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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jjtfirg. 27 
Hell bliesen die Hörner. Jubelnd klang es im Schloß- 
hof wider. Die Ritter waren zu Pferde gestiegen. Lachen 
klang auf und scherzhafte Reden flogen hin und her. 
Heiter und ausgelassen stieg der König zu Pferde, Er 
war vergnügter denn je. Die Jäger sprengten davon. 
Hell klangen die Jagdhörner, die Pferde wieherten 
auf und klaffend bellten die Hunde. 
Agnes war es, als gälte all das Jauchzen ihr. Von 
ihrem Bette aus hörte sie die Jagdgesellschaft auf 
brechen, Die letzte Nacht hatte ihr heiße, wonnesame 
Liebe geschenkt. Der Morgen war frühlings jung und 
Agnes lag still und glücklich in den Kissen, auf denen 
vor wenigen Stunden noch Philipp August geruht hatte. 
Auch Ingehorg hörte die Hörner, hörte das Rufen, 
das Wiehern und Bellen. 
Aber ihr klangen die Hörner wie hohngellende 
Teufelsmusik, Sie hatte sich am Abend schlafend ge 
stellt und bemerkt, wie Agnes sich herausschlich. 
Ihr Haß loderte auf. Sie erinnerte sich eines Gesetzes, 
das jeden französischen Untertan mit dem Tode be 
strafte, der den König oder die Königin beleidigte. Und 
Agnes von Meran hatte sie beleidigt, weil sie sich dem 
König ungebührend genähert. Ihr Entschluß war gefaßt. 
Sie, die in des Herrschers Abwesenheit auch die 
Gerichtsgewalt inne hatte, wollte die Diebin ihres 
Glückes zertreten, wie einen häßlichen Wurm. 
Das Gericht war zusammengetreten. Agnes von 
Meran wurde vom Lager weg vor die Schranken gestellt. 
„Ihr wart diese Nacht heim König?“ 
„Jal _ i 
„Ihr habt ihm Euch aufgedrungen, und ihn wie mich 
beleidigt/*' 
„Nein! Ich drängte mich nicht meinem Könige auf.“ 
„Die Folter wird die Wahrheit erzwingen.“ 
Agnes erbleichte. Schutzlos sah sie sich einer 
hassenden, unerbittlichen und ungleich mächtigeren 
Feindin gegenüber. Sie wußte, daß sie auf keine Gnade 
zu rechnen hatte. Und bei der Schnelligkeit, mit der man 
damals arme Sünder aburteilte, wagte sie auch nicht zu 
hoffen, daß der König zurückkäme, um sie zu retten. 
Vier Tage war Philipp August auf der Jagd. Und vier 
Tage waren eine lange Zeit. 
„Habt Ihr noch etwas zu sagen, Agnes von Meran?“ 
Die schwarze Herzogin schwieg. Die Königin winkte 
und die schon jetzt Verurteilte wurde in den Kerker 
geführt. 
Auf dem Hof fiel ihr Page vor ihr auf die Knie. 
„Eile, Page, und melde dem König, was du sahst.“ 
Harte Fäuste stießen sie in den Kerker. Krachend fiel 
das eiserne Tor ins Schloß. 
Am Abend des zweiten Tages nach 
ihrer Vernehmung traten die Richter 
zu ihr. 
„Bereitet Euch zum Tode vor! Ge 
steht Ihr, daß Ihr Euch dem Könige 
aufgedrängt habt?“ 
„Nein!“ 
„So bereitet Euch auch zur Folter 
vor!“ 
Die Königin lehnte mit verschränkten 
Armen an der Tür der Folterkammer, 
um mit eigenen Ohren das erzwungene 
Geständnis der verhaßten Neben 
buhlerin nun zu 
hören. Die sonst 
so gütige Herr 
scherin war zur 
rasenden Neme 
sis geworden. 
Die ganze Grau 
samkeit und un- 
gebändigte Lei 
denschaft ihrer 
Zeit fand in ihr 
eine Vertreterin. 
