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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 33 
Jahrg. 27 
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Besuch hereinlassen, — Gott sei Dank, daß Sie wieder 
bei Verstand sind — Sie haben so schrecklich phan 
tasiert.“ 
.,So — das hätte also gefährlich werden können?“ 
„Der Arzt meinte“, erschrocken schwieg sie, dann 
aber fuhr sie rasch fort, „es ist gut, daß Sie jetzt zum 
Bewußtsein erwacht sind, das mußte heut sein. Ich will 
auch gleich Franz bestellen, daß er telephonieren soll.“ 
Sie wollte zur Tür hinaus. 
„Warten Sie noch einen Augenblick“, rief er sie 
zurück. „Wie lange ist denn die ganze Geschichte her?“ 
„Drei Tage.“ 
„Und Fräulein Senta? Ist sie hier gewesen?“ 
„Die liegt noch mit ihrem Fuß. Aber jeden Morgen 
und Abend läutet sie an, um sich zu erkundigen.“ 
„Geben Sie mir etwas zu trinken, Hulda, ich habe 
großen Durst.“ 
Hulda machte ein Glas Zitronenwasser zurecht und 
reichte ihm das Glas. Die Lippen schmerzten ihn, als 
er zu trinken versuchte. „Flerrgott noch mal, der 
Schmerz zieht sich ja hin bis zum Munde. Und alles 
mit Binden umwickelt, das ist ja fürchterlich.“ 
„Die rechte Backe und der Mundwinkel sind von 
Glassplittern zerschnitten.“ 
In ihm krampfte sich etwas zusammen. Er wollte 
weinen, wie ein Kind. Als Fluida seinen Kopf, den sie 
gehalten hatte, auf die Kissen zurückgleiten ließ, sah 
sie, wie ein Schluchzen seinen Körper durchzitterte. 
Tränen rollten über ihr Gesicht. Ihre rechte Hand 
fuhr glättend über die Bettdecke. „Das heilt ja alles 
wieder, Herr Roderich.“ Dann ging sie still aus dem 
Zimmer. 
Eine nicht unbedenkliche Kopfwunde, Quetschungen 
an den Beinen und Schnittwunden im Gesicht! Ein 
grenzenloser Schreck durchfuhr ihn. Wenn er entstellt 
war? Wenn — er wagte es nicht auszudenken — der 
schöne Rolf Roderich .der Vergangenheit angehörte? 
„Wenn es mit der Filmerei zu Ende ist, dann kannst 
du ja Chauffeur werden“, hatte Senta gesagt. Nie. Nie! 
Ohne den Film konnte er nicht leben. Chauffeur! 
Diesem Sport batte er ja sein Unglück zu verdanken. 
Er haßte ihn jetzt. Und sie, dieses wahnsinnige Frauen 
zimmer! Welch eine Idee, sich und ihn in den Tod 
jagen zu wollen. Wenn er nur geahnt hätte, was in ihr 
vorging. Erwürgen würde er sie, käme sie in seine 
Nähe. — Und Senta — was hatte sie wohl gesagt? Ob 
sie wohl ahnte, daß es kein zufälliges Unglück war? — 
Und die anderen? Wie erfuhren sie es denn? — und 
die Proben konnten doch nun ohne ihn nicht statt 
finden — es würde doch lange dauern, bis er wieder 
spielen konnte — war er denn nun im Beruf ver 
unglückt? 
In rasender Geschwindigkeit jagten die Gedanken 
durch sein Hirn. Der Kopf begann ihn zu schmerzen. 
Daran trug .der Verband die Schuld. Dieser dicke Wulst, 
den man ihm um den Kopf gelegt hatte. 
Wenn der Arzt kam — würde er ihn fragen — Hand 
aufs Herz — aber die Ärzte schwindeln immer oder 
schwiegen — Ruhe — na ja, Ruhe — aber — er mußte 
doch über alles nachdenken. 
