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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Nr. 33 
Jahrg 27 
THEATER 
KARL LÜTGE 
er Vorhang war über Hanns Lederer 
gefallen . . . über seinen „Professor 
Crampton“, den er das letztemal heute 
im besten Theater der Stadt gegeben 
hatte. Nun ging er . . . auf immer. 
Brausend klang der Beifall. Der 
Vorhang öffnete sich wieder und 
wieder. Es regnete von oben Rosen. 
Sträuße und Kränze flogen auf die 
Bühne. Hanns Lederer ging. 
Viele sagten, daß es nur des Geldes wegen geschehe; 
andere bestritten das und wollten verständliche Kraft 
entfaltung und daneben einige ein wenig Herrschsucht 
als Ursache gelten lassen. . . 
Wie dem sein mochte: es stand unumstößlich fest, 
daß der größte Tragöde der Stadt, Hanns Lederer, der 
Star der Schauspielbühne, von dem erstklassigen Theater 
abging und Mitdirektor an einem neuen, kleineren 
Theater der Stadt wurde. Dieses Theater, das nicht ein 
mal einen guten Ruf besaß, war bisher nie recht voran 
gekommen. Zu ihm ging Hanns Lederer. Sein Vertrag 
mit der Schauspielbühne enthielt glücklicherweise seit 
Jahren die unbeachtete Klausel, daß er im Falle der 
Übernahme eines Direktorpostens innerhalb vier 
Wochen sich frei machen könne . . . und das war nun, 
fast über Nacht, erfolgt. 
„Direktor Hanns Lederer“ stand auf dem Messing 
schild in der Hohekreuzstraße, und die Dienstboten 
und Lieferanten sagten nicht mehr gnädige Frau sondern 
Frau Direktor zu Frau Marga. Es war der stillen Frau 
nicht einmal recht; allein da es dem Gatten freute, ließ 
sie es dabei bewenden. 
Hanns Lederer war Direktor, Regisseur und erster 
Darsteller des Bergstadt-Theaters . . . und war stolz, es 
zu sein . . . alles zu sein: die Seele des Theaters. Sein 
Ruf, so hoffte er, würde genügen, um die Leute in das 
Theater in der Bergstadt zu locken . . . und die bis 
herige Leitung des minderwertigen Theaters, die den 
berühmten, ehrgeizigen Tragöden zu sich herübergelockt 
hatte, hoffte das nämliche. 
Allein sie täuschten sich. Weder Strindberg, noch 
Ibsen, noch Hauptmann oder Sudermann zogen. Erst 
als man Roderioh, Bendix, Kotzebue und Fulda auf den 
Spielplan setzte und mit allerlei Mätzchen neu aus 
staffierte, da trat eine leichte Besserung im Besuch des 
Theaters ein. 
Hanns Lederer spielte Lustspiel- und Possenhelden- 
rollen . . . und spielte sie gut. Er konnte nicht anders 
als gut sein; seine Rolle gab er so oder so meisterlich. 
Es war sogar unverkennbar, daß das matte übrige Per 
sonal von ihm mitgerissen wurde, sich anstrengte und 
besser spielte. . . 
Dennoch kam das Theater nicht voran! Das kleine 
Schildchen „Ausverkauft“, das allein anzeigte, daß es 
sich lohnte, stand ewig auf dem nämlichen Fleck im 
Kassenraum und kam nicht ans Fenster der Kasse. 
So ging man schließlich noch einen weiteren Schritt 
abwärts und nahm die neuesten Possen und Schwänke 
zur Aufführung an. Der erste fiel durch. Der zweite 
schlug ein . . . ein fades Stück. Doch es erzielte Lach 
stürme, und Hanns Lederer riß in der Bombenrolle, die 
er hatte, alle mit. Er voltigierte auf der Bühne, ver 
renkte Sprechmuskeln und Körper und gebärdete sich 
toller als die berüchtigsten Possenreißer. 
So gefiel er, und das Theater war Abend für Abend 
voll. Fünfundzwanzig Vorstellungen der „Schokoladen 
reise“ waren im Handumdrehen „ausverkauft“ gegeben. 
