt flüsternd und klang heiser. „Warum 
empfinde ich denn eine Scheu vor dir? Warum denn? 
Du wärst doch nicht die erste, die mir ihre Unschuld 
schenkte — nicht die erste, sage ich dir — du — du bist 
nur ein kleines Mädchen — die anderen — ha, ha, ha 
— gute Familie, sage ich dir — heimlich — ganz heim 
lich — sie fliegen mir ja zu — wie die Motten zum 
Licht — und du — du willst dich sträuben? Was fällt 
dir ein? Weißt du denn nicht, wer ich bin? — Rolf 
— der schöne Rolf will dich umarmen —.“ Verzweifelt 
widersetzte Hulda sich seinen zupackenden Griffen.
        
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