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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 2? 
Nr. 33 
10 
* 
Ein sonderbarer Schwärmer 
* 
ROBERT H E Y M A N N 
er Herzog von Orleans ging mit 
unruhigen Schritten in seinem Ar 
beitszimmer in Paris auf und nieder. 
Der siebenundzwanzigjährige Mann, 
der für gewöhnlich eine große äußere 
Ruhe zur Schau trug, befand sich 
in einer großen Aufregung, die sein 
„ bleiches Gesicht unnatürlich rötete. 
Von Zeit zu Zeit blieb er stehen 
und horchte nach der Türe, die in das nächstliegende 
Gemach, in das eheliche Schlafzimmer, führte. 
Die Herzogin von Orleans, geborene Prinzessin von 
Baden, eine ebenso anmutige wie liebenswürdige und 
geistvolle Frau, lag im Sterben. Man hatte dem Herzog 
wenig Hoffnung gemacht, seine Gemahlin am Leben zu 
erhalten. Aber der junge Gatte besaß in dieser Be 
ziehung einen eigensinnigen Charakter. 
„Sie wird am Leben bleiben, denn ich will es“, hatte 
er regelmäßig dem Arzte wiederholt. 
Trotz diesem in so unbestimmter Form ausge 
sprochenem Willen hatte es der Herzog von Orleans 
doch nicht hindern können, daß die junge Frau von 
Tag zu Tag mehr verfallen war. Unter dem Drucke 
dieser Ereignisse mochten dem Herzog wohl Zweifel 
an der Selbstherrlichkeit und unbedingter Wirksamkeit 
seines fürstlichen Willens beschleichen. 
Er stand am Fenster und sah auf das Leben und 
Treiben von Paris hinab, wo zwischen Fußgängern, die 
ihre Geschäfte besorgten, und Karossen, die mit ge 
putzten Pferden vorüberfuhren, eben eine Abteilung der 
Königlichen Gardereiter dahinritt. 
In diesem Augenblick erhielt der Herzog die Nach 
richt, daß seine Gemahlin verschieden sei. 
„Ich muß leider diese Meldung bestätigen“, nahm der 
erfahrene Arzt das Wort. „Jede menschliche Kunst 
war hier vergebens, die Frau Herzogin hat in dieser 
Stunde ausgelitten.“ 
Der Herzog kreuzte die Arme über der Brust und 
betrachtete aufmerksam den Arzt und die mit ihm ein 
getretenen Adeligen seines Hofstaates. 
„Und ich sage euch“, erwiderte er mit stoischer 
Ruhe, „daß die Frau Herzogin nicht gestorben ist!“ 
Die Anwesenden sahen sich gegenseitig erstaunt an 
und wandten dann ihre Blicke wieder dem Herzog zu, 
der die Mundwinkel gebieterisch zusammenzog. 
„Verzeihung“, sagte der Arzt zögernd, „ich kann ver 
sichern, daß die Frau Herzogin wahrhaftig tot ist, wenn 
der Herr Herzog sich überzeugen wollten .“ 
Aber der Fürst wehrte rasch mit der Hand ab. 
Nein, das wollte er nicht, das war ganz und gar nicht 
seine Sache! Er hatte sich auch deshalb in den letzten 
Wochen kaum mehr an dem Krankenlager seiner Frau 
blicken lassen weil er den Anblick durchaus nicht ver 
trug, umsomehr, als er doch den Befehl ausgegeben 
hatte, daß sie gesund werden sollte und sie diesem 
Befehl unbegreiflicherweise immer noch nicht nachkam. 
Und jetzt sollte er sich vergewissern. 
„Ich brauche mich nicht zu überzeugen“, entgegnete 
er mit der überlegenen Ruhe, die er in solchen Fällen 
zu wahren pflegte. „Ich versichere euch, daß die Frau 
Herzogin lebt.“ 
Man war in der Umgebung des Herzogs an viel Ab 
sonderlichkeiten gewöhnt. Dieser Eigensinn in einem 
so ernsten und tragischen Augenblick ging aber doch 
zu weit. 
