Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg 27 
Nr. 33 
30 
Sie zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. 
Dann reckte sie sich auf. „Du sagtest, sie habe sich den 
Fuß verrenkt — würde sie etwas dagegen haben, wenn 
du mich auf einer Fahrt mitnehmen würdest? Sie kann 
dich doch nicht begleiten.“ 
„Ich bin sicher, daß sie nichts dagegen hat. Halte dich 
nur für morgen bereit.“ 
„Ich möchte aber, daß du sie vorher fragst. Ich will 
keine Streitigkeiten zwischen euch tragen.“ 
„Senta ist nicht kleinlich. Auch weiß sie, daß ich sie 
nicht belügen noch betrügen würde. Du kommst morgen 
mit mir.“ 
« 
Es war ein heller, klarer Oktobermorgen, in den 
Rolf und Alexandra hineinfuhren. Als sie draußen im 
Grunewald waren, verlangsamte Rolf die Fahrt. „Es 
wird ein schöner Tag heute.“ 
„Meinst du?“ 
„Sieh, wie die Sonne aufgeht.“ 
Durph die hohen Kieferstämme schimmerte ein blaß- 
rosa Schein, der sich schnell purpurrot färbte. Jetzt lag 
eine Lichtung vor ihnen. Ein glutroter Ball wuchs aus 
der Erde, und während sein flammendes Rot sich all 
mählich in Gold verwandelte, stieg er in die Luft 
empor. 
„Schade, daß Senta das nicht gesehen hat. An dieser 
Farbenwandlung hätte sie Studien machen können.“ 
„Liebst du Senta so, wie du noch keine Frau geliebt 
hast?“ 
„Das andere, das war doch niemals Liebe, Alexandra.“ 
„Genau so ergeht es mir mit dir. Wenn ich diese 
Frau wäre, die du so liebst — oh — dieses Glück wäre 
nicht auszudenken.“ 
„Wähle unter deinen Liebhabern einen heraus und 
tröste dich mit ihm.“ 
„Was für einen Unsinn du da redest, als ob es für 
verschmähte Liebe einen Trost gibt.“ 
„Na, dann mußt du dich eben weiter grämen.“ Leicht 
warf er die Worte hin. Dann lenkte er seine volle Auf 
merksamkeit auf die Maschine. Er begann jetzt viel 
schneller zu fahren. Ein Auto, das vor ihnen war, über 
holten sie. 
Alexandra saß mit zusammengebissenen Zähnen 
neben ihm. Noch hielt sie all den aufgespeicherten Groll 
in ihrem Innern verschlossen. Alles in ihr drängte, ihn 
herauszuschreien. Doch noch immer hielt sie an sich. 
Noch weiter, noch ferner den anderen Menschen 
mußten sie sein. Kam ihnen doch noch ab und zu ein 
anderer Kraftwagen entgegen. Es durfte keine Hilfe in 
der Nähe sein. Die Straße, die sie fuhren, lag jetzt in 
vollem Sonnenschein. 
Es wird ein schöner Tag heute werden! 
Ein schöner Tag! Aber nicht für ihn und nicht für die, 
die seine Geliebte war. 
Ein schöner Tag für sie, der endlich gekommene Tag 
der Rache. Ihre Augen saugten sich fest an seinem Ge 
sicht. Wie frisch, wie strahlend er aussah. Und zu 
denken, daß das alles in wenigen Stunden zerfetzt, mit 
Blut besudelt, vielleicht zu einer breiigen Masse zer 
quetscht — 
Sie bezwang ihr Grauen. 
Er liebte eine andere. Für sie hatte er, wie für ein 
armes Bettelweib, nur Brosamen. Kaum das noch. Ihre 
Blicke blieben auf seinen Lippen haften. Wie lange war 
es her, daß diese Lippen sie berührt? Hatte er sie denn 
überhaupt je geküßt? Hatte er nicht ihre Küsse nur ge 
duldet? Er hatte sie ja nie geliebt. Er hatte sie umarmt, 
wie er alle die anderen umarmt hatte, nur um seine 
tierischen Begierden zu befriedigen.. All die Männer, 
die zu ihr kamen, was wollten sie denn anderes? Fragte 
nur ein einziger nach Liebe? 
„Ich liebe dich!“ schrie sie plötztlich in den Luftzug, 
der sie umwehte, hinaus. 
