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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 33 
JaSrg. 27 
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glückliche, sorgenfreie Zukunft zu bereiten. Wir 
hatten uns aus Liebe geheiratet. Trotz meiner Armut 
hattest Du mich unter .den vielen Bewerbern erwählt, 
die mehr Vorzüge besaßen als ich, und ich werde es 
Dir mein ganzes Leben danken. Heute kann ich Dir 
beweisen, daß Du Dein Vertrauen keinem Unwürdigen 
geschenkt hast. Komme sofort zu mir. Ich habe für 
uns ein Heim eingerichtet, dessen Komfort Dir be 
hagen wird, denn ich habe mich nur nach Deinem 
Geschmack gerichtet. Nimm den ersten Dampfer, 
der nach Indien abgeht. Ich werde Dich in Bombay 
erwarten, und wenn Du mich ein wenig verändert 
vorfinden wirst, so denke daran, daß Sorgen und 
Arbeit die Züge eines Mannes verwittern. Aber ich 
werde Dich trotz allem wiedererkennen, mein ge 
liebtes Kind. Unter Tausenden würde ich meine 
kleine Lili mit ihren blonden Haaren, ihrem rosigen 
Taint, ihrem zärtlichen Herzen herausfinden. Ach, 
Geliebte, bei dem Gedanken, daß ich Dich Wieder 
sehen soll, fühle ich, wie eine unermeßliche Freude 
in mir aufsteigt. . ... ... Nie hätte ich es gewagt. 
Dir vor die Augen zu treten, wenn meine Arbeit nicht 
erfolgreich gewesen wäre. Eher hätte ich mir das 
Leben genommen, um Dir die Freiheit zu geben, die 
Freiheit, Dich einem anderen Manne zu schenken, 
der Dich mehr verdient als ich. Du mußt die weite 
Reise allein unternehmen, Deine empfindsame und 
schüchterne Natur wird unter der Rücksichtslosigkeit 
der anderen Passagiere leiden, aber ich beschwöre 
Dich, diese Prüfung als die letzte Probe, die uns auf 
erlegt ist, hinzunehmen. 
Dein wahrer Freund und treuer Gatte 
Lewis Handkerchief. 
Als Mrs. Handkerchief diesen Brief gelesen hatte, 
war sie einer Ohnmacht nahe. Tränen füllten ihre veil 
chenblauen Augen, und schluchzend rief sie: 
„Lewis! Guter Lewis! Geliebter Lewis!“ 
Dann begann sie die Vorbereitungen zur Abreise zu 
treffen. 
Sie warf einen Blick auf das bescheidene Heim, in 
dem sie sechs Jahre den Ruf ihres Gatten erwartet 
hatte, und ihre Gedanken trugen sie nach Indien, in 
ihren zukünftigen Besitz. Zwischen Riesenbäumen, die 
mit schimmernden Blüten besät waren, sah sie das 
Nest, in dem sich ihre heiße Liebe, die so lange unter 
drückte, verbergen, in dem reizende Babies um sie und 
Lewis spielen würden. 
Acht Tage später bestieg sie den Dampfer, der sie 
nach den fernen Ufern ihrer Sehnsucht bringen sollte. 
Die Überfahrt ging ohne jeden Zwischenfall vonstatten. 
Weder die Schüchternheit noch die Empfindlichkeit 
der jungen Frau hatte unter ihrer Umgebung zu leiden. 
Aber trotz aller Zurückhaltung konnte Lili sich nicht 
darauf beschränken, während der Fahrt nur den frohen 
Gedanken des Wiederauflebens eines entschwundenen 
Eheglücks zu leben. Im Gegenteil, sie vertraute ihre 
Geheimnis einigen liebenswürdigen Reisegefährtinnen 
an, und bald wußte das ganze Schiff, welcher Zukunft 
die blasse blonde Frau entgegenfuhr. 
Alles nimmt ein Ende,' selbst die Fahrt eines trans 
atlantischen Dampfers. Man erreichte Bombay und 
stieg an Land. 
