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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 33 
Jahrg. 27 
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und die schlafende Jungfrau hinaustragen lassen? Sollte 
er um Hilfe rufen? Hilfe? — wozu? Für was? 
Benno griff nach seiner Uhr. Sie wies auf fünf. Um 
sieben Uhr pflegte er aufzustehen. Zwei Stunden 
noch —, was sollte er damit anfangen? Er bemerkte 
mit lähmendem Entsetzen, daß sein Blut in Wallung 
geriet, daß ein frevelhafter Wunsch in ihm wach 
wurde. Er rang mit sich. Er kämpfte den Kampf des 
Guten gegen das Böse, der Tugend gegen die Sünde, 
der schneeigen Reinheit gegen das pechkohlraben 
schwarze Laster. 
Und er blieb Sieger. Zwei Stunden hielt er sich 
unter seiner Bettdecke versteckt, immer in wahnsinniger 
Angst, daß seine Nachbarin erwachen könnte. Der 
Schweiß brach ihm aus allen Poren. Von Zeit zu Zeit 
streckte er den Kopf heraus und schielte zu der 
schlummernden Jungfrau herüber, die ahnungslos und 
bombenfest träumte. 
Endlich war es sieben Uhr. Benno Bratvogel kroch 
anz leise und vorsichtig aus seinem Lager, zog sich 
litzschnell aber geräuschlos an, verzichtete auf 
Waschen und Zähneputzen, nahm seinen Musterkoffer 
und verschwand, nachdem er noch einen scheuen Blick 
auf die hübsche Schläferin geworfen batte, mit ange- 
haltencm Atem aus dem Zimmer. — 
Es bleibt gleichgültig, wie sich Kätchen Feinhals mit 
ihrem Irrtum abfand, zumal ja, als sie erwachte, das 
Nest neben ihr leer war und sie erst nachher durch 
ihre tieferschütterte Freundin Emma Strumpf erfuhr, 
in welcher furchtbaren Gefahr sie geschwebt hatte. Uns 
kann nur noch das weitere Schicksal Benno Bratvogels, 
des tugendsamen Reisenden in Fliegenfängern inter 
essieren. Und da bliebe zu sagen, daß Benno, nachdem 
der Versucher so verführerisch dicht an ihn herange 
treten war, sich zutiefst beunruhigt zeigte und tele 
graphisch bei der Vereinigte Fliegenfänger-Fabriken 
G. m. b. H. in Kötzschenbroda tan einen längeren 
Erholungsurlaub einkam. Seine aufgewühlte Seele hatte 
ihn nötig. Und so kam es, daß die Stadt, in der so 
Ungewöhnliches und Peinliches geschehen war, für die 
nächste Saison der Firma in Kötzschenbroda als Absatz 
gebiet verloren ging, insofern als Benno Bratvogel es 
vorzog, noch am selben Vormittag abzureisen und den 
Konkurrenzhäusern der Fliegenfängerbranche das 
Geschäft zu überlassen, bei dem er selbst um ein Haar 
so grauenerregend auf den Leim gekrochen wäre. 
Die sefaujarse Qer%o<§iti 
' Eine Chronique amoureuse aus der Zeit Philipp Augusts von Frankreich 
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V) n den schattigen Lustgärten zu Ver- 
yV sailles dämmerte der junge Morgen. 