« 
„Also, Doktor, auf Ehre und Gewissen — laufe ich 
Gefahr, ins Gras heißen zu müssen?“ 
„Die Quetschung und die Schnittwunden sind ganz 
belanglos. Die Kopfwunde kann gefährlich werden, 
wenn Sie sich nicht ruhig halten. Es liegt also in ihrer 
Macht, gesund zu werden. Im übrigen können Sie von 
Glück sagen, daß es so gekommen ist. Der Wagen muß 
ja mit aller Wucht gegen den Baum geschleudert 
worden sein. — Er war total zertrümmert. Wie ist denn 
das nur passiert? Hatten Sie denn die Gewalt über 
die Maschine verloren?“ 
„Ach wo — diese eifersüchtige Person hat mir die 
Führung entrissen — sie wollte mit mir in den Tod 
gehen, aus verschmähter Liebe — was sagen Sie dazu?“ 
„Daß es eine kolossale Reklame für Sie ist, und daß 
Sie in der Gunst der Frauen, wenn es überhaupt 
möglich ist — noch mehr steigen werden.“ 
Rolf versuchte zu lächeln. Ein wahnsinniger Schmerz 
hinderte daran. „Werde ich denn nicht entstellt sein?“ 
„I wo. Die paar Narben, die machen Sie nur noch 
interessanter.“ 
Nun lag Rolf ganz ruhig. Er konnte zwar nicht 
lächeln, aber in ihm war ein großes Lachen. Die 
Reklame war mit den Schmerzen nicht zu teuer erkauft. 
Das gab einen Bombenerfolg. Oh, diese erste Film 
premiere, wenn er wieder auf den Beinen war! Der 
schöne, wiedergenesene Rolf Roderich oben in der 
Loge. Er erstickte förmlich in Blumen. Wie stark ihr 
Duft war. Er betäubte ihn. Und nun — wie sie 
klatschten — jubelten. Veilchensträuße flogen ihm an 
den Kopf — au — das tat weh — gerade an die ver 
narbte Stelle — nun schrien sie seinen Namen — immer 
wieder mußte er sich verneigen — immer wieder — im 
Kopf wurde ihm ganz taumelig davon — er mußte den 
Kopf gegen Sentas Schulter legen, die neben ihm saß 
— ja, ihr konnte er nun nicht mehr allein gehören — 
sie sah es ja, wie die Frauen die Arme nach ihm aus 
streckten — oh, diese vielen nackten Frauenarme, die 
sich ihm entgegenstreckten — warum sollte er sich 
nicht in sie hineinstürzen? — Wonnen erwarteten ihn 
und er sollte an ihnen vorübergehen? — Aber — er 
kannte das alles schon big zum Überdruß — es war 
immer dasselbe — Begierde und Ekel gingen ineinander 
auf — jagt sie zum Teufel, die Weiber — in die Hölle, 
dort, wo sie hingehören — es gibt kein Paradies — es 
gibt nur eine Hölle — aus dem Paradies erst ist die 
Hölle entstanden. 
„Sie stöhnen so, Herr Roderich. Haben Sie 
Schmerzen?“ Fluida war neben sein Bett getreten. 
„Mein Kopf brennt.“ 
„Sie müssen ruhig liegen.“ 
„Ja, ja — ich werde es versuchen.“ 
Eine Weile ruhte er schweigend. „Es ist so still hier 
im Zimmer. Das ist so wohltuend.“ 
„Wir haben die Türen mit Decken verhängt und das 
Telephon fortgenommen.“ 
„Ach ja — das Telephon —- die dumme Strippe, an 
der die Welt befestigt ist. „Fluida, Sie sind ein gutes 
und liebes Mädchen. Wenn ich Sie und Franz nicht 
hätte — ihr meint es ehrlicher mit mir, als alle die 
anderen, die um mich herumschwirren.“ 
„Fräulein Senta läßt schön grüßen und hat Blumen 
geschickt. Die dort auf dem Toilettentisch sind es.“ 
„Ja — Senta — sie ist anders — die meint es gut 
mit mir. Von den anderen sprechen Sie nicht und 
bestellen Sie mir auch nichts. Ich will nichts wissen. 
Ich will allein sein mit Ihnen und Franz. Ihr beruhigt 
meine Nerven. Die anderen regen sie auf. Sie haben 
ja gehört, ich soll Ruhe haben — große Ruhe — Sie 
können sich doch denken, daß alles draußen auf Rolf 
Roderich wartet. Die Zeitungen — Hulda — was steht 
in den Zeitungen über mich?“ 
„Wir haben alles aufgehoben, Herr Roderich. Aber 
jetzt möchte ich Ihnen das noch nicht zu lesen geben, 
es könnte Sie doch aufregen.“ 
„Aber doch nur angenehm, Hulda, das kann doch 
nichts schaden. Oder steht etwas darin, was mich 
ärgern könnte?“ 
„O nein, im Gegenteil. Aber lesen dürfen Sie es doch 
nicht. J e d e Aufregung, auch eine freudige, hat der 
Arzt verboten.“ 
„Sie sind aber streng mit mir, Hulda — kommen Sie 
einmal näher.“
        
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