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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 33 
Jafirg. 27 
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stürmisch. Er erzählte ihr in bewegten Worten von 
seiner Sehnsucht und sprach die Hoffnung ans, sie 
recht bald wiederzusehen, 
„Ich würde deinem Wunsche gerne naohkommen“, 
entgegnete sie flüsternd, „allein ich bin einerseits durch 
den Dienst beim Hofe sehr in Anspruch genommen, 
andererseits kann ich nicht gerade nach Belieben meine 
Dimensionen verlassen.“ 
Es ist nicht sicher, ob das Wort Dimensionen damals 
schon bekannt war. Jedenfalls spukten die verwir- 
rendsten Ideen darüber bereits in vielen Köpfen herum. 
Dem Herzog von Orleans leuchtete also die Sache 
vollkommen ein. 
„In welcher Dimension befindest du dich?“ fragte 
er sie. 
„Ich bin jetzt in der dritten, werde aber bald in die 
vierte Dimension aufsteigen.“ 
„Und wirst du trotz der vierten Dimension noch mit 
mir Zusammenkommen können?“ frug der Herzog. 
„O ja“, hauchte die Herzogin. „Es wird sich möglich 
machen lassen.“ 
Sonst wurde nicht viel gesprochen. Die Herzogin 
behauptete, unbedingt wieder in die dritte Dimension 
zurückkehren zu müssen, und da der Herzog eine 
dunkle Ahnung hatte, daß der Wille dieser Dimension 
dem seinen überlegen war, so nahm er Abschied von 
ihr, nachdem sie ihm das Versprechen gegeben hatte, 
recht bald wiederzukommen. 
Der Herzog war glücklich. 
Denn in der Tat gelang es ihm in der nächsten Zeit 
sehr oft, seine Gemahlin zu sehen, und er hatte eigent 
lich keine Ursache, sich über ihre Dimensionen zu 
beklagen. 
Der König aber befahl schließlich dem Scherz ein 
Ende zu machen. Die Herzogin von Orleans hatte 
endgültig ihre Besuche einzustellen und in der vierten 
Dimension zu bleiben. Sie ist auch nie von dort zurück 
gekehrt. Allerdings hat der Herzog von Orleans nie 
erfahren, daß seine dimensionale Gattin eine Hofdame 
war, die der König wegen oberflächlicher Ähnlichkeit 
mit der Verstorbenen aus erwählt hatte, um sich einen 
mehr als zweifelhaften Witz zu gestatten. 
Man kann sich denken, welches Amüsement der Ver 
sailler Hof an der Geschichte hatte. 
Sie ist ein kleines Dokument menschlicher Torheiten. 
In diesem Falle wurzelte sie nicht etwa in einem un 
zurechnungsfähigen Gehirn. Sie war eben nur möglich 
in jener Zeit des ausgeprägten Autokratenwahnes, von 
dem der Herzog, der überdies den seltsamsten mysti 
schen und religiösen Vorstellungen huldigte, mehr als 
alle Könige Frankreichs befangen war. 
Die frobe aufs Cxempet 
Qroteske uon Qeorg Strefisker 
rau Susanne entließ gerade ihre 
Modistin, mit der sie den Aufputz 
ihrer neuen Sommerhüte be 
sprochen hatte, als ihr Gatte ein 
trat. „Du kommst heute früher 
als sonst, Alfred“, sagte sie und 
richtete sich mit gewohnter Ko 
ketterie vor dem Spiegel die Frisur, 
„wir haben heute übrigens eine 
Loge im Theater. Bertens luden uns ein. Wie steht es 
aber mit der Börse? Wieder so schlecht? Du scheinst 
nicht guter Laune zu sein?“ 
„Nein, das bin ich ganz und gar nicht“, versetzte der 
Direktor und ließ sich erschöpft auf einen Stuhl fallen, 
„und wenn du unsere Lage wußtest, würdest du auch 
nicht ans Theater denken.“ 
„Wie meinst du das?“ 
„Ich bitte dich: erschrick nicht! Um es kurz zu 
sagen; wir sind ruiniert. Mir ist heute die letzte Hoff 
nung zuschanden geworden. Ich habe alles versucht, 
was nur irgendwie möglich war. Nun kenne ich mich 
nicht mehr aus. Mir bleibt kein Ausweg mehr und 
morgen sitze ich vielleicht schon im Gefängnis, wenn 
ich es nicht vorziehe . . . .“ 
„Ist es denn wirklich so arg? Ich ahnte doch gar nicht, 
daß du dich so tief in Spekulationen eingelassen hast.“ 
„Ich hoffte, die Sache noch ordnen zu können. Da 
jetzt nun jede Aussicht geschwunden ist, muß ich, so 
schwer es mir fällt, dir unsere trostlose Situation 
offenbaren. Ich wiederhole nochmals; wir sind ruiniert!“ 
Sie blieb ganz ruhig. „Dann werden wir uns eben 
einschränken“, sagte sie. 
