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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jaürg. 27 
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mir übrigens sagen können, daß du ein- 
Keine Spur, du siehst doch, daß ich mich 
ein, im Smoking dort 
r hatte von der Fürstenklause gehört. Es 
sollte dort so intim sein und so furchtbar 
gemütlich. Als sein Freund Albert, der ihn 
abholte, ins Zimmer trat, knüpfte er sich 
gerade die Krawatte vor die Brust. 
„Guten Tag, nimm Platz und eine Zigarre. 
Ich bin gleich fertig“, sagte Reinhold und 
knüpfte weiter. 
Albert sah eine Weile den Freund an, dann 
meinte er; 
„Du hättest 
geladen bist.“ 
„Eingeladen? 
fertig mache!“ 
„Du bildest dir hoffentlich nicht 
hingehen zu können?“ 
„Einen Frack habe ich nicht“, sagte Reinhold bekümmert. 
„Du bist ja auch kein Oberkellner. Also zieh dich bitte um.“ 
Als die Freunde kurz darauf das Haus verließen, hatte auch 
Reinhold einen eleganten Gabardineanzug an, nur die Kra 
watte hatte er in der Eile vergessen zu wechseln. 
In der Fürstenklause war Hochbetrieb. Sie bekamen zwei 
Plätze an einem Tisch, an dem schon zwei Damen saßen. 
Albert schien sie zu kennen, denn er stellte vor. Er schien 
überhaupt sehr bekannt hier und wurde von verschiedenen 
Tischen herüber freundlichst begrüßt. Das Lokal füllte sich 
immer mehr, und sie mußten zusammenrücken. Reinhold 
sagte zu jedem: Angenehm, Sie kennen zu lernen, fühlte sich 
aber sehr unglücklich. Er kämpfte lange mit sich, ob er 
tanzen solle oder nicht. Albert aber schwebte dauernd im 
Gewühl auf dem roten Teppich und hatte zu jedem Tanz 
eine andere Partnerin. Endlich faßte auch er sich ein Herz. 
Aber die Dame, die er aufforderte, sah gar nicht auf. 
„Was wollen Sie denn zum Pilgerchor tanzen?“ fragte sie 
und schlürfte weiter an ihrem Cobler. 
Reinhold versank in seinen Sessel und in tiefes Schweigen. 
Er sah sich um. Das Lokal war wirklich riesig nett. Die 
Sessel, das entzückende blaue Teegeschirr, die Ampeln, die 
Musik. An den Wänden waren Kraniche abgebildet, oder 
sollten es Störche sein? Die Mädchen waren so nett und 
riesig elegant, wirklich intim war es hier und gemütlich. 
Irgend jemand behauptete plötzlich, Geburtstag zu haben, 
worauf ein allgemeines Hailoh entstand. Das müsse begossen 
werden, meinte Albert, der gar nicht mehr an den Tisch kam, 
sondern von einer Dame Zur anderen weitergereicht wurde. 
Man setzte eine Bowle an. Das Geburtstagskind wurde ge 
fragt, wie alt es sei, aber das wußte es nicht mehr. Man 
knobelte daher, und es fand sich, daß es gerade zwei Jahre 
alt wurde. Es blökte wie ein Baby, zum Zeichen, daß es sich 
so alt fühle. 
Dieser Herr war Reinhold besonders interessant, denn er 
antwortete auf jede Frage: „Nein, aber mein Onkel bläst die 
Flöte.“ Plötzlich hörte Reinhold bekannte Töne. War das 
nicht Strauß? 
„Das ist doch „Rosen aus dem Süden?“ 
„Nein, aber mein Onkel bläst die Flöte.“ 
Aber er störte sich nicht daran, stand auf und bat seine 
Nachbarin um den Tanz. Diese schien aber den Hopserwalzer 
nie gelernt zu haben, denn sie kamen beide nicht in Takt. 
Als er daher im Glauben, ihr das beibringen zu müssen, sie 
bei einer besonders schönen Stelle heftig im Kreise herumriß, 
kam er aus dem Gleichgewicht und setzte sich mit Gewalt 
auf einen Eiskühler. 
„Da haben Sie ja noch Glück gehabt, daß keine Flasche 
drin war“, sagte ein schwerer Herr, der gerade Sekt eingoß. 
Dieses Ereignis machte Reinhold auf den Tisch gegenüber 
aufmerksam, an dem im Gegensatz zu den übrigen ein Kranz 
von Herren um eine einzelne Dame saß. 
„Das ist Frau Kaase“, sagte jemand. „Sie war früher mit 
einem Bildhauer verheiratet, jetzt ist sie geschieden.“ 
Die arme Frau, dachte Reinhold. Geschieden! Ohne Mann. 
Gewiß ist sie sehr einsam. Zwar sah sie im Augenblick nicht 
so aus, aber sicher nachher, wenn sie nach Hause ging. Und 
hier suchte sie ihren Schmerz zu betäuben. Es war sehr 
traurig. Er wollte noch mehr über Frau Kaase wissen, die 
ihn ab und zu mit ihren großen dunklen Augen ansah und ihn 
verheißungsvoll anlächelte. Aber Albert goß eben Bowle ein, 
und von den anderen war kaum jemand vernehmungsfähig. 
