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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr 33 
Jabrg. 27 
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Allmählich leerte sich der Salon, und schließlich blieb 
der Abbe allein zurück, ein Vorrecht, das er schon ge 
raume Zeit genoß. Die Herzogin ließ sich in einen 
schweren Armsessel nieder, während der Abbe zu ihren 
Füßen auf einen Schemel Platz nahm. Die erst so lebens 
frohe Weltdame lauschte voll Hingabe den Worten des 
Jünglings, der mit Sich und seiner Zeit im Unfrieden 
war und selber noch nach dem rechten Ausdruck einer 
ernsten Weltanschaunng strebte. Ihre Sehnsucht und 
die des Abbe ergänzten sich. Sie kannte das Leben, 
an dessen glänzender Pforte dieser Jüngling erst stand, 
und war übersättigt. Sie suchte nach einer neuen Reli 
gion der Schönheit und der Liebe — kein Wunder, daß 
sich in diesen stillen Stunden der Erbauung eine starke, 
reine Liebe entspann, die in ihrer geläuterten Kraft 
und der Glut der gegenseitigen Hingabe alle blasierten 
Sentenzen ihrer Zeit beschämte. 
Diese Liebe war um so stärker, als sie dem Abbö, 
allem Spott der zynischen Zeitgenossen zum Trotz, 
heilig war. Die Liebenden sahen das Ziel ihrer Wünsche 
in einer Vereinigung, die durch nichts mehr getrennt 
werden konnte und alle Lästerzungen verstummen ließ. 
Aber einem solchen Gedanken stellten sich unüber 
windliche Hindernisse entgegen. 
Die Herzogin stellte die Füße, an denen zierliche, 
kleine Goidsohuhe schimmerten, auf den veilchenblau 
bezogenen Schemel und stützte das weiche, runde Kinn 
gegen die ineinander verschlungenen Hände; 
„Ich habe eine Überraschung für Sie, mein Freund!“ 
Der Abbe blickte sie lächelnd an. 
„Sie sollen mir sagen, was Ihnen die Liebe ist, Herr 
de Rance . . . nein, nicht jetzt . . . nicht hier! Meine 
Freundin Lenclos behauptet, sie sei nicht mehr als ein 
Heißhunger des Herzens, und nur durch die überspannte 
Vorstellung, die wir uns von, ihr machen, werde sie uns 
gefährlich.“ — 
„Das ist die Rede einer Frau, die in dem edelsten 
Ausdruck des Herzens nur den Reiz des Augenblickes 
sucht“, entgegnete feurig der Abbe und küßte die Hand 
der Herzogin. Sie überließ ihm ihre schlanken, kühlen 
Finger und fuhr träumerisch fort: 
„Ninon behauptet ja selbst in einem Atemzuge, die 
Liebe hebe uns über uns selbst hinweg, sei ein Be 
dürfnis unseres Herzens —“ 
„Ein Widerspruch also, den sie nicht einmal sonderlich 
geistreich verbirgt.“ 
„Warum so strenge, mein Freund? Es ist unser Vor 
zug, daß wir uns widersprechen dürfen und doch für 
weise genommen werden — vorausgesetzt, daß wir 
gleichzeitig — liebenswürdig sind.“ 
„Liebensw e r t, Herzogin, das ist hundertmal mehr.“ 
„Erscheine ich Ihnen liebensw e r t, Abbe?“ 
Sie legte das stolze Haupt in den Nacken. Der Wider 
schein des Feuers im Kamin huschte über ihr zartes, 
blasses Antlitz und tauchte ihre Augen in die Welle 
einer warmen Zärtlichkeit. Herr de Rance stand auf, 
um seine Bewegung zu verbergen. Die Herzogin fuhr 
fort: 
„Sie wissen, mein Freund, was man mir .nachsagt. Ich 
habe den Vorzug, zu den interessantesten Frauen zu 
zählen, über die man spricht. — Man sagt aber, die beste 
Frau Stu die, über welche man nichts zu sagen weiß.“ 
„Ich höre nicht auf das, was andere sagen“, entgegnete 
Herr de Rance, „sondern einzig auf das Gefühl, das dem 
Quell meines Herzens entspringt. Für mich sind Sie 
edel, gut und tugendhaft.“ 
„Weil Sie selbst danach streben, es zu sein!“ 
„Kürzer gesagt: Weil ich Sie liebe.“ 
Die Herzogin schwieg. Wie viele Kavaliere hatten ihr 
dies nicht schon gesagt! Im Flüstertöne der über- 
strömendon Zärtlichkeit, im Rausche des Wahns, in 
aufjauchzender Begeisterung — aber nie hatte sie 
ähnliches empfunden wie in diesem Augenblicke, da 
dieser Verehrer in seiner stolzen Art sich tief und ehr 
erbietig über ihre Hände neigte. 