Er lachte kurz auf. „Du scheinst dir von dem Un 
glück, das uns betroffen, keine Vorstellung zu machen 
Susanne. Auch das Einschränken hilft uns nichts mehr! 
Ich bin ein völlig zugrunde gegangener Mann. Wäre 
ich allein, Susanne, du kannst es mir glauben, ich hätte 
mich schon wieder auf die Füße gestellt. Aber du?! 
Was soll mit dir, die du an Luxus und Wohlleben so 
gewöhnt warst wie kaum eine zweite werden? Bis jetzt 
hat ja auch das Geld bei uns keine Rolle gespielt — 
was nun sein wird, ist mir völlig schleierhaft. Ich halte 
es noch für das beste, wenn du, bis die Angelegenheiten 
hier geordnet sind, zu deinen Eltern zurückkehrst und 
zwar sofort. Denn morgen ist schon der große Krach 
und ich möchte dir die Aufregungen, die damit ver 
bunden sind, ersparen.“ 
Erst jetzt begann ihr das Fürchterliche, Unfaßbare 
zu dämmern. Ein Schwäohegefühl befiel sie. Noch 
machte sie sich keine Vorstellung von dem, was nun 
folgen sollte. Waren also auch sie beide Opfer ge 
worden? Zog denn das Unglück immer größere Kreise? 
Vorige Woche erst hatte sich einer aus ihrem Bekann 
tenkreise wegen Börsenverluste erschossen. Ein an 
derer war flüchtig geworden. Himmel — was soll nun 
werden?! Und was werden die Leute sagen?! Diese 
entsetzliche Bloßstellung! Und die Aussichten auf die 
Nordlandreise im Juli! Sie hatte sich schon so darauf 
gefreut. — Das Fest bei Kommerzienrat Basedow würde 
sie auch nicht mehr besuchen können. Da hätte doch 
das weiße Kostüm, das heute abend geliefert werden 
sollte, gar keinen Zweck mehr? Arm!! Um Gottes 
willen — sie war arm geworden! Wenn sie ihren Gatten 
ansah, wie er total gebrochen, wenn auch äußerlich noch 
ruhig, vor ihr da saß. Wie konnte dies alles auf einmal 
so jäh hereinbrechen?! — Und jetzt sollte sie zu den 
Eltern in die Tschechoslowakei zurück, jetzt — gerade 
jetzt, wo der brasilianische Legationsrat, 
dieser entzückende Junge .... Nicht auszudenken. 
Um alles in der Welt —- nur nicht fort! Nur nicht 
— oh!“ 
Da besann sie sich. Wie von ungefähr zuckte das 
Motiv eines Theaterstückes, das sie unlängst gesehen 
hatte, durch ihr Hirn. Da war damals so eine Frau, 
so eine heroische Frau, die alles, um den Gatten zu 
retten, hingab, Unwahrscheinlich. Allerdings — aber 
ein Zug, der ihr doch imponiert hatte. Schließlich besaß 
sie noch persönliches Vermögen und Schmuck. Man 
würde in der Gesellschaft sicherlich von ihr sprechen,
        
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