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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 4 
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lassen. Sie dachte sich also ihr Teil und war überzeugt, daß 
andere Beweggründe als die echte und unverfälschte Liebe 
zu dieser Verbindung geführt hätten. Sie vermochte es aber 
nicht, alle Hoffnungen auf eine Erwiderung ihrer Neigung zu 
dem hübschen Studenten aufzugeben, ohne eine letzte Probe 
auf seine Liebesfähigkeit gewagt zu haben. Als er daher eines 
Tages nach Beendigung des Mittagsmahles allein im Zimmer 
stand, in einem Büchlein lesend, setzte sie entschlossen das 
Tablett mit Tellern und Schüsseln beiseite, umschlang kurzer 
hand von hinten den Kandidaten und küßte ihn mehrmals 
heftig auf den Mund. Man kann sich denken, daß der Kan 
didat auf das Höchste erschrocken war, sein Büchlein fallen 
ließ und entsetzt stammelte: „Aber Christine! Ich bin doch 
Eugenie aber verließ aufschluchzend nach der anderen 
Seite das Zimmer, um zu den Ihrigen zu flüchten. Auf die 
entsetzten Fragen der Damen, was ihr widerfahren sei,, ant 
wortete sie in höchster Erregung: „Ohl Ich bin beleidigt, 
ich bin beschimpft!“ Wie von einer einzigen Feder ge 
schnellt, erhoben sich da die beiden Tanten von dem ge 
meinsamen Sofaplatz, und in ihren von viel Fischbein ge 
spreizten Kleidern standen sie da wie zwei gereizte Trut 
hähne. Kollernd entfuhr ihren Lippen der Streitruf: „Von 
wem?“ Dann aber rückte die ältere der beiden einen Schritt 
vor und zischte: „Etwa von Philipp?“ Wie ein Peitschen 
hieb traf sein Name den Unglücklichen, der jetzt bleich und 
verlegen in der Tür erschien. „Nein, nicht von ihm“, brachte 
verlobt!“ — „Ach was!“ hatte Christine ruhig entgegnet, 
„Übung macht den Meister!“ und hatte ihr Geschirr fort 
geräumt. 
Einige Tage nach diesem Vorfall, den Philipp Fresenius mit 
Schweigen bedeckte, führte der Zufall Christine durch ein 
Zimmer des Hauses Fresenius, in dem sich der Kandidat mit 
Eugenie allein befand. Die übrigen Mitglieder der beiden 
Familien unterhielten sich nach aufgehobener Tafel in den 
anschließenden Räumen. Christine betrat das besagte Zimmer 
in dem Augenblick, als die beiden jungen Leute sich zu einer 
ihrer seltenen Liebkosungen anschickten. Als Christine nun 
sah, wie die beiden erschrocken und verstört auseinander 
fuhren, konnte sie es nicht unterlassen, zu rufen: „Keine 
Bange, Mademoiselle, ich binsl Lehren Sie ihn nur das 
Küssen — er hats nötig!“ Damit war sie zur Tür hinaus. 
Eugenie mühsam hervor, während sie sich der zitternden 
Mutter an die Brust warf, „von dem Mädchen, von Christine!“ 
—■ „Ah!“ machten die Tanten gemeinsam. Betroffen sahen 
sich die Eltern Philipps an. Eugenie mußte den Vorfall er 
zählen, was ihr unter fortwährendem Schluchzen endlich 
gelang. „Bringen Sie das arme Kind hinaus, liebe Schwägerin!“ 
kommandierte die ältere Tante. August, der einzige, der die 
Sache von der richtigen Seite nahm, indem er zu lachen 
begann, wurde auf einen schmerzlich mitleidigen Blick der 
Tanten vom Vater der Braut hinausbefördert. Als Monsieur 
de Beau in den Salon zurückgekehrt war, wurde Christine 
gerufen. Sie blickte, scheu errötend, aber mit schelmischem 
Ausdruck zu Boden. 
„Wie kommt sie zu dieser unerhörten beleidigenden Äuße 
rung? fragte sie Fresenius senior scharf.
        
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