Sie hatte ihm das Geheimnis seines Herzens entlockt; 
denn nie vorher hatten sie dieses, für sie so gefährliche, 
ihrer Zeit so vertraute Thema berührt. 
Nun sah sie schweigend zu ihm auf. Nur ihre Blässe 
verriet die innere Erregung. Endlich griff sie in ihren 
Gürtel und sprach leise: 
„Ich habe Ihnen hier ein Spielzeug machen lassen, 
mon ami, das uns — je nachdem — nur eine Laune, 
oder aber weit mehr: ein Heiligtum bedeuten kann.“ 
Damit zeigte sie dem Erstaunten einen Schlüssel, der 
aus reinem Golde getrieben war, und fuhr fort: 
„Dieser Schlüssel ist ein Zauberstab. Er erschließt alle 
Türen über die Hintertreppe meines Palastes und ge 
leitet Sie direkt in meine Gemächer. Es wind Ihnen also 
zu jeder Zeit am Tage und bei Nacht möglich sein, mich 
zu besuchen. Ich werde in einer idealen Vereinigung 
mit Ihnen leben, ,und es liegt bei Ihnen, ob Sie meine 
Festigkeit auf die Probe stellen wollen. Sie also sollen 
mir beweisen, ob dieser Schlüssel Ihnen ein Spielzeug ist 
oder ein Heiligtum sein wird. Fragen Sie mich nicht, 
was mir erwünschter wäre, mein Freund. Ich wüßte es 
Ihnen nicht zu sagen; denn ich habe nur das Verlangen, 
Ihnen mit diesem Geschenk den Weg zum Glück zu 
weisen.“ 
Der Abbe verstand den tiefen Sinn dieser Worte und 
den symbolischen Wert des Schlüssels zu würdigen. 
Von da an war die Herzogin in seine Gewalt gegeben. 
Die schönen Herbsttage fanden den Liebling der 
Pariser in einsamen Träumereien. 
Stundenlang saß er in seinem Palast, hielt das 
Geschenk der Herzogin auf seinem Schoße und sann. 
Vor dem Fenster dehnte sich der Park. Der Wind 
summte in hundertjährigen Ulmen, und die Sonne stand 
rotgolden hinter den rauschenden Wipfeln. 
Wenn er bei der Herzogin war, dünkte er sich wie 
ein König, dessen Reich nicht von dieser Erde ist. Wie 
klein, wie lächerlich erschienen ihm alle Rivalen. 
Niemand wußte um sein Geheimnis, nur die Königin 
seines Herzens, und er, dem sie mehr gegeben als 
Schwüre der Treue oder der Liebe. 
Mit dem goldenen Schlüssel hielt er ihre Seele in 
seinen Händen. 
Aber alsbald brannte der Schlüssel an seinem Leibe 
wie Feuer. Er fühlte seine geistigen Schwingen unter 
den Schmerzen wachsen, die ihm die Sehnsucht nach 
der Geliebten verursachte. 
Er litt unsäglich, aber er fand endlich sein seelisches 
Gleichgewicht. 
Seine Vorträge in der Sorbonne erregten das Staunen 
der gebildeten Welt. Plötzlich verschwand de Rance aus 
Paris, lebte Wochen wie ein Einsiedler auf einem seiner 
Schlösser, um ebenso unerwartet wieder im Marais auf 
zutauchen. Der goldene Schlüssel wurde ihm zu dem 
entscheidenden Symbol seines Lebens. So, wie er im 
Kampfe mit sich selber lag, bedrängten sich seine 
Lebensanschauungen. Und mit jedem Tage errang er 
einen neuen Sieg um den Preis seines Glückes. 
So gingen Jahre hin. Die Welt, die die Dinge meist 
noch besser sieht, als das Leben sie zeichnet, behauptete, 
der Abbe sei der erklärte Günstling der Herzogin, in 
deren Salon man ihn an keinem Empfangstage fehlen 
sah. Niemand aber hatte ihn je zu einer anderen Zeit 
in idem Palast seiner Dame gesehen. Siebenunddreißig 
Jahre war Herr de Rance geworden, Almonsieur des 
Herzogs von Orleans, nie hatte er den goldenen 
Schlüssel von der Brust genommen, wo er an feiner 
Seidensohnur über dem Herzen hing, als ihn eines 
Abends die Liebe, über die er so lange triumphiert hatte, 
überwand. 
Er hatte einige Tage auf seiner Besitzung in der Graf 
schaft Perce, siebzehn Meilen von Paris entfernt, zu 
gebracht. 
Da erfaßte Herrn de Rance urplötzlich eine Sehnsucht 
ohnegleichen. Wie eine Sturzflut ging sie über ihn hin
        
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