Sie sah, wie er lächelte. Es war ein selbstgefälliges, 
eitles Lächeln. Schon wollte ihre Hand die seine um 
klammern, wollte die Führung ihm entreißen. Noch 
nicht! — Noch nicht! — Sie lehnte sich in die Polster 
zurück. Wieder umschlossen ihre Blicke den, den sie 
liebte und den sie jetzt in den Tod schicken wollte. 
Nun drängte sie ganz dicht an ihn heran. 
„Du fährst so langsam“, sagte sie. 
„Na, erlaube mal — wir rasen ja—“ 
„Wann stellt ihr den Film, in dem du die Autoszene 
hast?“ 
„In vierzehn Tagen.“ 
„Schneller, Schneller!“ feuerte sie ihn an. „Mach’ doch 
Filmprobe. Du bist mit deiner Geliebten auf der Jagd 
— ihr werdet verfolgt — das andere Auto wird euch 
gleich erreicht haben —• man will sie dir abnehmen — 
so höre doch — abnehmen, die Frau, die du liebst —“ 
Er raste jetzt so, daß er ihre Worte nicht mehr ver 
stand. 
„Nicht wahr, du läßt sie dir nicht nehmen? — Du — 
man läßt sich den, den man liebt, nicht nehmen!“ schrie 
sie im ins Ohr, „lieber geht man mit ihm in den Tod.“ 
Ihre Arme umklammerten seinen Hals, sie riß seinen 
Kopf herum und preßte ihre Lippen auf seinen Mund. 
Er versuchte sie abzuschütteln, aber wie eine Panther 
katze hing sie sich an ihn. Er wagte es nicht, das Steuer 
loszulassen, nur versuchte er, langsamer zu fahren, aber 
ihre Last behinderte ihn. Jetzt grub sie ihre Zähne in 
seine Lippen, daß er aufschrie vor Schmerz. 
„Weib, bist du toll geworden?“ 
„Ja, toll.“ Sie sprang auf seinen Schoß und riß ihm die 
Steuerung aus den Händen. 
„Wenn du nicht mit mir leben kannst, so sollst du 
mit mir sterben!“ brüllte sie. 
Noch bevor er sich zu rühren vermochte, hatte säe 
den Wagen herumgerissen. Rolf hörte ein Sausen in 
seinen Ohren, fühlte eine Last, die ihn erdrückte, dann 
schwanden ihm die Sinne. 
# 
Als Rolf wieder zum Bewußtsein erwachte, fand er 
sich in seinem Bett. Am Fenster saß Hulda, mit einer 
Handarbeit beschäftigt. Aus dem fahlen, grauen Däm 
merlicht, das im Zimmer lag, schloß er, daß es gegen 
Abend sein mußte. Es wurde ihm schwer, sich zu be 
sinnen, was mit ihm geschehen. Er hatte nur die Er 
innerung, daß mit einem Mal ein großes Dunkel um 
ihn gewesen war. Er fühlte Schmerzen, wenn er sich 
bewegte. Auch war es ihm, als läge sein Kopf in einem 
Schraubstock. Vergeblich versuchte er ihn zu bewegen. 
Er lag schwer, wie eine Bleikugel, 
„Hulda, warum liege ich im Bett und kann mich nicht 
bewegen?“ 
Hulda war aufgesprungen und trat an sein Bett heran. 
„Gott sei Dank, daß Sie erwacht sind, wir hatten uns 
ja so geängstigt.“ Mit Tränen in den Augen sah sie ihn 
an. 
„Ja, bin ich denn krank — oder — was ist denn?“ 
„Herr Roderich ist doch mit dem Auto verunglückt.“ 
Die Autofahrt. Nun stand die Erinnerung vor ihm. 
„Und Fräulein Alexandra?“ 
„Die hat nur einen Beinbruch. Liegt in Gips.“ 
„Nur einen Beinbruch, sagen Sie. Und ich — was ist 
mit mir geschehen? Mein Kopf ist mir so sonderbar.“ 
„Herr Roderich hat eine Kopfwunde, ganz dicht an 
der Schläfe. Um ein Haar, sagt der Arzt, wäre die 
Schläfe platt eingedrückt. Und eine Quetschung der 
Schenkel. Das ist aber nicht schlimm, nur die Kopf 
wunde macht uns Sorge — Herr Roderich soll sich 
nicht aufregen — große Ruhe haben — ich darf keinen
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.