Sofort löste sich aus der Fülle der harrenden Menge 
ein Mann, eilte hutschwenkend auf Miss Handkerchief 
und schloß sie in seine Arme. Schüchtern und verlegen 
konnte sie nichts als, „Geliebter! Geliebter!“ stammeln 
und ihn mit einem prüfenden Blicke mustern. 
„Mir scheint, daß ich dir heute nicht mehr so gefalle, 
wie damals, als wir uns trennen mußten.“ 
„Doch, Lewis aber ich hätte dich nicht wieder 
erkannt“ 
„Aber ich, Geliebte, war sicher, dich unter Tausenden 
herauszufinden.“ 
In einem Landhause, wie es sich nur sehr reiche Leute 
gestatten dürfen, verbargen Lili und Lewis an diesem 
Abend ein Liebesglück, das um so leidenschaftlicher 
war, weil es alte Wonnen von neuem auf leben ließ. 
Nach sechsjähriger Trennung war es ihnen vergönnt, 
noch einmal Flitterwochen zu feiern, 'den Becher des 
Glücks zu schlürfen, der anderen nur einmal gewährt 
wird 
Gegen Morgen erhob sich Mr. Lewis Handkerchief 
und ließ sich an dem offenen Fenster nieder, während 
Lili zärtlich seufzte: 
„Wie soll ich dir danken, Lewis, für deine Treue, für 
deine Liebe . . .“ 
Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen. Dann 
goß der Gatte gemächlich Whisky in einen silbernen 
Becher und trank es in einem Zuge. 
Dann erwiderte er mit der größten Seelenruhe: 
„Ich bin nämlich nicht Lewis Handkerchief “ 
Lili fuhr entsetzt in die Höhe und wollte aus dem 
Bette stürmen, aber ein angeborenes Schamgefühl 
scheuchte sie wieder in die Kissen zurück. 
„Ruchloser! . . . Sie haben mich betrogen. Wo ist 
Lewis? Wo ist mein Gatte?“ 
„Die Freude über sein Glück hat ihn getötet, kurz 
nachdem er an Sie geschrieben hatte. Ich war bei ihm, 
denn ich war in alle seine Geschäfte eingeweiht und 
sollte eines Tages sein Nachfolger werden. In seinem 
Nachlaß fand ich Ihre Photographie, und sie machte 
einen solchen Eindruck auf mich, daß ich beschloß, mir 
auch seine ehelichen Rechte anzueignen. 
„Elender, ich werde Sie anzeigen, ich lasse Sie ver 
haften, in das Gefängnis bringen.“ 
„Nicht so stürmisch, meine Liebe. Was geschehen 
ist, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Das 
Los, das Ihrer am Lewis Seite harrte, sollen Sie auch 
bei mir fänden. Bin ich Ihnen so unsympathisch . . . . ? 
„O o “ 
„Oder glauben Sie zu der Annahme berechtigt zu sein, 
daß Sie an meiner Seite nicht glücklich werden?“ 
„O o “ 
Der Tonfall der unglücklichen Lili klang bereits 
weniger abweisend. 
„Und dann, Geliebte“, fuhr er fort, sich über sie 
beugend und zärtlich ihre Hand streichelnd, „werden 
wir die Küsse, die wir getauscht haben, vergessen 
können?“ 
Und als sie stumm den Kopf neigte, ohne ein Wort 
zu sagen, glaubte er hinzufügen zu dürfen: 
„Ist es nicht so, als ob der arme Lewis selbst es 
vorausgesehen hätte?“ 
„Er?“ 
„Ja. Denn schrieb er nicht in seinem letzten Briefe: 
Meine geliebte Witwe?“ 
„Du hast recht“, sagte die Witwe Handkerchief leise, 
und in dem Augenpaar, das sie zu dem neuen Gatten 
erhob, leuchtete durch Tränen ein Strahl dankbarer 
Liebe und werbenden Verlangens 
Wir Beginnen in dieser Nummer mit dem Abdruck des 
ausgezeichneten Romans von Otfrid von Honstein 
„Der fäcßefnde Tod” 
und machen unsere verehrten Leserinnen und Leser 
auf das Werk dieses Schriftsteffers aufmerksam.
        
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