Path:

Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

NT. 4

Jacl"fI.26

nie h t gekommen! und ich fühlte genau, Sie würden nie
mehr kommen, nie! - nie!" - - "Nun ja", entgegnete Eveline müde, "Sie mögen Recht
haben, Sie haben auch Recht, ich wäre nie mehr gekommen,
nie - abeT nicht aus Gleichgültigkeit, sondern darum,weil es schön war, weil es
nicht mehr schöner werden
konnte und nie mehr so
schön, wie es damals war.Ich begreife ja, daß ihre
Unruhe Sie hierher trieb,
versuchen Sie auch zu begreifen, warum ich fern
blieb: aus Pie t ä t v 0 I'
der E r i n n e I' u n g. Gewiß: Sie sind ein Idealist
- auf Ihre Weise. Ich bin
ein Idealist auf meine Weise.
Ich wollte mir dieses Erinnern in meinen Gedanken
bewahren, damit nie seine
schöne Harmonie
durch
eine Disharmonie, wie eben
jetzt, getrübt werden könnte.
Vielleicht war es das, was
mich Ihnen feindlich erscheinen ließ, daß ich bei
Ihrem Eintreten fühlte, Sie
kamen, um mir Ihre Erinnerung zu raubcn.Immer, wenn meine Gedanken d en sonnigen -Sommer und Tristan und seine
märchenhafte Silhouette gegen den leuchtenden Abendhimmel suchen, werde ich
Herrn Becker in h ellgelben
Glacehandschuhen auf dem
schwankenden
Rokokostühlchen sitzen sehen.
Verzeihen Sie mir, bitte,
verzeihen Sie meine Offenheit - ich war Ihnen eine
Erklärung schuldig'"
"Ich", sagte Tristan und
seine Stimme vibrierte hörbar, "ich habe Ihre Offenheit
auch
geliebt,
da
drauße n, im Freien - auf
der Wiese - in der bunten
Natur geliebt wie Sie selbst wie alles an Ihnen
- - - aber hier aus dem Munde eine r Modedame, im
Rahmen des Rokokosalons, scheint sie mir auch nicht in dem
richtigen Raume, und vielleicht wäre mir jetzt eine schön
geschmückte Lügc lieber gewesen. Vergessen Sie, vergessen Sie, daß ich hier war, verzeihen
Sie daß ich Ihre artistischen Hemmungen nicht bedat:hte und die Heftigkeit meiner
Gefühle und die quälende
Sehnsucht mich zu I h ~on
trieb - - vergessen Sie _ . .
Seine gruße Hand faßte
zitternd nach dem grauen
Hute, den Blumen in dem
Seidenpapier, d en hellgelben
Handschuhen, deren leere
Finger traurig aufeinander
,anken. - Es schellte.
An der Türe stieß er fast
mit der kleinen Frau von
Haag zusammen; er stürmte
vor ihr hinaus, r~lan hörte
draußen die Korridortüre
zufallen.

10

"Na, der hätte mich ja bald umgerannt, wer war denn der
eilige Riese?" fragte lächelnd die zierliche junge Frau und
verbreitete eine feine Atmosphäre von Parfüm und Eleganz.
"Ach, was Geschäftliches", sagte Eveline. "Sie entschuldigen, nicht wahr? D er Herr
mußte nämlich zur Bahn."
"Kann ich meine Haar'e
gerade noch ein bißehen
richten?
Ich hatte den
Schleier nicht festgebunden
- und Bob fuhr wieder ein
Tempo - ".
"Aber bitte. Minna, helfen
Sie mal der gnädigen Frau'"
"Wir müssen uns eilen",
rief Frau von Haag aus dem
Nebenzimmer, "die Herren
sind extra unten geblieben,
da wir ohnehin schon so
spät dran sind'"
Eveline nahm das lila
Hütchen mit dem langen
Schleier aus dem Karton;
es stand ihr allerliebst. Dieses Fräulein Olden hatte
doch einen Schick! "Goldig schauen Sie wieder aus!" rief die kleine
Frau von Haag , nun kommen
Sie aber endlich, sonst werden unsere Herren un geduldig. "

"Dies also ist Dr. Curzon
- und dies ist meine schöne
Freundin Eveline."
Dr. Curzon nahm das Mo.
nokel aus dem A uge, beugte
sich über Evelines Hand und
sagte: "Meine Gnädige."
"Wir werden eine hübsche Fahrt machen", meinte
Herr von Haag, "das Wetter
ist prächtig, die Damen sind
prächtig und der neue Karren
läuft wie der Deuvel."
An einer Straßenbiegung sah man in der Ferne eine
Droschke, vor der mit müder Gebärde ein Schimmel trottete.
Im Rücksitz saß ein breitschultriger Herr in rostbraunem
Paletot, vorne auf dem Rock schwankte hilflos ein braunes
Reisetäschchen.
Die Hupe tutete - der Schimmel sprang steifbeinig zur
Seite - der Chauffeur drehte sich schimpfend gegen den
dicken Kutscher mit dem
weißen Gaul Evelines
, y " "lila Schleier wehte im Winde wie eine Fahne.

-

1 ' .....

r

I
t

"Sie sollten Ihren Pelz
umnehmen,
Gnädigste",
sagte Dr. Curzon, "es ist
doch kühl."

Er beugte sich ein wenig
vor und legte sehr behutsam die graue Stola um Evelines Schultern.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.