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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 33 
Jahrg. 27 
16 
wenn sie .... man würde sie rühmen — sie wäre auf 
einmal der Mittelpunkt des Gespräches, . . . 
Ein warmes, nahezu mütterliches Gefühl stieg in ihr 
auf. — 
„Alfred“, sagte sie, „du täuschst dich, wenn du 
glaubst, daß ich dich gerade in der Not verlassen werde. 
Wir gehören zusammen. Wir bleiben zusammen, was 
auch kommen mag. Ich werde meinen Schmuck ver 
kaufen — er ist Milliarden wert — die Perlen, die Steine, 
die beiden goldenen Uhren. Wir werden uns eine kleine 
Wohnung nehmen, eventuell draußen auf dem Lande, 
das Personal wird entlassen, das Auto verkauft — und 
aus dem Erlös wirst du deine Verbindlichkeiten schon 
lösen können!“ 
Entzückt sprang Alfred auf. Welch eine Frau! Wie 
viel Edel- und Opfermut sprach aus ihr! Sollte er ihr 
gestehen, daß alles nicht wahr war, daß er sie nur auf 
die Probe stellen wollte wegen des Gespräches, das sie 
damals nach der Premiere geführt hatten. So war sein 
Mißtrauen doch ungerecht. So liebte ihn Susanne doch 
noch?! Schon wollte er sie umarmen und mit zärtlichen 
Küssen bedecken, seine Untat bekennen, aber im letzten 
Augenblick sagte er sich: „Nein! Ich will die Sache 
fortspinnen. Ihr heroischer Entschluß ist nur ein 
momentaner. loh werde schwereres Geschütz auff ahren 
lassen. Wenn sie dann noch fest bleibt, wenn sie sich 
dann noch als treue Gattin bewährt, dann werde ich 
ihr ein herrliches Geschenk machen!“ Er konnte es 
sich ja leisten, nachdem er so glücklich konterminiert 
hatte . . . 
So spielte er seine Rolle weiter. Er trat auf sie zu und 
schüttelte ihr dankbar die Hand. „Du Treue! Du mein 
Süßes!“ sagte er nur und dann schien seine Stimme vor 
Rührung zu ersticken, „aber heute gehe noch mit 
Bertens ins Theater, wenn ich auch nicht mitkomme. 
Nachher wollen wir alles weitere besprechen . . . “ 
• 
Frau Susanne ging in das Theater. Vorher war sie 
noch bei ihrem Juwelier vorgefahren und hatte ihn für 
morgen Vormittag in das Palais bestellt. Als sie nach 
der Vorstellung heimkehrte, war Alfred nicht zuhause. 
Der Kammerdiener meldete, der Herr Direktor sei kurz 
nach neun Uhr abends mit dem Auto zur Bahn ge 
fahren und hätte für die gnädige Frau einen Brief zu 
rückgelassen. Er liege auf dem Toilettetisoh im Schlaf 
zimmer. Susanne erbebte. Eine entsetzliche Ahnung 
überkam sie. Ohne abzulegen, stürzte sie in das Zimmer 
und riß das Schreiben auf. „Du mußt mir verzeihen, 
teure Susanne“, so begann es, „wenn ich dich ohne 
Abschied verlasse, um in der Einsamkeit zu sterben. 