Vor wenigen Stunden noch hatte eine 
erlesene Gesellschaft hier die steifen 
Formen höfischer Etikette vergessen 
i und zwischen beschnittenen Taxus 
hecken und sprudelnden Marmor- 
brunnen im flackernden Lichte der 
"*■ Fackeln sich ergötzt. Dort vor der 
Nymphengruppe hatten silberfüßige Dirnen den Thyr- 
sos geschwungen in berauschten Tänzen. Und in den 
Lauben hatten edle Ritter schönen Damen leis ins Ohr 
geflüstert. Flammende Blicke bewundercen weißschim 
mernde Nacken und zierliche Füßchen. Inmitten der 
Gäste aber hatten Königin Ingeborg und ihr Gatte, 
Philipp der Zweite August, gleich erhabenen Sternen 
gestrahlt. Und wo die epheubekränzten Büsten der 
griechischen Gottheiten standen, hatte die schönste 
Edeldame des höfischen Festes mit einigen Kavalieren 
gescherzt. Niemand wußte, wer sie war, niemand kannte 
ihren Namen. Aber alle waren begeistert von der lieb 
lichen Anmut und Schönheit der Dame, die so be 
scheiden und ungezwungen auftrat. Einer der Ritter 
hatte gehört, wie die Fremde mit „Herzogin“ angeredet 
wurde und da die Dame einen schwarzen Rock und 
ein schwarzes Mieder trug, gab man ihr den Namen 
„die schwarze Herzogin“. Beim Reigen war dann die 
Fremde der Königin vorgestellt worden. Neben der 
hohen, blonden Tochter Waldemars des Ersten stand 
die zierliche, schwarzgekleidete und dunkelharige 
Herzogin. Da wußte ein jeder, daß er die beiden 
schönsten Frauen Frankreichs nebeneinander sah. Der 
König hatte die schwarze Herzogin lange angesehen, 
als suchte er in ihren Augen irgendein verborgenes 
Rätsel zu lösen, das um diese wundersame Frau ge 
breitet schien. Seine Augen hatten lange auf dem tiefen 
Ausschnitt des schwarzen Mieders geruht, und seine 
Faust hatte den Schwertgriff fester umspannt. Dann 
war der König hastig fortgegangen und hatte mit seinen 
Rittern Burgunderwein getrunken , 
Die Fremde hatte in einer dunklen Sänfte schon früh 
das Fest verlassen. Ein königlicher Reiter gab ihr das 
Geleit und die schöne Dame hatte diese Aufmerksam 
keit des Königs nicht abweisen dürfen. 
Als sie die Gärten verlassen hatte, war Philipp August 
still geworden. Er war mit der Königin tief in das 
Dunkel der Bäume geschritten und hatte dort Ingeborg 
wie ein hitziger Liebhaber stürmisch umarmt und ge 
küßt. 
Die Königin konnte diese plötzliche Leidenschaft 
ihres Gemahls nicht verstehen und als sie gegen Morgen 
in ihrem reichgedrechselten Bette lag, hatte sie noch 
lange über die glühenden Küsse des Königs und die 
schwarze Herzogin nachgedacht. 
II. 
Einige Monde waren seit jener Nacht in Versailles 
vergangen. Man schrieb das Jahr zwölfhundertunddrei- 
zehn. Die schwarze Herzogin war als Hofdame in das 
Schloß gezogen. Agnes von Meran, die schönste Tochter 
ihrer schönen Heimat, war die ständige Begleiterin des 
Königs. Bei .der Tafel saß sie an seiner linken Seite, 
bei den Festen war sie in seiner Nähe, bei den Schlitten 
fahrten saß sie im königlichen Gefährt. Agnes war 
schön, liebenswürdig und gefällig. Sie erwies Ingeborg 
die ihr schuldige Achtung und blieb dem König gegen 
über die diensteifrige, bescheidene Edeldame. Sie war 
allgemein beliebt und niemand, auch die Königin nicht, 
konnte ihr nachsagen, daß sie um die Gunst des Herr 
schers auch nur im geringsten gebuhlt hätte. Von Agnes 
von Meran ging ein Schimmer berückender Liebens 
würdigkeit aus, der alle Herzen gefangen nahm. 
Der König war stiller geworden. Stiller und nach 
denklicher bei seiner Arbeit, stiller seiner Gemahlin 
gegenüber. Er vermied es, mit der schwarzen Herzogin 
allein zu sein und war dennoch ungeduldig, wenn sie 
nicht um ihn war. Bei den Tournieren trug der König 
eine schwarze Binde, die Farbe seiner Herzensdame. 
Die Königin weinte in einsamen Nächten. Vor Philipp 
August zwang sie sich zu einem schmerzlichen Lächeln. 
Ihre Augen schauten müde und ihre weißen, schmalen 
Hände zitterten, wenn der König sie galant küßte. Sie 
verbarg ihren Schmerz, der umso größer war, weil sie 
der Hofdame keine Schuld an dem kühlen Benehmen 
ihres Gatten beimessen konnte.
        
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