Agnes von Meran wurde heremgeführt. Sie war bleich 
wie der Tod. Ihre großen, .dunklen Augen blickten 
unstet. Als sie die Königin sahen, zuckte die Un 
glückliche zusammen. 
Die Henker banden die Delinquentin auf das Rad. 
„Gestehe!“ zischte die Königin sie an. 
Aber die schwarze Herzogin schwieg. Sie wußte, daß 
sie sterben mußte, aber sie gönnte Ingeborg nicht den 
Triumph, sie besiegt zu sehen. 
Die Knechte drehten das Rad. Agnes wurde glutrot 
und gleich darauf wieder schneeweiß. Sie glaubte, daß 
ihr alle Glieder ausgerenkt worden seien. 
Rasender Schmerz durchzuckte ihren Leib. Sie 
krümmte sich, aber sie biß sich die Zunge blutig und 
schwieg. 
Ingeborg sah in das schmerzverzerrte Gesicht. Ihre 
Blicke sprühten unauslöschlichen Haß. Langsam drehten 
die Knechte das Rad weiter. In heftigen Zuckungen 
wand sich Agnes’ weißer Leib. Blut stürzte aus ihrem 
Munde. 
Die Königin winkte zwei rohen Gesellen. Die packten 
die Unglückliche, banden sie los. Agnes brach zu 
sammen. Ihre Füße versagten den Dienst. Man band sie 
an eine Leiter. 
„Gestehe!“ schrie die Königin außer sich. Aber die 
Gefesselte schüttelte nur den Kopf. Ein Folterknecht 
trat neben sie. In seiner Hand hielt er die mit Stacheln 
versehene Peitsche. Agnes schrie auf. Ein heftiger Schlag 
hatte ihr die Schulter auf gerissen. Und wieder klatschte 
die unbarmherzige Peitsche über ihren zarten Rücken. 
Rotes Blut spritzte über ihren Leib. Der Folterknecht 
hob die Peitsche zum drittenmal. Wieder riß sie tiefe 
Wunden. Da hielt es die Gepeinigte nicht mehr aus. 
„Erbarmen!“ schrie sie, „ich will gestehen!“ 
Man band sie los und fesselte sie auf eine Leder 
matratze. Ihr Rücken färbte das Leder rot. Die be 
gehrlichen Blicke der Knechte betrachteten sie frech 
und schamlos. 
„Gestehst du?“ fragte Ingeborg. Als Agnes keine 
Antwort gab, faßte die bis aufs äußerste gereizte 
Königin die Gefolterte bei den Haaren. Heftig riß sie 
den Kopf der Nebenbuhlerin zur Seite. Ihre Finger 
krallten sich in die vollen Oberarme der schwarzen 
Herzogin. Agnes stöhnte. Grüne Flammen zuckten vor 
ihren Augen. Ihr Rücken brannte, ihre Glieder 
schmerzten. Sie glaubte sterben zu müssen. Bewegungs 
los lag ihr wunder Leib auf dem Marterbett. Die Fesseln 
schnitten tief in ihr Fleisch. Ihr Antlitz zuckte schmerz 
haft. In starrem Entsetzen schauten ihre Augen auf die 
Peiniger. Die Königin lächelte. Sie 
beugte sich über die Gefesselte. Aber 
sie begegnete einem Blick, der sie ver 
ächtlich aus tränenden Augen streifte. 
Da schrie die Königin auf: „Werft die 
Zangen ins Feuer! Sie muß gestehen.“ 
Ingeborg befahl in rasender Wut, die 
Verurteilte zu brennen. 
Die Henkersknechte rissen die Arme 
der Wimmernden hoch und banden sie 
hinter ihrem Kopf fest. Ein Geistlicher 
betete laut neben der Unglücklichen. 
Als sie die glühenden Zangen sah, 
schrie sie in großer Angst auf. 
„Gestehe!“ 
„Ich — will . . . “ 
Die schwarze Herzo 
gin fiel in Ohnmacht. 
„Weckt sie auf!“ 
Nun schütteten die 
Henkersknechte etwas 
Wasser über die Ge 
fesselte. 
„Gestehe!“ 
Ihre Lieblinge „Ich — will — ge . .“
        
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