Der Arzt war es wieder, der das Wort ergriff; „Womit 
wollen der Herr Herzog Hochdero begründen? Warum 
kann Hochdero selige Gemahlin durchaus nicht ge 
storben sein?“ 
„Sehr einfach. Weil ich es nicht will und weil ich 
es nicht glaube.“ 
Die Höflinge machten eine tiefe Verbeugung und 
schnitten Grimassen. Der Arzt, der für das absurde 
Gebahren des Herzogs jedenfalls das meiste Ver 
ständnis übrig hatte, verneigte sich gleichfalls, machte 
mit dem rechten Arm eine weitausholende Bewegung, 
die so viel sagte als: Ich bin ganz dero hochlöblichen 
herzoglichen Meinung . . .“, und entfernte sich. 
Die Herzogin von Orleans wurde mit großem Pomp 
im Beisein des ganzen königlichen Hofes begraben. Nur 
einer fehlte bei dieser feierlichen Gelegenheit; der 
Herzog von Orleans. 
„Ich habe nicht nötig, dem Begräbnis meiner Frau 
beizuwohnen, wenn sie lebt“, äußerte er zu seiner Um 
gebung. Und da er Herzog von Orleans und Regent 
war, dessen Vater sogar für den unmündigen Lud 
wig XV. die königliche Gewalt über Frankreich aus 
geübt hatte, so gab man ihm recht. Und nachdem er 
steif und fest bei seiner Ansicht blieb und sich durch 
aus nicht davon abbringen lassen wollte, ja, jeden mit 
seinem herzoglichen Zorn verfolgte, der ihm zu wider 
sprechen wagte, so fand es seine Umgebung für das 
beste, ganz im Sinne des Herrn Herzogs zu reden und 
zu handeln. Bei der Tafel wurde für die Frau Herzogin 
mit serviert, und im Stalle stand der Frau Herzogin 
Leibpferd stets bereit. Dieses war, da die lebendig 
tote Frau Herzogin durchaus nicht ausreiten wollte, 
ebenso bockbeinig und störrisch geworden wie der 
Herr Herzog. 
Soweit klingt die Sache ziemlich unglaublich, obwohl 
sie historisch vollkommen richtig ist. 
Er war überhaupt ein sonderlicher Heiliger, dieser 
Orleans, ebenso heilig als sonderbar, und das Gegenteil 
von seinem Vater. In diesem Falle war der Apfel sehr 
weit vom Stamm gefallen. Der verstorbene Fierzog 
Philipp von Orleans hatte, wie schon erwähnt, für den 
minderjährigen Ludwig XV. von Frankreich regiert. 
Der französische Hof war bis dahin durchaus nicht ein 
Muster von Sparsamkeit, guten Sitten und Zucht ge 
wesen. (Die Renaissance beherrschte die Höfe. Sie 
hatte den ganzen bacohischen, erotischen und aphrodi- 
tischen Kultus der Alten, vornehmlich aber der Tendenz 
des augusteischen Zeitalters und die Vergötterung des 
omnipotenten Autokraten neuerdings eingeführt. In 
Rom und Paris arbeiteten Hunderte von Malern und 
Bildhauern jahraus, jahrein, um die Paläste und Villen 
der Reichen mit üppigen Darstellungen aus der antiken 
Götterwelt zu schmücken.) 
Als Ludwig XIV. selbst in der Nähe von Paris das 
kolossale Lustschloß Versailles erbaute, ließ er es sich 
durch Lebrun und dessen Schüler mit antiken Göttern 
anfüllen. Wie die Künstler, so wetteiferten auch die 
Gelehrten und Dichter mit Horas, Ovid in Beschmeiche- 
lungen des Herrschers. 
Zu der Zeit, als Ludwig XV. den Thron bestieg (im 
Jahre 1723), hatte die Freiheit der Anschauungen an 
dem Hofe Versailles eine Ausdehnung angenommen, 
die kaum mehr augusteisch zu nennen war. Die Ver 
achtung aller guten Sitten war guter Ton. Kein Höfling 
durfte sich in Gesellschaft seiner Frau blicken lassen, 
ohne Gefahr zu laufen, sich lächerlich zu machen. Jeder 
Hofmann wollte als Don Juan gelten. Jede Hofdame 
von Bedeutung mußte eine Kokette sein und einen Stab
        
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