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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

27. Jaürg. 
Nr. 4 
14 
Illustrationen; hinge 
ie Mitglieder der französischen Kolonie zu Berlin 
unterschieden sich früher durch ihre Sittsamkeit sehr 
von ihren Landsleuten daheim. Aber sie waren doch 
nicht wenig stolz auf ihre Herkunft und versuchten 
durch strenge Abschließung nach außen möglichst blutrein zu 
bleiben. Ehen wurden 
fast ausschließlich inner 
halb der Kolonie ge 
schlossen, und nur bevor 
zugte Familien der übri 
gen Stadt fanden Zutritt 
in diese tugendhaften 
und sehr selbstbewußten 
Kreise. 
Zu den Bevorzugten 
gehörte ein junger Stu 
dent der Gottesgelahrt 
heit, Philipp Fresenius 
geheißen, dem sein be 
scheidenes und tugend 
haftes Wesen im Bunde 
mit seinem ernsthaften 
Studium den Weg in die 
Familie de Beau geöffnet 
hatte. Diese vornehme 
Kolonistenfamilie be 
stand aus dem Vater, 
der ganz seiner Ehre, der 
Verherrlichung seines Ge 
schlechts und der Vertei 
digung seines Glaubens 
lebte; ferner aus den zwei 
ledigen Schwestern dieses 
Vaters, die dieselben 
Ziele vielleicht noch mit 
größerem Eifer verfolg 
ten; nach ihnen wäre erst 
die Mutter de Beau zu 
nennen mit den beiden 
Kindern August und Eu- 
genie. Der Sohn, eine 
Null in der dynastischen 
Rechnung der de Beau’s 
— die Tochter dafür um 
so echter und zuverlässi 
ger debeauisch; nach 
außen bescheiden, nach innen aber von demselben Stolze er 
füllt, wie der Vater und die Tanten. 
Diesem einzigen vollgültigen Sproß derer de Beau wider 
fuhr nun das herbe Schicksal, sich in den Studiosus der 
Theologie Philipp Fresenius zu verlieben. Der bescheidene 
junge Mann hatte das zwar bisher noch nicht bemerkt, aber 
auch er verspürte seinerseits Neigung zu dem sylphidenhaften 
Geschöpf. Er hätte jedoch diese tief verborgene Regung nie 
zu offenbaren gewagt, wenn ihm Eugenie nicht in einer un 
begreiflichen Aufwallung ihres unverfälschten Franzosenblutes 
den Weg zu ihrem Herzen gebahnt hätte. In einer stillen 
einsamen Stunde war sie ihm nach einem langen Gespräch 
über geistliche Dinge um den Hals gefallen und hatte bitterlich 
zu weinen begonnen. Philipp hatte sie nun nicht etwa ge 
küßt, sondern sie mit frommem Zuspruch getröstet und sich 
in seinem Herzen gelobt, dieses holde Wesen zur Gefährtin 
seines Lebens zu machen. 
Es war nicht leicht, die 
sen Entschluß durchzu 
führen, denn in den drei 
echten de Beaus fand er 
anfangs entschlossenen 
Widerstand. Schließlich 
aber machte auf diese 
drei, den Vater und die 
Tanten, doch der be 
harrliche Eigenwille der 
jüngsten de Beau Ein 
druck. Die Mutter, die 
sich mit ihrer Tochter in 
einem heimlich willkom 
menen Bunde gegen die 
überheblichen Tanten be 
fand, unterstützte in 
wiederholten Appells an 
die eheliche Liebe ihres 
Gemahls Eugenies Be 
streben; und nach einem 
kämpfereichen Jahre, in 
dem der Kandidat Frese 
nius auch seine letzte 
Prüfung bestanden hatte, 
bekannte sich die Familie 
de Beau zu jenen Ab 
trünnigen, die einem 
Fremden ihr eigenes 
reines Fleisch und Blut 
geschenkt hatten. 
Sei es nun, daß das 
Schicksal ein besonderes 
Auge auf die echtblütigen 
Franzosen geworfen hatte 
oder daß es den Kandi 
daten Fresenius zu an 
deren höheren Zwecken 
aufsparen wollte— jeden 
falls sandte es einen Ver 
suchergeist ganz besonderer Art in den stillen Kreis der Freseni 
und de Beaus. 
Christine stand seit ihrem siebzehnten Jahre im Dienste der 
Familie Fresenius und hatte Philipp vom jungen Studenten 
heranwachsen sehen zum Kavalier und Kandidaten. Ihre 
Neigung zu dem hübschen Menschen, der stets so scheu die 
Augen niederschlug, wenn sie ihn im einsamen Zimmer an 
funkelte, hatte sich Christine nie verhehlt. Um so mehr ver 
wünschte sie die Verlobung mit der überheblichen Eugenie, 
zumal sie beobachtet hatte, daß der junge Herr Anzeichen 
echter Verliebtheit bisher nicht hatte an den Tag kommen
        
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