Fünfundzwanzigmal hatte Hans Lederer den albernen, 
geistig minderbemittelten Schokoladenfabrikanten in 
tausend Nöten gespielt. Fünfundzwanzigmal denselben 
heillosen Unsinn . . . und es war noch kein Ende ab 
zusehen! 
Das Theater ging, und es hieß die Zeit ausnützen . . . 
und das Stück, das ein Zugstück war! 
Hanns Lederer war heruntergekommen bei diesen 
ewigen allabendlichen Kasperlkunststückchen. In der 
„Schauspielbühne“ hatte man ihn geschont. Er trat 
dort im Monat im Höchstfälle zwölfmal auf . . . doch 
hier in seinem Theater, wo er noch Regisseur, Dar 
steller und Direktor war — allwöchentlich neunmal. 
Direktor! Das mußte ihn halten! Doch ob er wirk 
lich die Genugtuung und Befriedigung fand, die Be 
friedigung, die einst an großen Bühnen in München, 
Dresden, Stuttgart . . . wo er überall stark gefeiert 
worden war? 
Hanns Lederer redete es sich ein, daß er die größere 
Befriedigung hier in seinem Theater finde. Mehr noch 
glaubte er sich gefeiert! Er war alles! Der Herr, der 
Direktor. . . . Was er sagte, galt ... er ordnete alles 
an. Sein Geschmack allein war maßgebend. Das ganze 
Theater war er; es hatte seinen Geist, verbreitete seinen 
Geist. . . 
Gefühlsduseleien waren Hanns Lederer fremd. Er 
ging seihen geraden Weg: Aufrecht, vorwärts . . . 
immer auf dieses eine Ziel hin, seit Jugend an: Herr sein! 
Nebenher, da er aus ärmlichen Verhältnissen stammte: 
reich sein! — Diese beiden Pole zogen sich an und 
stießen sich ab. Um des einen willen gab er nie das 
andere auf. Er prüfte die größere Ausbeute . . . und 
dorthin ging sein Weg. 
Und nun war ein Ziel erreicht: Direktor. Leiter 
eines weltstädtischen Theaters zwar nicht; doch eines 
Theaters in einer Weltstadt. Und dies sollte das Ziel 
sein; den Ruf der Bühne begründen und festigen. 
Der Kampf war nicht leicht, da es in der Stadt 
schärfste Konkurrenz an drei Sohauspielbühnen gab . . . 
und dann spielte man seit Wochen und Monaten, um 
überhaupt emporzukommen, und um die schöne Zeit 
auszunützen und allabendlich das Schildchen „Ausver- 
kauft“ heraushängen zu können, alberne Schwänke . . 
und er spielte diese Narrenrollen . . . spielte . 
spielte . . . betäubte in Anbetracht des Erfolges alles 
in sich . . . 
Doch nun kam es allgemach. Bei der neunundvier 
zigsten Vorstellung fühlte er sich fast unfähig, die 
Rolle des stupiden Schokoladenfabrikanten in der 
„Schokoladenreise“ zu Ende zu spielen; nur das „Muß“ 
hielt ihn und ließ ihn den letzten Rest Kraft aus dem 
müden Körper pressen. 
Es gelang; doch er war fertig. 
Den ganzen folgendex. Tag über lag er zu Bett, und 
Frau Marga pflegte ihn in Angst und Sorge. 
Am Abend rappelte er sich auf. 
„Muß“ stand über seinem Bett . . . und seine ton 
lose Stimme sagte laut: „Ich muß!“ 
„Du kannst unmöglich“, wendete die Frau ein. 
„Ich muß“, sagte er und ging. 
Er spielte. Vorher nahm er heimlich Morphium, zwei 
Tropfen, und er war frischer dadurch. Er vermochte 
zu spielen und erzielte Lachstürme wie sonst . . . war 
der Star, der Liebling des Publikums, verbeugte sich 
lächelnd. . . Alles war wie sonst! 
Es hatte kein Mensch gemerkt, daß er krank war, 
der köstliche, himmlisch komische Hanns Lederer. . . 
Auch am folgenden Tage merkte niemand etwas.
        
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