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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

JaBrg. 27 
Ni. 33 
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schreiben uns ein halbes Dutzend hübscher kleiner 
Novellen — sagen wir zu je zwei Bogen — dann sind 
Sie frei, In einem Briefe an Ihren Diener teilen Sie mit, 
daß Säe für — wie lange werden Sie brauchen? — 
sagen wir vorläufig für vier Wochen, verreist seien und 
nicht gestört zu werden wünschten, weshalb Sie keine 
Adresse angäben.“ 
„Eine Zwischenfrage: worin besteht die Gegen 
leistung?“ 
„Wir haben Ihre Teppiche und Savongs nicht mit 
genommen, sondern nur Sde.“ 
„Eine eigenartige Vergleichsrechnung — aber ich bin 
ja in Ihrer Gewalt. Welcher Art sollen die Novellen 
sein? Sollen Sie Niveau haben?“ 
„Gewiß. Wir sind verwöhnt. Bitte, hohes Niveau. 
Aber selbstverständlich etwas — .sagen wir — erotisch.“ 
„Aha! Sde wollen . . . “ 
„Selbstverständlich.“ 
„Ich habe darin keine Übung.“ 
„Es wird schon werden.“ 
„Und wie äst das mit dem Druck?“ 
„Die Novellen gehen mit allem Recht in unseren Be 
sitz über. Vielleicht lassen wir sie uns als Privatdruck 
drucken — vorausgesetzt, daß sie wirklich Niveau 
haben.“ 
„Aber ohne meinen Namen!“ 
„Das müssen Sie uns überlassen.“ 
„Ich bin in Ihrer Gewalt.“ 
So etwa lief dieser liebliche Dialog, und so verreiste 
unser Freund Klaus. Vielleicht erinnerst du dich noch 
dieser abrupt angetretenen Reise, die uns damals un 
verständlich war, zumal der Diener jede Auskunft ver 
weigerte, und so schrieb er ein halbes Dutzend porno 
graphische Novellchen. Im übrigen sprach er mit Ach 
tung von dieser Reise und seinem Aufenthalt da oben 
im Norden. „Man schätzt diese Verbrecher ganz falsch 
ein“, das war das Erfahrungresultat dieser Reise, „sie 
sind Menschen wie wir, vielleicht ein wenig ehrlicher in 
mancherlei Dingen, in denen wir zu lügen gewohnt sind. 
Sie haben genau einen Spleen wie wir alle, nur daß er 
sich auf Dinge erstreckt, die anderen gehören. Wer 
weiß, was wir für Unglück und Leid mit unseren 
Büchern und unserem Geschreibsel anrichten? Viel 
leicht mehr als diese Leute, die aus dem Diebstahl eine 
Profession machen.“ 
ROBERT HEYMANN 
n dem Salon der Herzogin von Mont 
bazon unterhielt man sich angeregt 
über das letzte Ereignis, das den 
Parisern zu reden gab: Die Königin 
Christine von Schweden hatte Ninon 
de Lenclos einen Besuch abge 
stattet, als sie durch Frankreich 
reiste. Die Herren fanden das sehr 
charmant, ganz besonders Moläere, 
der die Prüderie der Herzogin von Longueville ver 
spottete und ein beizendes Epigramm zum besten gab, 
das der Herzog von Beaufort laut belachte. Man war 
diese kleine Genugtuung schließlich der Hausfrau 
schuldig, denn der Zwist zwischen der ehemaligen 
Prinzessin von Bourbon-Conde und der Herzogin war 
noch in aller Erinnerung. Damals hatte nur ein Macht 
wort des Hofes den „Damenkrieg“ beendet, der der 
stolzen Herzogin von Montbazon, welche ihre Rivalin 
schwer verleumdet hatte, eine schlimme Demütigung 
eintrug. 