Ich kann dein Opfer nicht annehmen, da es keine Ge 
währ für unsere Zukunft bietet. Was ich noch retten 
konnte, habe ich auf deinen Namen umschreiben lassen, 
so daß du auch weiterhin, wenn ich nicht mehr bin, ein 
sorgenloses und heiteres Leben führen kannst. Du 
bist noch jung und schön und so wirst du den Schatten 
dieser Tage bald wieder vergessen. Ich fahre nach 
St. Ullrich am See und will von dort noch die offiziellen 
Abschiedsbriefe schreiben. Übermorgen, Freitag, stürze 
ich mich ins Wasser. Noch einmal bitte ich dich um 
Verzeihung, danke dir für alles Gute und Schöne, das 
du mir erwiesen. Behalte mich lieb und schmähe mich 
nicht! Ich tue alles um deinetwillen! Noch einen letzten, 
innigen Kuß — Dein unglücklicher Alfred.“ 
« 
Am nächsten Morgen traf der Direktor seelenver 
gnügt in St. Ullrich .ein, mietete ein Zimmer, pflegte 
ein Stündchen der Ruhe und unternahm dann eine 
Kahnpartie. Im Schilfe pflückte er ein paar eben auf 
geblühte Seerosen, mit denen er seine Gattin über 
raschen wollte. Denn es bestand für ihn kein Zweifel, 
daß sie, nachdem sie seinen Brief gelesen, sofort den 
nächsten Zug besteigen und ihm nachfahren würde, um 
das Entsetzliche, das er gar nicht vorhatte, zu ver 
hindern. Im Geiste sah er schon seine schöne Frau in 
tiefschwarzer Kleidung. Nachmittags gegen fünf Uhr 
sollte der Zug kommen. Da würde er ihr lächelnd 
arii Bahnhof entgegengehen und sie in seine Arme 
schließen. Ein wunderbarer Augenblick, wenn sie §ich 
wiederfinden! Eine zweite Hochzeitsnacht sollte es 
werden und dann ein paar restlos glückliche Tage in 
dieser herrlichen Einsamkeit am See. Er war doch 
ein rechter Genießer und verstand der Liebe neue 
Emotionen zu verleihen! Kurz — Alfred schwelgte schon 
im Vorgefühle der Seligkeit. Nachmittags um fünf war 
er pünktlich am Bahnhof mit einem Strauß Seerosen 
in der Hand. Der Zug brauste heran, aber Frau Susanne 
war nicht darin. 
Dafür traf zwei Stunden später ein dringendes Tele 
gramm ein: 
„Warte bis Montag, da Trauerkleider 
nicht früher fertig Letzte Grüße 
Susanne“ . . . 
BELOHNTE TREUE 
* ' -- - ★ 
MAXIME 
M rs. Handkerchief drehte den Brief einen Au 
genblick unschlüssig zwischen den weißen 
schlanken Fingern hin und her. Die Hand 
schrift und die exotische Briefmarke waren 
ihr wohl bekannt. Alle sechs Monate erhielt sie pünkt 
lich einen solchen Brief. Ihr Gatte, Mr. Lewis Hand 
kerchief, hielt sie durch diese Korrespondenz auf dem 
Laufenden über die Fortschritte seiner Unternehmungen 
in Ostindien, oder er berichtete ihr von den Hinder 
nissen, die ihm auf der Jagd nach dem Glücke in den 
Weg traten. Seit sechs Jahren lebten sie durch tausende 
von Medien getrennt, und niemals hatte einer seiner 
Briefe einen Tag Verspätung gehabt. Er schrieb mit 
der Pünktlichkeit eines kaufmännischen Angestellten, 
der seinem Vorgesetzten einen Rechenschaftsbericht 
zu liefern hat. 
Trotz der jahrelangen Gewohnheit, trotz der steten 
den Eindruck einer Sensation absohwächenden Wieder 
kehr dieser halbjährlichen Korrespondenz gewann Mrs. 
Handkerchief es diesmal nicht über sich, eine unge 
wöhnliche Unruhe zu bemeistern. Sie stand unter dem 
Banne einer Vorahnung, die ihr selbst kindisch erschien, 
und die sie dennoch nicht unterdrücken konnte. Sie 
zögerte, den Brief zu erbrechen und gab sich für Augen 
blicke dem prickelnden Reize der Spannung hin, den 
das verschlossene Kouvert in ihr erweckte. 
Der letzte Brief hatte keinerlei Überraschungen, 
weder angenehmer noch unangenehmer Art, erwarten 
lassen. Weshalb also ? 
Kurz entschlossen erbrach Mrs, Handkerchief endlich 
den Brief und laß: 
Meine geliebt© Witwe! 
Preise Gott, den Herrn. Dein Gatte, geleitet von 
der Hand des Höchsten, konnte endlich die Aufgabe 
erfüllen, die er sich selbst gestellt hatte: Dir eine
        
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