Wer Platz hatte, schwebte auf dem schweren dicken roten 
Teppich langsam nach den Klängen der unvergleichlichen 
Kapelle dahin. Nach der zweiten Bowle stieg die Stimmung 
aufs höchste und Albert auf den Tisch, um eine Rede zu 
halten. Ein fremder Herr kam an den Tisch, nahm Reinholds 
Glas und leerte es auf das Wohl der Kapelle. Vor seinen 
Augen tanzten die Störche, Melodien kreisten in seinem Hirn. 
Seine Nachbarin, der Reinhold nicht temperamentvoll genug 
war, nahm sein Ohrläppchen in die Hand und sang: Es gibt 
im Leben manchesmal Momente .... 
In diese gemütliche Stimmung platzte die Bombe in Gestalt 
eines jungen Mannes von neunzehn Jahren, der, wie sich 
später herausstellte, bis zum Wahnsinn in Frau Kaase verliebt 
war. Er hatte sie vor einigen Tagen kennen gelernt, hatte 
einen verheißungsvollen Blick ihrer unergründlichen Augen 
aufgefangen und sich daraufhin mit ihr um elf Uhr vor der 
Fürstenklause verabredet. Sie hatte das natürlich längst ver 
gessen, und so stand er nun seit vier Stunden unten im 
Schnee. Selbst das einfachste Gemüt kennt gewisse Grenzen, 
und jetzt hatte es bei ihm ausgehakt. 
Reinhold hatte gerade sein Ohr aus dem niedlichen Händchen 
der Dame befreit und einen Kuß auf ihre rosigen Fingernägel 
gedrückt, als er diesen Herrn hereinstürmen sah, der sich 
direkt auf Frau Kaase stürzte, die mit einem Herrn tanzte. 
Durch die anderen Paare wurden sie getrennt. So bekam er 
Albert zu fassen, mit dem er sofort in ein Handgemenge 
f eriet. Der dicke Herr von Frau Kaases Tisch mischte sich 
inein, bekam einen Stoß vor den Magen, worauf der junge 
Mann mit hörbarem Ruck durch die Klapptüren in die Gar 
derobe flog. Das war das Signal zum allgemeinen Kampf. 
Mehrere Herren fühlten sich — kein Mensch wußte, warum 
— beleidigt und stellten den Dicken zur Rede. Der junge 
Mann tauchte wieder auf, doch hatte er längst vergessen, mit 
wem er sich geschlagen hatte. Et verfehlte die Richtung und 
kam an Reinholds Tisch. 
„Sie waren auch dabei!“ schrie er. 
„Nein, aber mein Onkel bläst die Flöte.“ 
Dann kam eine Stimme von irgendwoher: 
„Kinder sollte man um acht Uhr ins Bett schicken.“ 
Der junge Mann fühlte sich getroffen und hüpfte mitten in 
den kämpfenden Knäuel. 
„Wer hat das gesasgt? Wer hat das gesagt?“, rief er. 
Die Kellner traten geschlossen an und drängten zum Aus 
gang. Frau Kaase bekam einen Ohnmachtsaniall und schloß 
ihre wundervollen rätselhaften Augen. Man legte sie auf die 
Erde und gab ihr einen Kognak. In der Garderobe ging das 
Handgemenge weiter. Albert rang auf Tod und Leben mit 
einem ihm unbekannten Herrn, ein Teil kämpfte auf der 
Treppe. Der junge Mann hatte die Gelegenheit erspäht und 
zog an dem nicht mehr befestigten Läufer, worauf ein Knäuel 
bunter Leiber die Treppe hinabpolterte, eng umschlungen, 
um gleich wieder hinaufzustürmen. Reinhold hielt mit drei 
anderen die Glastüren zu, damit die Damen nicht hinaus 
konnten, die oben eingeschlossen in der schrecklichsten Auf 
regung umherliefen. 
Unter den gänzlich Unbeteiligten war auch ein riesiger 
Ringkämpfer, der den ganzen Abend an der Bar gesessen 
hatte. Da es ihm nicht mehr gemütlich genug war, hatte er 
sich angezogen und wollte gehen. Und siehe, als er auf den 
Gang hinaustrat, bekam er von irgend jemand eine furcht 
bare Ohrfeige. Das brachte ihn zuerst etwas aus der Fassung, 
da er nicht wußte, wieso und weshalb? Aber dann erwachte 
der furor teutonicus. Er nahm seinen armdicken Knotenstock 
und machte; freie Bahn! Im Nu war die Treppe leer. Und 
Reinhold, der mit hinausgefegt worden war, sah nur noch, 
wie der Kampf vor der Tür im Schnee weiterging. Die Damen 
erschienen vorläufig noch nicht. Auch nicht Frau Kaase, von 
der er gern noch einen Blick aufgefangen hätte. Sie hatte 
sich längst wieder erholt und feierte oben Versöhnung mit 
dem jungen Mann, während unten der Kampf tobte, dessen 
Veranlassung sie gewesen war. Das verstand Reinhold nicht. 
Bisher war es ja ganz gemütlich gewesen, aber jetzt, hier 
draußen, im Schnee, bei zwölf Grad Kälte? Nein, das war 
nichts für ihn. So ging er denn allein nach Hause und 
beschloß, in Zukunft weniger gemütliche Lokale aufzusuchen.
        
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