Die Herzogin stand in der Reife ihrer Schönheit. Auf 
einem schlanken Halse saß ein kräftig geschnittener 
Kopf, den üppiges schwarzes Haar umrahmte. Hoch 
mütig aufstrebende (Brauen überflogen große, glänzende, 
dunkle Augen. Der leicht gewölbte Mund war von 
seltener Kleinheit, was um so pikanter anmutete, als 
die Herzogin eine Brünhildenerscheinung war, die alle 
Damen ihrer Zeit überragte — allerdings auch in der 
Kunst der Koketterie. Der Herzog von Guise, der vor 
kurzem erst Moritz Coligny durch einen Degenstich 
getötet, um sich der Herzogin gefällig zu zeigen, wandte 
sich mit einigen Worten des Lobes über das Epigramm 
Molieres an den geistreichen Larochfoucauld, der gleich 
falls zu den Verehrern der schönen Witwe des Herzogs 
von Montbazon zählte — vielleicht mehr aus Eitelkeit 
als aus wirklicher Zuneigung; denn in jener Zeit der 
pikanten Histörchen gewann man durch schöne Frauen 
am schnellsten jene Popularität, die für besondere Ver 
dienste ging. Und für den Rivalen eines Conde zu gelten, 
hat schon seine besonderen Reize. 
Die leichtfertige Unterhaltung verstummte, als der 
jugendliche Abbe de Rance den Salon betrat. Die Be 
wegung, welche die Herzogin ergriff, konnte den 
Kavalieren kaum entgehen. Aber man war teils zu 
klug, teils zu wohlerzogen, um dem Abbe wegen dieser 
Bevorzugung zu zürnen. 
Jean Bouthillier de Rance galt damals für einen der 
hervorragendsten Prediger. Er war ein besonderer 
Günstling der Königin Anna von Österreich (die die 
kurzen Ärmel in Mode brachte, um ihre wundervollen 
Arme zeigen zu können), und ein Protege des all 
mächtigen Kardinals Richelieu, dem er bereits als zwölf 
jähriger Knabe eine Übersetzung Anakreons gewidmet 
batte. Dabei war de Rance vollendeter Weltmann. 
Selten, daß er sich im Hotel Rambouillet in der Tracht 
seines Amtes zeigte. Man sah seine elegante, ge 
schmeidige Erscheinung meistens in vornehmen 
Kostümen aus violettem Sammet mit Goldborten und 
kostbaren, weißen Spitzenmanschetten. So erschien er 
auch jetzt. Um das geistreiche, blasse Gesicht spielt 
ein bewunderndes Lächeln, als die Herzogin ihm die 
Hand zum Kusse reichte. 
Es bedurfte erst einiger Scherzworte des Herzogs von 
Guise, den jungen Abbe in das Gespräch zu ziehen. 
Dann aber nahm dieses rasch eine andere Wendung. 
De Rance machte kein Hehl daraus, daß das leicht 
sinnige Leben im Marais sein Mißfallen erregte, wenn 
gleich er sich bis jetzt in seiner Lebensweise wenig von 
anderen glänzenden Kavalieren unterschieden. Er ge 
stand den aufhorchenden Freunden anakreontischer 
Philosophie, daß er entschlossen sei, sich irgendwohin 
in die Einsamkeit zurückzuziehen, um nach dem rechten 
Verhältnis zum Leben, zu Gott und der Wahrheit zu 
suchen. Man hörte ihn schweigend an, aber heimlich 
belächelte man seine Launen. Nur die Herzogin blieb 
einst, ja, düster. 
Es war die frivole Zeit der Ludwige (die unter dem 
Vormund Louis’ XV., dem Herzog Philipp von Orleans, 
ihren Höhepunkt erreichen sollte), die Zeit, da der Sohn 
der glänzenden Anna von Österreich noch die Anwart 
schaft auf den Thron der Bourbonen hatte. Die gar 
nicht so schöne, aber kluge Frau Searron war noch 
Fräulein d’ Aubigne und ahnte wohl kaum ihre künftige 
Größe, obgleich sie ihr der Freimaurer Barbe bereits 
prophezeit hatte.
        
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